Im Rahmen der Grünen Woche fand am vergangenen Sonntag ein Gottesdienst in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche statt – mit Gästen aus Landwirtschaft, Politik und Gesellschaft. Unter dem Leitmotiv "Nachhaltig leben – Rückhalt gegeben" predigten der Potsdamer Generalsuperintendent Kristóf Bálint und der SPD-Landtagsabgeordnete und Agraringenieur Johannes Funke im Dialog über das Spannungsfeld von Klimaschutz, Klimaverdrossenheit und Landwirtschaftsprotesten.

Im Gespräch mit dem Sonntagsblatt macht Bálint deutlich, welche vermittelnde Rolle die Kirche in diesen gesellschaftlichen Debatten einnehmen kann.

Herr Generalsuperintendent, Landwirtschaft, Klimaschutz und gesellschaftlicher Zusammenhalt stehen oft im Widerstreit. Welche besondere Rolle kann die Kirche übernehmen – und was kann sie leisten, was Politik, Wissenschaft und Verbände nicht leisten können?

Kristóf Bálint: Wir nehmen allenthalben wahr, dass sich Menschen und Gruppen nicht mehr intensiv austauschen und miteinander um Konsense ringen. Ein "Sowohl als auch" hat weithin einem "Ich habe recht, du hast unrecht" Platz gemacht.

Wer zugibt, sich geirrt oder seine Meinung aufgrund besserer Argumente seines Gegenübers geändert zu haben, wird als schwach kritisiert und teilweise übel beleumdet. 

Ich erlebe im Sprengel Potsdam, dass politisch Verantwortliche die Kirche bitten, Brücken zu bauen zwischen sich unversöhnlich gegenüberstehenden Gruppen und Blasen. Besonders im ländlichen Raum sind die Gruppen aufeinander angewiesen, wenn gesellschaftliches Leben funktionieren soll.

Die Bitte an die Kirche ist ein großer Vertrauensbeweis – sie zeigt, dass wir von vielen als systemrelevant wahrgenommen werden.

Sie sprechen davon Brücken zu schlagen – aber wie gelingt das konkret, etwa im Rahmen des Gottesdienstes zur Grünen Woche?

Es gibt offensichtlich nicht viele, denen diese Brückenschlagposition zugetraut wird. Deshalb ist es unsere Aufgabe als Kirche, beherzt und mit Augenmaß dieser Bitte zu entsprechen. Dem dient auch der Gottesdienst zur Eröffnung der Grünen Woche.

Menschen, die mit der Landwirtschaft verbunden sind, wissen sehr genau: Wir können unsere technischen Lösungen optimieren – für die Rettung von Rehkitzen oder die bestmögliche Bestellung der Felder. Aber kein Gemüse wächst schneller, wenn wir daran ziehen oder der Regen ausbleibt. Wir sind auf Gott angewiesen, der Tau und Regen sendet, wie es Matthias Claudius' Erntedanklied "Wir pflügen und wir streuen" besingt.

Das klingt nach Demut vor dem Unkontrollierbaren. Aber genau diese Haltung irritiert viele in einer Zeit, in der es um Handlungsdruck geht.

Hier hat Kirche eine wichtige Hinweisfunktion. Wir in unserer Gesellschaft haben weithin den Anspruch, alles in der Hand zu haben – und merken erst in Krisensituationen, dass das nicht so ist. Zumeist werden dann erst die Fragen nach Gott gestellt. Das drängt Gott an den Rand, wo wir nicht mehr weiterwissen.

Wenn wir aber Gott auch in unserem Alltag ernst nehmen, dann kommen wir besser durch die Krisenzeiten.

Das können Politik, Wissenschaft und Verbände nicht leisten. Ich bin deshalb auch besonders dankbar, dass in diesem Jahr die Grüne Woche zum ersten Mal mit einem Gottesdienst auf dem Messegelände beendet wird.

