Es ist still an diesem Sonntagabend im Justizgebäude II. Keine Gerichtsschelte, keine plädierenden Stimmen, sondern Menschen, die sich dicht gedrängt um historische Dokumente scharen. Auf Stellwänden sind Gesichter zu sehen, Namen, Urteile. "Wegen vier Kästen Bier verurteilt zum Tode" steht da.
Daneben der Hinweis auf einen Vater, der eingesperrt wurde, weil sein dreijähriges Kind über Propagandaminister Goebbels gelästert haben soll. Für Martin Waßink, pädagogischer Leiter und Co-Teamvorstand des Evangelischen Bildungswerks Oberfranken-Mitte, ist klar: "Hier wird spürbar, dass es nicht um abstrakte Geschichte geht, sondern um radikale Unmenschlichkeit mitten im Alltag."
Der 9. November in Bayreuth stand ganz im Zeichen des Erinnerns. Zwei Gedenkwege führten durch die Stadt: am Vormittag der Gedenkweg der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Bayreuth-Oberfranken zur Reichspogromnacht 1938, am Abend der interinstitutionelle Weg "Gedenken mit Worten und Wegen". Sie führten zu Orten, an denen deutlich wird, wie eng die Geschichte der Stadt mit der Verfolgung jüdischer Menschen und mit der Justiz im Nationalsozialismus verflochten ist.
Geschichte hautnah
Besonders nah rückte diese Geschichte für Waßink an einem Haus, das er gut kennt: der Ludwigstraße 29. Dort hat heute die Geschäftsstelle des Evangelischen Bildungswerks Oberfranken-Mitte e.V. ihren Sitz. An der Fassade erinnert eine Gedenktafel an Josef und Rosette Weinberger, die enteignet, deportiert und im Alter von 81 und 78 Jahren im Ghetto Theresienstadt ermordet wurden. "Das stille Gedenken an die ehemaligen eigentlichen Besitzer dieses Hauses hat mich besonders berührt", erzählt Waßink. "Wir arbeiten heute in Räumen, in denen Menschen lebten, denen ihr Zuhause und später das Leben systematisch genommen wurde. Das macht was mit mir: denn, was bedeutet diese Geschichte für unsere Bildungsarbeit heute?"
Erinnerung an Unrecht
Wie nah das Unrecht von damals dem heutigen Stadtleben ist, wurde vielen an der ersten Station des Abendweges deutlich. Am Sternplatz erinnerten drei Jugendliche aus Bayreuth an Gleichaltrige, denen ihre Zukunft allein aufgrund ihres jüdischen Glaubens geraubt wurde. "Man sah es an der Stille und an den ergriffenen Gesichtsausdrücken", beschreibt Waßink die Atmosphäre. "Da wurde spürbar: Die Geschichte spielt nicht irgendwo weit weg, sie beginnt in Straßen, in denen wir heute einkaufen und uns treffen."
Der Abendweg führte zu weniger bekannten Erinnerungsorten wie dem Storchenhaus und dem Justizpalast. Dort erzählten persönliche Schicksale von Verfolgung und Entrechtung. Vor dem Storchenhaus wurden Einzelschicksale von Menschen sichtbar, die aus ihrem Leben gerissen wurden. Im Justizgebäude wiederum ging es um die Rolle der Justiz in der Gauhauptstadt Bayreuth. Anhand von Urteilen des Sondergerichts wurde gezeigt, wie sehr Gerichte zu willigen Werkzeugen der NS-Herrschaft wurden. "Neugierig, betroffen – und ergriffen", so fasst Waßink die Reaktionen der Teilnehmenden zusammen.
Neue Forschungsergebnisse
Im Justizgebäude II stellte der Landgerichtspräsident Matthias Burghardt neue Forschungsergebnisse zur Tätigkeit des Volksgerichtshofs und des Sondergerichts vor. Für viele Besucherinnen und Besucher waren die Details kaum zu fassen. "Ich habe eine große, ungläubige Bewegtheit gespürt", sagt Waßink. "Wegen vier Kästen Bier verurteilt zum Tode – das löst Fassungslosigkeit aus. Oder der Fall, in dem ein Vater eingesperrt wurde, weil sein dreijähriges Kind über Goebbels gelästert haben soll. Da wird deutlich, wie sehr Angst und Gewalt bis in Familien hineinwirkten."
