München (epd). Steigende Elternbeiträge, Gruppenschließungen, ausgelaugtes Personal, fehlende Plätze - so beschreiben Grüne und SPD die Lage an den bayerischen Krippen und Kindergärten sowie bei der Betreuung der Grundschulkinder. Bayerns Sozialministerin Ulrike Scharf (CSU) hingegen verbreitet Zuversicht: Bis zum Jahr 2028 werden alle 180.000 benötigten zusätzlichen Betreuungsplätze vom Kleinstkind bis Viertklässler zur Verfügung stehen - und auch bei den Fachkräften wird sich die aktuelle Lücke schließen.
Zwei am Montag vorgestellte Studien des Staatsinstituts für Frühpädagogik und Medienkompetenz (ifp) und der Prognos AG im Auftrag des Sozialministeriums kommen zu dem Schluss: In Bayern muss in den nächsten Jahren weiter massiv in den Ausbau von Kita-Plätzen und in die Ausbildung von Fachkräften investiert werden. Demnach fehlen bis zu 130.000 Plätze in der Schulkindbetreuung und weitere knapp 50.000 im Kita-Bereich. Um den Bedarf zu decken, seien außerdem etwa 18.400 zusätzliche Fachkräfte notwendig.
In der ifp-Studie heißt es aber auch: In den vergangenen Jahren sei bereits viel getan worden, um dem aktuellen und zu erwartenden Mehrbedarf an Fach- und Ergänzungskräften entgegenzuwirken. Jährlich seien seit 2016 zwischen rund 4.000 und mehr als 5.200 neue Fachkräfte hinzugekommen. Selbst bei ungünstigen Rahmenbedingungen, wie etwa einem verstärkten Zuzug von Familien, sei die Fachkräftelücke spätestens 2027/2028 geschlossen - bei günstigeren Rahmenbedingungen vielleicht schon im Jahr 2026.
Sozialministerin Scharf sagte dazu, man könne angesichts dieser Prognosen davon sprechen, dass die bayerische Staatsregierung "die Segel richtig gesetzt" habe, um den Fachkräftemangel anzugehen. So sei allein die Zahl der Fachakademien für Sozialpädagogik von 49 im Jahr 2011 auf nun 73 gestiegen, weitere seien in Planung, erläuterte Scharf: Man werde die Kommunen "bei der Schaffung der notwendigen 130.000 Plätze für die Betreuung von Grundschulkindern" und weiteren 50.000 Plätzen für Kita-Kinder unterstützen.
Grünen-Fraktionschefin Katharina Schulze sagte, Eltern mit Kindern in Bayern bräuchten "sofort Lösungen für die Kita-Krise" und nicht nur eine "Aussicht auf bessere Zeiten". Denn den Studien zufolge fehlten aktuell etwa 65.000 Betreuungsplätze und 14.000 Fachkräfte. Es sei daher "ein Schlag ins Gesicht für Kita-Beschäftigte und Familien", wenn das Sozialministerium sich nun damit brüste, bis 2028 alles im Griff zu haben. Zudem sei interessant, wozu Scharf beim Thema Schulkindbetreuung nichts sage: "Sie sagt nichts zur Qualität."
Die SPD-Abgeordnete und Vorsitzende des Landtags-Sozialausschusses, Doris Rauscher, bewertete Scharfs Aussagen als "zunächst nur schwer zu glauben". Schließlich fehle es in den Kitas und in der Betreuung der Grundschulkinder "an allen Ecken und Enden" an Personal, Öffnungszeiten würden gekürzt, ganze Gruppen nicht geöffnet oder wieder geschlossen. "Selbst wenn es stimmt, dass sich innerhalb der nächsten drei bis fünf Jahre alle Probleme in Luft auflösen", bräuchten Eltern und Kinder jetzt Lösungen, sagte sie.
Die Studie "Ganztagsbedarf von Grundschulkindern in Bayern" der Prognos AG im Auftrag des Ministeriums hat außerdem ergeben, dass aktuell nicht alle Eltern ein Ganztagsangebot für ihre Kinder brauchen und wollen. Hier sollten auch die Bedarfe an kürzeren Betreuungszeiten "nicht außer Acht" gelassen werden. Klar ist aber auch: In den Städten wird es einen höheren Betreuungsbedarf geben als auf dem Land - und Kinder, die schon in Krippe und Kindergarten viel betreut wurden, benötigen diesen Umfang auch im Grundschulalter.
Nicht ganz so gut wie die beiden vom Sozialministerium in Auftrag gegebenen Studien hatte zuletzt der Fachkräfte-Radar der Bertelsmann-Stiftung die Situation im Freistaat bewertet. Dieser geht davon aus, dass in Bayern im Jahr 2030 bis zu 67.000 Fachkräfte für Kitas und Grundschulkinderbetreuung fehlen könnten.