In Ihrer Predigt sprechen Sie davon, dass viele Menschen müde sind und dass das gemeinsame Ringen um zukunftsfähige Lösungen oft fehlt. Wie kann die Kirche hier Orientierung oder Rückhalt geben, wo andere Akteure an ihre Grenzen stoßen?

Kirche ist, vor allem in den ländlichen Räumen, oft der einzige Player, der überall präsent ist. Die Kaufhalle, der Supermarkt ist weg, die Arztpraxis, die Apotheke, der Sportverein ebenso, zunehmend auch die Feuerwehr. Es wird zentralisiert und die Kräfte gebündelt. Das ist verständlich und oft unvermeidbar, weil die Finanzen endlich sind. Das macht auch vor der Kirche nicht Halt. Kirche basiert auf haupt- und ehrenamtlichem Engagement und erweist sich als erstaunlich resilient und vor Ort präsent.

Ausgehend von dieser Stärke kann Kirche darauf hinweisen, dass wir nicht alles machen können und müssen, sondern dass wir im wahrsten Sinne des Wortes begrenzt sind.

Wir sind auf Rückhalt angewiesen, den wir uns nicht selbst geben können.

Wir sehen das bei unseren Kindern, die wir selbstverständlich anfeuern und motivieren, beim Lernen eines Instruments wie beim Fußball. Auch als Erwachsene haben wir das nötig, wenngleich wir es uns oft nicht eingestehen. Dieser Rückhalt braucht ein Gegenüber, in einem Menschen oder in Gott.

Viele Landwirt:innen erleben Umweltauflagen als existenzielle Bedrohung – Düngeverordnung, Tierhaltungsregeln, Flächenstilllegungen. Gleichzeitig mahnt die Kirche zur Bewahrung der Schöpfung. Ist das nicht ein Widerspruch?

In der Predigt, die der landwirtschaftliche Sprecher der SPD-Fraktion im Brandenburger Landtag, Johannes Funke, mit mir im Dialog gehalten hat, versuchen wir zu verdeutlichen, dass die Anforderungen an Landwirt:innen enorm sind. Wohl kaum jemand, der im Supermarkt einkauft, macht sich wirklich klar, wie viel Arbeit beispielsweise in einem Brot steckt.

Das hat uns dazu bewogen, eine bundesweite Aktion zu starten, die nun schon viele Jahre läuft: "Aktion 5000 Brote". In Zusammenarbeit mit Bäckern der Region backen Konfirmand:innen Brote und erleben die Anstrengung und Arbeit die nötig ist, bis ein Brot verzehrfertig auf dem Tisch liegt. Viele der Jugendlichen haben danach ihr Brot wesentlich achtsamer gegessen. 

Die Umweltauflagen sind herausfordernd – und es wird darauf ankommen, die notwendigen von den überbordenden zu trennen. Wenn ein Landwirt einen erheblichen Teil seiner Arbeitszeit zur Dokumentation benötigt, ist etwas aus dem Lot geraten. Andererseits wollen wir auch gesunde Lebensmittel essen – das geht nicht ohne Kontrolle und ist nicht billig zu haben.

Die Schöpfungsverantwortung ist kein Nice-to-have, sondern grundlegend notwendig. Ohne gesunde Lebensgrundlagen gibt es keine gesunden Lebensmittel.

Die Kirche wird oft als "links-grün" kritisiert, gerade wenn sie Klimaschutz betont.

Über diesen Vorwurf muss ich immer wieder lachen. Es ist andersherum: Grüne und zunehmend auch linke Parteien haben erkannt, dass die Schöpfungsbewahrungsaufforderung der Bibel grundlegend lebensrettend ist. Es stünde allen anderen Parteien gut zu Gesicht, diese Erkenntnis zu übernehmen – denn auch sie haben keine zweite Erde zur Verfügung, auf die wir übersiedeln könnten, wenn wir diese zugrunde gerichtet haben.