Doch es blieb nicht bei der historisch rückblickenden Perspektive. Mehrfach wurde der Bogen in die Gegenwart geschlagen. Landgerichtspräsident Burghardt rief dazu auf, wachsam zu bleiben gegenüber autoritären Tendenzen heute: Jede und jeder könne etwas tun, und wenn viele etwas tun, könne sich die Gesellschaft verändern. Für Waßink ist das ein wichtiger Punkt: "Erinnern darf nicht beim Rückblick stehen bleiben. Es geht darum, Verantwortung für eine demokratische, menschliche Zukunft zu übernehmen."
Breites Bündnis veranstaltete Abend
Auch Dekan Jürgen Hacker betonte die Aktualität des Gedenkens. "Im Vergessen liegt eine Wurzel des Antisemitismus", sagte er. Der Appell "Vergiss nicht" richte sich an die Stadtgesellschaft von heute: Erinnern sei keine historische Kür, sondern eine Aufgabe, die dem Schutz von Minderheiten und der Verteidigung demokratischer Werte diene.
Getragen wurde der Abend von einem breiten Bündnis: Stadtkirche Bayreuth, Evangelisches Bildungswerk Oberfranken-Mitte und das Colloquium Historicum Wirsbergense bildeten den Kern, unterstützt von der Stadt Bayreuth und weiteren Partnern wie dem Landgericht, der katholischen Erwachsenenbildung und dem Historischen Verein für Oberfranken. "Das Miteinander hat sehr gut funktioniert", sagt Waßink rückblickend. "Es war allerdings auch einiges an Koordinationsaufwand nötig." Für ihn ist dieses gemeinsame Tragen Teil der Botschaft: Erinnern ist keine Einzelaufgabe, sondern ein gesamtgesellschaftliches Projekt.
Auch die Resonanz im Nachgang zeigt, dass der 9. November nachwirkte. Persönlicher Dank erreichte die Organisatoren ebenso wie Rückmeldungen, dass viele Neues gelernt hätten. Ein Kellner sprach Waßink am nächsten Tag in einem Café an: Er habe ihn beim Gedenken gesehen. Solche Situationen zeigen für Waßink, dass das Erinnern durchaus Menschen erreicht, die nicht regelmäßig an Gedenkveranstaltungen teilnehmen. "Es waren nicht nur die Üblichen dabei", sagt er. Unter den Teilnehmenden seien auch mehrere Personen in den Dreißigern und Vierzigern gewesen.
Mit der Geschichte auseinander setzen
Für Diskussion sorgte die Anwesenheit eines AfD-Abgeordneten. Einige Besucherinnen und Besucher äußerten Verwunderung und Irritation – auch mit Blick darauf, dass der bayerische Landesverband der Partei vom Verfassungsschutz als Beobachtungsfall eingestuft ist. Für Waßink gehört auch diese Spannung zur Realität des Gedenkens im Jahr 2025: "Wir erleben offenen Antisemitismus und Angriffe auf demokratische Werte. Gerade deshalb ist es wichtig, dass wir uns mit der Geschichte auseinandersetzen und fragen, welche Haltung wir heute einnehmen."
Am Ende dieses 9. November bleibt für ihn vor allem eines: die Erfahrung, dass sich Geschichte verändert, wenn sie erzählt, gezeigt und an konkreten Orten verortet wird. In der Ludwigstraße 29, im Storchenhaus, im Justizpalast, am Sternplatz. "Wenn wir mit Menschen durch die Stadt gehen, bekommen die Namen ein Gesicht und die Orte eine andere Tiefe", sagt Waßink. "Erinnerung ist dann nicht mehr nur ein Datum im Kalender, sondern eine Haltung, die uns im Alltag begleitet."