Auf dem evangelischen Stadtfriedhof in Bayreuth erinnert ein Gedenkort an das Schicksal von Sinti und Roma. Vier Stelen aus Cortenstahl informieren über Geschichte, Verfolgung und bis heute anhaltende Diskriminierung der Minderheit. Besonders ins Auge fällt eine Inschrift: der Text des Bonhoeffer-Lieds "Von guten Mächten wunderbar geborgen".
Der Gedenkort liegt bewusst unmittelbar neben den Gräbern der Bayreuther Sintifamilie Rose. Deren Angehörige wurden im Nationalsozialismus verfolgt, in Konzentrationslagern ermordet und später auf dem Stadtfriedhof beigesetzt. Für den Bayreuther Dekan Jürgen Hacker ist dieser Ort alles andere als abstrakte Erinnerungspolitik:
"Ganz speziell berührt mich diese Gruppe, weil es Gräber gibt von Menschen, die in KZs getötet wurden und deren sterbliche Überreste hier liegen", sagt er im Gespräch.
Verantwortung der Kirche und das lange Schweigen
Hacker ordnet den Gedenkort in einen größeren Zusammenhang ein. Er verweist auf das Stuttgarter Schuldbekenntnis der evangelischen Kirche nach 1945:
"Die Kirchen haben damals erkannt und bekannt, dass sie angesichts des nationalsozialistischen Terrors versagt haben – gerade mit Blick auf verfolgte Minderheiten", sagt er. Sinti und Roma seien dabei viel zu lange "eine von vielen Gruppen" gewesen, über die kaum öffentlich gesprochen wurde.
Der neue Gedenkort setzt dem etwas entgegen. Er erinnert nicht nur an Opferzahlen, sondern an konkrete Biografien: an Max und Wilhelm Rose, an ihre Familie, an die Gemeinde vor Ort. Hier wird deutlich, dass Ausgrenzung und Vernichtung mitten in der Nachbarschaft begonnen haben.
Zugleich versteht Hacker den Ort als Warnsignal für die Gegenwart: Wer vergesse, sei anfällig dafür, dass sich ähnliches wiederhole, betont er. Gedenken soll kein Ritual "für die Geschichtsecke" sein, sondern eine Anfrage an heutige Haltungen – auch in der Kirche.
"Von guten Mächten" als Trostlied der Familie Rose
Dass ausgerechnet "Von guten Mächten" Teil der Stelen geworden ist, geht auf eine Rückmeldung aus der Familie Rose selbst zurück.
"Es hat uns sehr berührt, als die Familie zurückgemeldet hat, dass dieser Text sie in schwierigen Situationen tröstet", erzählt Hacker. "Dass sie diesen Text, obwohl von einem evangelischen Theologen verfasst, als sehr nah erlebt und er ihnen in dunklen Stunden hilft."
Für die Arbeitsgruppe, die den Gedenkort entwickelt hat, war damit klar: Dieser Text sollte nicht nur gesungen, sondern dauerhaft sichtbar werden. So ist eine der Stelen dem Bonhoeffer-Gedicht gewidmet, das heute weltweit in vielen Sprachen in Gottesdiensten erklingt.
Hacker erlebt die Kraft dieses Textes regelmäßig in seiner Seelsorge: "Ich merke, welche Tiefe dieser Text Menschen mitgibt. Noch vor wenigen Jahren war das Lied bei Trauerfeiern die Ausnahme, heute wird es bei einem großen Teil der Beerdigungen gewünscht", sagt er. Dass ausgerechnet eine Familie, die von rassistischer Verfolgung betroffen war, darin Trost findet, sei für ihn ein starkes Zeichen.
Dass Bonhoeffer selbst von den Nationalsozialisten ermordet wurde, schafft zudem eine Verbindung zu den Biografien der Familie Rose. "Texte eines christlichen Widerstandskämpfers und die Geschichte einer verfolgten Minderheit – das passt hier zusammen", so Hacker.
Ein authentischer Ort der Erinnerung
Wolfgang Hegel von der Kultur- und Heimatpflege des Bezirks Oberfranken hat den Prozess fachlich begleitet. Ihm war wichtig, den Gedenkort nicht irgendwo im Stadtgebiet anzusiedeln, sondern direkt am Stadtfriedhof: "Die Zielsetzung war, einen Gedenkort am authentischen Ort zu schaffen", erklärt er. "Wir haben hier die Gräber der Familie Rose, und in ihrer Nähe diesen Ort einzurichten, war für uns ein zentraler Punkt."
Die Stelen informieren über die Geschichte von Sinti und Roma, über Verfolgung im Nationalsozialismus und über die Tatsache, dass Vorurteile auch nach 1945 nicht verschwunden sind. Hegel spricht von einem "Bewusstsein dafür, dass viele Bilder bis heute in den Köpfen weiterleben und nie wirklich aufgearbeitet wurden".
Gleichzeitig sollte der Gedenkort ein sichtbares Signal an die Community sein: "Uns war wichtig, ein Zeichen zu setzen, dass wir die Anliegen von Sinti und Roma ernst nehmen", sagt Hegel. Deshalb sei der gesamte Prozess in enger Abstimmung mit Angehörigen der Familie Rose, dem Landesverband der Sinti und Roma in Bayern und dem Zentralrat erfolgt.
Eine der Stelen stellt die Biografie von Max und Wilhelm Rose sowie einer weiteren Frau, Hulda Siebert, in den Mittelpunkt. Für Hegel ist das entscheidend:
"Es berührt einfach, wenn man Einzelschicksale sieht", sagt er. Gerade für Schulklassen oder Jugendgruppen helfe es, konkrete Lebensgeschichten vor Augen zu haben, statt nur Jahreszahlen und Statistiken.
Der Gedenkort soll so auch zu einem Lernort werden. Hier können Konfirmandengruppen, Schulklassen, Gemeindekreise und andere Gruppen ins Gespräch kommen: über Verfolgungsgeschichte, über Vorurteile damals und heute und über die Frage, was das mit ihrer eigenen Haltung zu tun hat.
Moderne Erinnerungskultur: Rückblick und Zukunft
Für Hegel zeigt sich an diesem Gedenkort exemplarisch, wie moderne Erinnerungskultur aussehen kann:
"Der Anspruch von Gedenkorten ist, aus dem Rückblick Lehren für die Gegenwart und Zukunft zu ziehen", sagt er. Im Zentrum stehe dabei die Vision eines "neuen Miteinanders" mit Sinti und Roma. Die Minderheit solle als selbstverständlicher Teil der Gesellschaft wahrgenommen werden.
Der Bonhoeffer-Text passt für ihn genau in diesen Spannungsbogen: Aus der Tiefe von Angst und Bedrohung wächst eine Hoffnung, die sich nicht mit billigen Versöhnungsformeln zufriedengibt. "In schwierigen Zeiten Hoffnung zu behalten und nach vorn zu schauen – das sagt dieser Text vielen Menschen", so Hegel.
Der Gedenkort auf dem Bayreuther Stadtfriedhof will genau das: sensibel machen für Antiziganismus in Vergangenheit und Gegenwart. Er ruft dazu auf, hinzusehen, zuzuhören und eigene Stereotype zu hinterfragen. Die Inschrift von "Von guten Mächten" steht hier als stiller Widerspruch gegen Hass, Verachtung und das bequeme Wegsehen.