Seit 2006 gibt es "Kein Bock auf Nazis" (KBAN), erst als Kampagne aus der Berliner Punkband ZSK heraus, inzwischen als gemeinnütziger Verein. Heute versteht sich KBAN als spendenfinanzierte, unabhängige Jugendinitiative gegen Rechtsextremismus und Rassismus.
Joshi, Sänger von ZSK und Mitinitiator, beschreibt den Kern in drei Schlagworten: "Informieren, Aktivieren und Mut machen." Und er macht klar: Das Projekt will nicht bloß kommentieren, sondern Menschen in Bewegung setzen.
Vom blinden Fleck zum Dauerthema
Als KBAN 2006 startete, sei rechte Gewalt zwar real gewesen, aber gesellschaftlich längst nicht so präsent wie heute. "Damals war das Thema Rechtsextremismus und rechte Gewalt in den Medien (und damit auch in der Gesellschaft) kaum präsent", sagt Joshi. Ziel sei gewesen, "die Gefahr von rechts deutlicher zu machen und vor allem junge Menschen dazu zu bringen sich zu engagieren."
Anfang der 2000er war die NPD "Hauptgegner". Nach der Selbstenttarnung des NSU habe sich bei Medien und Sicherheitsbehörden "zum Glück sehr viel getan", so Joshi. Heute sieht er die AfD als größte Bedrohung für die Demokratie. Diese Bewertung ist seine Zuspitzung, aber sie erklärt, warum KBAN 2026 auf maximale Präsenz setzt.
"Unabhängig" ist bei KBAN kein PR-Wort, sondern ein Finanzierungsmodell. Der Verein nimmt nach eigener Darstellung kein Geld "von Parteien oder dem Staat" und arbeitet spendenfinanziert. Joshi sagt es noch direkter:
"Wir bekommen keine staatlichen Fördergelder und müssen uns deshalb keine Sorgen machen, dass wir bestimmte Sachen gegen die AfD nicht mehr sagen dürfen, wie viele andere Projekte."
Das sei "ganz wichtig" für die Glaubwürdigkeit.
"Wir sind virtuell auf allen Social Plattformen aktiv und ansprechbar und gleichzeitig im echten Leben bei mehr als 200 Konzerten, Festivals und Protestaktionen vor Ort." Dazu kommt ein Netzwerk vor Ort: Bündnisse, Kneipen, Klubs, Jugendzentren. So, sagt Joshi, stärke KBAN "ganz aktiv eine nicht-rechte Jugendkultur".
Engagement beginnt oft mit einem Sticker
Wie fängt man an, wenn man motiviert ist, aber keine Ahnung hat, was man konkret tun soll? KBAN erlebt, dass es oft erstaunlich bodennah startet. "Die allermeisten Menschen, die sich das erste Mal bei uns melden, wollen die rechte Propaganda in Form von Stickern und Postern in ihrem Kiez wegbekommen", sagt Joshi. Dann schicke man Aufkleber und Flyer:
"Das ist für viele Menschen dann der Anfang vom Engagement gegen rechts."
Konzerte sind für KBAN extrem wichtig. Kein "Akademiker Sprech" sondern direkt auf die Leute zugehen. "Wir wollen ein niedrigschwelliges Angebot machen, um möglichst viele Menschen zu erreichen. Das geht am allerbesten bei Musikveranstaltungen", sagt Joshi. KBAN sei bei Events präsent, "von Rock am Ring bis Toten Hosen, Ärzte oder Donots". Die Logik dahinter: Wo Jugendkultur stattfindet, muss auch Widerspruch gegen rechte Normalisierung stattfinden.
Wie misst man Erfolg, wenn es um Mut, Haltung und demokratische Kultur geht? Joshi räumt ein: "Das ist natürlich schwer messbar." Was sie sehr klar sehen: "sehr viele positive Rückmeldungen per Post und auf den Social Kanälen." Menschen fühlten sich "gesehen und weniger allein", wenn sie Gespräche führen, Material bekommen oder erleben, dass Bands "auf der Bühne ein klares Statement gegen rechts" setzen.
TikTok als Einstieg in die militante Szene
Für 2026 nennt Joshi vor allem ein Thema, das sich nicht auf Marktplätzen, sondern auf Displays abspielt: Radikalisierung im Netz. "Es gibt super viele ganz junge Menschen, die einfach nur via Tiktok in die militante Naziszene abrutschen. Das ist wirklich beängstigend."
KBAN kämpft dabei weniger mit Angst vor Hass als mit Plattformlogik. "Hate kriegen wir jeden Tag. Das interessiert uns gar nicht", sagt Joshi. Aber:
"Der Kampf gegen die ständig wechselnden Algorithmen beschäftigt uns hingegen wirklich sehr viel."
Er beschreibt sinkende Reichweiten auf Instagram und Shitstorms auf Facebook durch "rechte User und Bots".
Dass KBAN 2026 als "heftiges Jahr" einstuft, hat auch mit dem Kalender zu tun. In Deutschland stehen fünf Landtagswahlen an, zudem ist ein AfD-Bundesparteitag in Erfurt für Anfang Juli 2026 angekündigt.
"Wir sind schon seit einem halben Jahr mitten in der Planung", sagt Joshi. Ziel sei, Proteste "maximal zu unterstützen" und "vor allem, um möglichst viele Menschen zum Wählen zu bewegen." Außerdem sei für Anfang September in Berlin ein "20 Jahre Kein Bock auf Nazis"-Fest geplant.
"Neutral ist 2026 vorbei"
Am deutlichsten wird Joshi, wenn es um politische Unentschlossenheit geht. Manche nennen sich "unpolitisch" oder "neutral". Seine Antwort: "Ganz ehrlich: das ist 2026 einfach vorbei. Es gibt kein ‚Neutral‘ mehr." Entweder man stehe auf der Seite derjenigen, "die diese Demokratie verteidigen wollen", oder man überlasse "den Faschisten der AfD das Feld".
Das ist zugespitzt, typisch Punk, und genau so gemeint: als Weckruf. KBAN setzt auf eine Sprache, die bei jungen Menschen ankommt, und auf Handlungsangebote, die klein anfangen dürfen. Der Anspruch bleibt groß: Mut machen, damit Menschen nicht verstummen, wenn es ernst wird.
Auf Kritik reagiert Joshi ohne Schönfärberei. Am härtesten treffe sie der Einwand, ihre Kampagne sei "nur ein Tropfen auf dem heißen Stein". "Das stimmt sicher", sagt er, "aber wir sehen es so: wir tun alles, was wir können, um dem Rechtsruck etwas entgegenzusetzen."
Ein starkes Zeichen gegen Rechts ist für Joshi seit vielen Jahren wichtig, auf und neben der Bühne, denn "wenn die AfD an die Macht kommen sollte, wären viele deiner Lieblingsbands und Freunde im Gefängnis", so seine Botschaft an alle Jugendlichen.