Dort, wo normalerweise Gesetze beraten werden, Ausschüsse sich treffen und Bundestagsabgeordnete ihre Büros haben, erklangen Lieder wie "Tragt in die Welt nun ein Licht" oder "Tochter Zion". Eingeladen hatte die Musikerinnen und Musiker aus Oberfranken die frühere Bundesgesundheitsministerin und Bundesvorsitzende der Lebenshilfe, Ulla Schmidt.
Zuhörer waren begeistert
Nach der Feier im Paul-Löbe-Haus zeigte sich Bundestagsvizepräsidentin Josephine Ortleb stark beeindruckt von dem inklusiven Chor: "So etwas müsste es überall geben." Von einem "grandiosen Auftritt" sprach Bundesvorsitzende Ulla Schmidt: "Nicht nur von der Musik her, sondern auch von der Freude der Musikerinnen und Musiker."
Sie hätten gezeigt, was Menschen mit Unterstützungsbedarf können. Der Hofer Bundestagsabgeordnete Heiko Hain sagte, andere Mitglieder des Parlaments, die an der Übergabe des Weihnachtsbaums teilnahmen, seien sehr angetan von der gelebten musikalischen Inklusion. Auch Hofs Bürgermeisterin Angela Bier, die mit einer Delegation die Bläserinnen und Bläser begleitete, freute sich ebenfalls über deren gelungenen Auftritt.
10 Jahre gelebte Inklusion
Der inklusive Posaunenchor besteht mittlerweile seit zehn Jahren. Entstanden ist die Idee im Oktober 2015 bei den Offenen Hilfen der Lebenshilfe Hof. Ziel war von Anfang an ein Posaunenchor, in dem Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam musizieren. Die Gruppe gestaltet seither Veranstaltungen der Lebenshilfe und anderer Organisationen und arbeitet immer wieder mit weiteren Ensembles zusammen.
Mittlerweile ist aus der Idee ein stabiler Klangkörper geworden. Rund 40 Aktive gehören dazu, aus der Lebenshilfe selbst und aus dem weiteren Umfeld. Viele, die vorher keinen Kontakt zu Angeboten für Menschen mit Beeinträchtigung hatten, sitzen heute mitten im Chor und machen Musik.
Geleitet wird das Ensemble von Cornelius Kelber, Mitarbeiter der Offenen Hilfen und Musiklehrer für inklusive Musik. Geprobt wird in kleinen Gruppen und als Gesamtchor. Vor größeren Auftritten kommen alle Beteiligten noch einmal gezielt zusammen, um Programm und Spielfreude zu bündeln.
Nicht Virtuosität steht im Mittelpunkt
Kern der musikalischen Arbeit sind einfache, aber wirkungsvolle Prinzipien. Leitsätze wie "Jede und jeder spielt das, was er oder sie gut kann" oder "Mit ein bis zwei Tönen auf die Bühne" geben den Ton an. Nicht Virtuosität steht im Mittelpunkt, sondern die gemeinsame Erfahrung, Teil einer Musikgruppe zu sein. Auch "Von der Harmonie zur Melodie" und "Wir spielen das, was gerne gehört und gespielt werden will" gehören zu diesen Grundsätzen.
Damit das gelingt, arbeitet der Chor mit einer besonderen Notation. Klassische Partituren mit mehreren Stimmen können Menschen schnell überfordern. Deshalb konzentriert sich das Ensemble zunächst auf die Harmonien eines Stücks. Aus Akkordbezeichnungen werden Grundtöne herausgefiltert und in ein Kästchen-Notation-System übertragen, das mit einfachen Rhythmen arbeitet. So entsteht ein klarer, gut überschaubarer Notentext, der Sicherheit vermittelt und sich Schritt für Schritt erweitern lässt.
Jeder darf mitspielen
Musik funktioniert hier wie ein Baukasten: Wer wenig Erfahrung hat, spielt einen oder zwei Töne in ruhigem Rhythmus. Wer mehr zutraut, übernimmt zusätzliche Figuren oder Melodien. Auf diese Weise finden sehr unterschiedliche Menschen ihren Platz im Gesamtklang. Das Ergebnis ist ein Chor, der nicht trotz, sondern gerade wegen der Vielfalt lebendig wirkt.
Möglich wird all das nur, weil sich viele Engagierte regelmäßig Zeit nehmen – und weil das Projekt finanziell unterstützt wird. Spenden an den inklusiven Posaunenchor helfen bei der Anschaffung von Instrumenten, Notenmaterial und bei der Organisation von Auftritten. Wer beim nächsten Konzert im Publikum sitzt, erlebt, was diese Unterstützung bewirkt: Musik, die Menschen verbindet, unabhängig von Tempo, Tonumfang oder Handicap.