Vor 40 Jahren ereignete sich der Reaktorunfall in Tschornobyl (russisch Tschernobyl). Auch in Deutschland wurden ganze Landstriche radioaktiv belastet. Was ist davon noch übrig? Und was hat man aus der Nuklearkatastrophe gelernt? Mit solchen Fragen beschäftigt sich Martin Steiner vom Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) in Oberschleißheim bei München, der dort das Fachgebiet Radioökologie leitet. Hauptsitz des BfS ist in Salzgitter. Im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) erklärt er auch, warum es eine sachliche Debatte über Atomkraft braucht.
Herr Steiner, wie hat sich die Nuklearkatastrophe von Tschornobyl auf die Umwelt ausgewirkt?
Martin Steiner: Durch zwei Explosionen und den Graphitbrand wurden damals Radionuklide in großen Mengen in die Atmosphäre freigesetzt. Ein Radionuklid ist ein Atomkern, der nicht stabil ist und zerfallen kann. Die schwerflüchtigen Radionuklide, etwa Strontium oder Plutonium, wurden überwiegend in der Umgebung abgelagert.
Die leichtflüchtigen wie Cäsium und Jod wurden durch den thermischen Auftrieb in große Höhen transportiert und mit den Luftströmungen über ganz Europa verteilt. Wo es während des Durchzugs der radioaktiven Luftmassen geregnet hat, wurden die Radionuklide ähnlich wie Staub ausgewaschen und lagerten sich auf Pflanzen und Böden ab.
Und wo es trocken blieb?
Dort war die Ablagerung von Radionukliden deutlich weniger effektiv. Darum war Deutschland sehr unterschiedlich stark betroffen. Wo es geregnet hat, etwa im Bayerischen Wald oder südlich der Donau, gab es hohe Bodenkontaminationen. Erntereife Kulturen und Weideflächen waren zum Teil hochbelastet. Wichtig für die Strahlendosis des Menschen waren vor allem die Radionuklide Cäsium-137, Cäsium-134 und Jod-131.
Wie lange blieben die Nahrungsmittel kontaminiert?
Jod-131 hat eine Halbwertszeit von etwa acht Tagen, es war also im Folgejahr bereits zerfallen. Cäsium-134 hat eine Halbwertszeit von etwa zwei Jahren, bei Cäsium-137 sind es etwa 30 Jahre. Cäsium-137 und Cäsium-134 wurden auf Ackerböden an bestimmte Tonminerale gebunden. Das heißt, Cäsium-137 und Cäsium-134 waren weiterhin vorhanden, konnten aber nur in geringem Maß durch Wurzeln aufgenommen werden. Landwirtschaftlich war in Deutschland also bereits im Folgejahr alles im grünen Bereich, die Erzeugnisse waren nur noch gering kontaminiert.
Wie sah es im Wald aus?
Ganz anders. Auf dem mineralischen Waldboden liegen organische Auflageschichten, die aus sich zersetzender Streu entstehen. Darin wird Cäsium leicht durch Bodenorganismen, Pilze und Grünpflanzen aufgenommen und so in einen wirksamen Nährstoffkreislauf eingebunden. Von dort kann es nur langsam in tiefere Bodenschichten abwandern, wo es von Tonmineralen gebunden wird. Darum nahm die Kontamination von Lebensmitteln aus dem Wald nur sehr langsam ab.
Welche Wald-Lebensmittel sind heute noch belastet?
Heute spielen noch einige Pilzarten eine Rolle. Und Wildbret, insbesondere Wildschweine. Bei Pilzen können wir im süddeutschen Raum noch einige tausend Becquerel pro Kilogramm Cäsium-137 erreichen. Bei Wildschweinen liegen wir etwa im selben Bereich, mit vereinzelten Spitzenwerten von über zehntausend Becquerel pro Kilogramm. Landwirtschaftliche Produkte aus inländischer Erzeugung hingegen sind nur mit einigen Becquerel pro Kilogramm kontaminiert. Heute ist nur noch Cäsium-137 relevant für die Strahlendosis des Menschen - es hat eine Halbwertszeit von rund 30 Jahren, es ist also seit Tschornobyl zu etwa 60 Prozent zerfallen.
