Dutzende Traktoren, alte wie neue, rollen an diesem Nachmittag an, dazu gibt es Musik, Gebete und ein buntes Fest für die ganze Region.
Die Idee dazu hatte der Wunsiedler Dekan Peter Bauer. "Die Idee, die stieg in mir auf, als ich gesehen habe, es gibt wieder so viele Motorradgottesdienste und leider kommt da nie einer nach Wunsiedel. Aber wir haben Gefährte mit vier Rädern, die auch sehr viel PS haben und die Landwirtschaft verdient Dank für ihr Tun." Mit dieser Überlegung stieß er beim Bauernverband auf offene Ohren. "Da bin ich bei einer Gelegenheit dem Herrn Fischer und dem Herrn Lippert über den Weg gelaufen und bin da offene Scheunentore eingerannt."
Landwirtschaft und Kirche – ein starkes Team
Harald Fischer, Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbands im Landkreis Wunsiedel, sieht in dem neuen Format eine logische Fortsetzung einer alten Verbindung: "Kirche und Landwirtschaft war schon immer eine Einheit, denn ohne Gottes Segen ist es schlecht um uns bestellt." Für ihn ist jetzt schon klar: "Dieser Erntedankgottesdienst in dieser Form, wird auch eine Fortsetzung finden."
Auch Thomas Lippert, Geschäftsführer des Bauernverbands, war schnell überzeugt. Als Veranstaltungsort habe man sich bewusst für den Autohof entschieden. "Wir haben einen Ort gesucht, der zentral im Landkreis liegt, zum einen, zum anderen genug Platz aufweist und hinterher auch Gastronomie zu bieten hat." Schließlich soll ein Fest wie dieses nicht nur geistlich, sondern auch kulinarisch abgerundet werden.
Dankbarkeit zeigen – auch mit PS
Besonders sichtbar wird die Landwirtschaft an diesem Tag natürlich durch die vielen Traktoren. Kreisbäuerin Karin Reichel erklärt: "Die Traktoren sind ja eigentlich das ganze Jahr auf der Straße. Und vielleicht ärgert sich der ein oder andere über so ein landwirtschaftliches Gefährt. Und gerade zum Erntedankfest wollen wir sichtbar sein, und uns auch bedanken für das Verständnis." Kommen dürfen alle Traktorgenerationen, auch Oldtimer dürfen nicht fehlen.
Für die stellvertretende Kreisbäuerin Nicole Orschulok steht dabei aber die Botschaft im Mittelpunkt: "Wir wollen der Bevölkerung auch zeigen wofür wir dankbar sind, einfach auch unsere Lebensmittel, die wir produziert haben, präsentieren."
Musik und Gemeinschaft
Ein Gottesdienst ohne Musik ist schwer vorstellbar – und beim Erntedank in Thiersheim soll es besonders festlich zugehen. Dekanatskantor Reinhold Schelter bringt die Posaunenchöre des Landkreises zusammen: "Das Erntedankfest und Posaunenchor gehören einfach zusammen. Wir pflügen und wir streuen zum Beispiel ist immer gesetzt. Und wir werden hier auch schön laut spielen und die Choräle begleiten." Ergänzt wird das Programm durch den Landfrauenchor und den Gesangsverein Spielberg.
Für einen besonderen Hingucker sorgen zudem die Landfrauen, die einen Hänger mit Erntegaben schmücken. Darauf werden Chor und Musiker Platz finden – ein Symbolbild für die enge Verbindung von Landwirtschaft, Musik und Glauben.
Erntedank als Haltung
Doch es geht nicht nur um große Maschinen und festliche Musik, sondern um eine Haltung. Dekan Bauer betont: "Das Danken, das ist in unserer Gesellschaft manchmal eine Herausforderung, weil viele Leute nicht danken können, wenn etwas nicht ganz genau so ist, wie sie es sich vorstellen. Und die Bauern, die wissen nie, wie die Ernte wird, die können trotzdem danken. Und ich glaube, das ist was, wovon man auch was lernen kann."
Für ihn bedeutet Dankbarkeit mehr als ein Ritual am ersten Sonntag im Oktober: "Dankbarkeit ist ja nicht nur die Sache von dem 5. Oktober und vom Erntedanktag, sondern das ist eine Haltung, die das Leben und den Umgang mit anderen und den Umgang mit der ganzen Schöpfung prägt."
Landwirtschaft zwischen Wertschätzung und Kritik
Neben der Freude über das Fest nutzen die Landwirte die Gelegenheit auch, um Themen anzusprechen, die ihnen unter den Nägeln brennen. So verweist Fischer auf die mangelnde Wertschätzung: "Wir wären auch dankbar, wenn dies honoriert würde in der einen oder anderen Art und Weise. Ob das monetär wäre oder mit einem Lächeln."
Auch die Lebensmittelverschwendung ist für ihn ein schmerzhaftes Thema: "Für das Stück Fleisch, für die Wurst hat ein Tier sein Leben gelassen. Dieser Hintergrund, wenn man den betrachtet – da fehlt mir einfach die Wertschätzung."
Lippert ergänzt die Bedeutung regionaler Produkte: "Es gibt zwei Punkte, die wir vermitteln wollen. Zum einen regional und zum anderen nachhaltig. Und beides deckt sich. Wenn man hier Lebensmittel vor Ort von den Metzgern, von den Bäckern, von den Betrieben einkauft, die auch regional ihre Rohstoffe beziehen – besser und gesünder kann man nicht leben."
Ablauf und Ausblick
Ab 13 Uhr beginnt die Anfahrt der Traktoren, um 14 Uhr startet der Festgottesdienst mit Musik, Begrüßungsworten und Predigt. Bauer und sein katholischer Kollege gestalten ihn gemeinsam, begleitet von Chören und Bläsern. Danach gibt es Kaffee und Kuchen – und wenn das Wetter passt, eine gemeinsame Ausfahrt.
Ein besonderes Andenken erhalten alle Teilnehmenden in Form eines Segenswimpels, wie Nicole Orschulok betont: "Das ist ganz wichtig, dass wir den Segen dann mit nach Hause nehmen."
Für Karin Reichel liegt der Wert des Festes auch in seiner Ursprünglichkeit: "Das Erntedankfest selber ist noch nicht dem Kommerz verfallen, wie Ostern oder Weihnachten. Das Erntedankfest ist einfach noch ursprünglich."