München (epd). Am Dienstag (2. Mai) erhalten rund 112.000 bayerischen Viertklässler ihre sogenannten Übertrittszeugnisse - und auch dieses Jahr sind sich die Lehrerverbände über Sinn und Zweck uneins. Der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) forderte am Donnerstag "einen Verzicht auf eine Selektion" mit Durchschnittsnoten aus den Fächern Deutsch, Mathe und Heimat- und Sachunterricht. Der Bayerischen Realschullehrerverbands (brlv) verteidigte das System. Und Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) wies Kritik zurück, das System sei zu starr und die Empfehlung endgültig: "Das Zauberwort lautet Durchlässigkeit."
Der BLLV teilte mit, Schulnoten hingen zunehmend "vom sozioökonomischen Hintergrund des Elternhauses" ab. Damit werde der Wettbewerb um Bildungschancen schon in der vierten Klasse für viele Kinder ein Kampf, den sie nur verlieren können. Der Notendurchschnitt regelt in Bayern, für welche weiterführende Schulart die Kinder zugelassen sind. Solch ein starres Übertrittsystem gebe es neben Bayern nur noch in Sachsen und Berlin, monierte der BLLV. Verbandschefin Simone Fleischmann kritisierte, dass beim Notenschnitt "die Stellen nach dem Komma" über den weiteren schulischen Weg" eines Viertklässlers entscheiden.
Der Landesvorsitzende des Bayerischen Realschullehrerverbands (brlv), Jürgen Böhm, sprach sich hingegen für die Beibehaltung des "bewährten bayerischen Übertrittsverfahrens" aus. Dieses Verfahren und die Vergabe von Noten zur Leistungsbeurteilung dürften "nicht ständig infrage gestellt werden", sagte er. Die in Bayern bewährte und verpflichtende Übertrittsempfehlung sei zudem notwendig, um den Schülerinnen und Schülern den für sie passenden Bildungsweg zu ermöglichen. "Eltern werden mithilfe der Übertrittsempfehlung dabei unterstützt, die Fähigkeiten und Präferenzen ihrer Kinder realistisch einzuschätzen", sagte Böhm.
Piazolo verteidigte das System ebenfalls. Das Übertrittszeugnis biete "eine wichtige Einschätzung der Klassenlehrkraft über Stärken, Neigungen und Fähigkeiten sowie die zukünftige bestmögliche Förderung" der Kinder. Nach der vierten Klasse werde "eine erste Entscheidung getroffen", aber "Interessen, Motivation und auch Fähigkeiten können sich verändern", genauso wie die passende Schulart. Der Wechsel an eine andere Schulart sei auch danach jederzeit möglich, sagte er. Die Zahlen belegten dies: Mittlerweile würden in Bayern rund 50 Prozent der Hochschulzugangsberechtigungen über den beruflichen Bildungsweg erworben.
Eine Onlinebefragung des Kultusministeriums zum Übertritt - die zuletzt 2019 vor den Corona-bedingten Anpassungen erfolgt sei und an der unter anderem die Elternsprecher von 700 Grundschulen teilgenommen haben - habe ergeben, dass mehr als 75 Prozent der Elternvertreter die Praxis des Übertrittszeugnisses in der Jahrgangsstufe 4 als "sinnvolle Maßnahme" bewerten.