Sie haben es bereits angedeutet: In Ihrer Predigt ist "Rückhalt" ein Schlüsselwort – in der Klimadebatte dagegen dominieren Begriffe wie Verantwortung, Dringlichkeit und Handlungsdruck. Was genau meinen Sie mit diesem Rückhalt?

Das Problem bei der Klimadebatte scheint mir zu sein, dass zu sehr appellativ agiert wird. Wenn die Argumente nicht verfangen oder das Gegenüber sagt "trotzdem", dann sind wir in der Sackgasse und verfahren nach dem Motto: "Ich kann es nicht besser erklären, nur lauter." Dann greift die Verzweiflung um sich – die dann beispielsweise zu den Klebeaktionen führt, die neue Verhärtungen zur Folge haben. Wir tun besser daran, wieder miteinander und nicht übereinander zu reden.

Wie könnte das aussehen?

Wir müssen weg von der gegenseitigen Beschuldigung – "Ihr habt uns die Lebensgrundlage geraubt", wie es in diesem merkwürdigen Titel "Letzte Generation" zum Ausdruck kommt – hin zu einem gemeinsamen, partizipativen Denken. Etwa in der Art: "Wenn wir dies und jenes so und so machen, dann werden deine und meine Kinder und erst recht unsere Enkelkinder dieses und jenes nicht mehr haben – Skifahren im Winter zum Beispiel. Dann werden Migrationsbewegungen kommen müssen, weil es Gegenden gibt, in denen kein Mensch mehr leben kann. Diesem gemeinsamen Nachdenken diente unser Gottesdienst:

Wir sind auf Rückhalt angewiesen, auf Rückhalt, den wir uns nicht selbst geben können, den uns aber der Glaube an Gott gibt.

Die EKD hat 2025 eine große Klimakampagne gestartet. Wie sinnvoll finden Sie diese Initiative?

Alles, was einem besseren Klima dient, ist sinnvoll – dem politischen, dem gesellschaftlichen und dem ökologischen Klima. Ich finde es gut, dass Kirche an das Thema herangeht und mit kleinen und großen Schritten versucht, die Umkehr zu wagen. Der größte Wert der Kampagne ist, dass wir als Kirche konkret zeigen können, was geht – und unaufdringlich positives Vorbild sind.

Ich verstehe beispielsweise nicht, warum wir im Winter unbedingt frische Erdbeeren aus Südamerika oder Afrika essen müssen, die oft noch gar nicht schmecken und wünschte mir einen kritischeren Blick auf das, was wirklich notwendig und lebensdienlich ist.

Der Apfelsaft aus Brandenburg ist genauso gut wie vergleichbare Getränke aus der Eifel oder Südfrankreich. Die müssen nicht viele hundert Kilometer per Lkw zurücklegen. Wir haben die ganz konkrete Wahlmöglichkeit am Obststand und im Supermarkt. Das sind nur wenige Beispiele, die zeigen, wie wir Landwirtinnen und Landwirte vor Ort zu stärken können. Wir müssen es eben nur tun. 

Zum Abschluss: Was stimmt Sie nachdenklicher – der ökologische Zustand unserer Erde oder die Art, wie wir miteinander über ihre Zukunft sprechen?

Beides ist kaum voneinander zu trennen. Ohne eine lebenswerte Erde, eine bewahrte Mitwelt, gute Lebensbedingungen für Flora, Fauna und Menschen würde es irgendwann kein zielführendes Gespräch mehr geben können.

Nach meiner festen Überzeugung ist es Gottes Auftrag an uns, die Erde zu bewahren, sie zu hegen und zu pflegen. Er hat uns versprochen, dass "nicht aufhört Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht". Gott hat uns die Erde anvertraut. Dazu ist Gespräch und Verständigung unabdingbar. Wir tun gut daran, dieses Gespräch zu suchen, zu wagen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen, die unserem Auftrag entsprechen.