München, Heidelberg (epd). Der Münchner Erzbischof Kardinal Reinhard Marx will die historische Verantwortung der katholischen Kirche während des NS-Regimes bei der Verfolgung der Sinti und Roma aufarbeiten lassen. Marx hatte in dieser Woche auf Einladung des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma das Dokumentations- und Kulturzentrum des Verbands in Heidelberg besucht, wie Zentralrat und Erzbistum am Donnerstag gemeinsam mitteilten. Insbesondere ging es bei dem Besuch auch um die Rolle des damaligen Münchner Erzbischofs Kardinal Michael Faulhaber (1869-1952) und seine Haltung zu Sinti und Roma.

Anlass von Marx Besuch sei die Frage gewesen, inwieweit das Erzbistum sich eine Würdigung von Oskar Wilhelm Rose vorstellen kann. Rose hatte am 5. April 1943 unter Lebensgefahr und falschem Namen versucht, bei Kardinal Faulhaber vorzusprechen und die katholische Kirche um Hilfe zu bitten. Faulhaber hielt in seinem inzwischen öffentlich zugänglichem Tagebuch an diesem Tag fest: "Bei Sekretär ein Zigeuner, namens Adler, katholisch - Die 14.000 Zigeuner im Reichsgebiet sollen in ein Lager gesammelt und sterilisiert werden, die Kirche soll einschreiten. Will durchaus zu mir. - Nein, kann keine Hilfe in Aussicht stellen."

Der Vorsitzende des Zentralrats der Sinti und Roma und Sohn von Oskar Wilhelm Rose, Romani Rose, sagte: "Der Satz in Faulhabers Tagebuch beweist die mutige Initiative meines Vaters und erscheint mir daher wie ein Sinnbild für das moralische Versagen der damaligen Kirchenführung." Die zumeist katholischen Sinti hatten sich angesichts der drohenden Vernichtung vergeblich Schutz und Beistand von der Kirche erhofft. Ende 1942 hatte der Reichsführer SS Heinrich Himmler mit dem Auschwitz-Erlass angeordnet, alle noch im Deutschen Reich lebenden Sinti und Roma in das Vernichtungslager Auschwitz zu deportieren.

Romani Rose sagte, inzwischen sei belegt, dass die katholischen Bischöfe damals "genaue Kenntnis von der Dimension der Vernichtung unserer Minderheit" hatten. Eine Erinnerung an die Initiative von Oskar Rose durch das Anbringen einer Gedenktafel am Erzbischöflichen Palais wäre "ein wichtiges Bekenntnis vonseiten der Kirche, um verloren gegangenes Vertrauen wiederaufzubauen", sagte Romani Rose. Marx betonte, er stehe einer Gedenktafel "offen gegenüber", um an "diese Form des Widerstands zu erinnern". Zudem sehe er sich "als Nachfolger von Kardinal Faulhaber in einer besonderen Verantwortung".

Von den während der NS-Zeit lebenden rund 40.000 deutschen und österreichischen Sinti und Roma wurden mehr als 25.000 ermordet. Insgesamt fielen Schätzungen zufolge 500.000 Sinti und Roma dem Rassenwahn der Nationalsozialisten zum Opfer.