Warum sind Wildschweine besonders betroffen?
Bei Rehen und Hirschen nahm die Belastung aufgrund des Nahrungsspektrums relativ schnell ab. Wildschweine hingegen fressen gerne Hirschtrüffeln - und die können zehnmal höher belastet sein als die normalen Speisepilze.
Was heißt das für Pilzsammler und Wildschweinjäger?
Hier kann man Entwarnung geben für den Verbraucher. Für Cäsium-137 gilt ein Grenzwert von 600 Becquerel pro Kilogramm. Wildbret oder wilde Pilze, die höher belastet sind, dürfen in Deutschland nicht verkauft werden. Wenn Sie selbst Pilze sammeln oder Wild jagen, sieht das anders aus, hier gilt der Grenzwert nicht. Deswegen veröffentlicht das Bundesamt für Strahlenschutz jährlich den Pilzbericht zur Kontaminationssituation, da sollte jeder Sammler reinschauen. Es ist aber auch das wie viel entscheidend. Wenn Sie Pilze oder Wildschwein in üblichen Mengen verzehren, müssen Sie sich wegen Ihrer Strahlendosis keine Sorgen machen.
Wie funktioniert der Abbau von Radionukliden im Waldboden?
Nährstoffarme Ökosysteme wie Wälder sind auf effiziente Nährstoffkreisläufe angewiesen. Trotzdem wandert daraus immer eine kleine Menge Cäsium-137 in tiefere Bodenschichten ab. Dort kann es von den Pflanzen nicht mehr aufgenommen werden. Nach oben hin ist es durch den Boden abgeschirmt, die Gammastrahlung kann den Menschen nicht mehr erreichen. Insgesamt ist die Strahlenbelastung durch Tschornobyl heute in Deutschland sehr gering.
Im Atlantik liegen hunderttausende Fässer mit Atommüll. Wie wirkt sich das auf die Umwelt aus?
Zum Teil waren das einfache Blechfässer und zum Teil Fässer, in denen die radioaktiven Stoffe fest gebunden waren. Die Fässer korrodieren jetzt teilweise im Meer und sorgen so für Freisetzungen in unterschiedlichem Ausmaß. Auch russische Atom-U-Boote sind gesunken. Lokal um die Fässer oder die U-Boote kann es zu erhöhten Kontaminationen kommen. Bei allen leicht löslichen Radionukliden haben wir aber zum Glück einen gigantischen Verdünnungseffekt.
Es gibt also absehbar kein Risiko auch für die Fische?
Nein. Nach Fukushima, wo große Mengen Radionuklide in den Pazifik gelangt sind, dachte man anfangs auch, dass die Fische hochbelastet und für den Verzehr nicht mehr geeignet sein könnten. Aber auch dort spielte der Verdünnungseffekt des Ozeans eine Rolle. Nur ein paar Kilometer vor der Küste fand man überraschend geringe Kontaminationen im Fisch. Aber große Mengen von kontaminiertem Wasser lagern noch auf dem Gelände des Kernkraftwerks, und manche Landstriche sind noch stark belastet.
Lernt man politisch aus den Reaktorunfällen nicht vor allem, dass man dieses Risiko nicht mehr haben will?
Welche Form der Energieerzeugung gewählt wird, ist eine gesellschaftlich-politische Entscheidung. Fukushima hat den Ausstieg aus der Kernenergie in Deutschland beschleunigt - er beruhte auf Entscheidungen des Bundestags. Das Reaktorunglück in Japan hat uns gezeigt, dass Kernkraft selbst für hoch entwickelte Industriegesellschaften ein Risiko darstellen kann.
Eine neue Debatte ist entbrannt um "small modular reactors" - Mini-Atomkraftwerke, die etwa Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) ausprobieren will.
Als Wissenschaftler weiß ich: Man baut nicht mal so nebenbei ein Mini-Atomkraftwerk in den Hinterhof. Es ist letztendlich ein Kernkraftwerk mit allen Risiken, und es gibt viele Aspekte zu berücksichtigen. Sie müssen die Anlagen ja auch schützen, und es ist ein Unterschied, ob man wenige große oder viele kleine Anlagen schützen muss. Entscheidungen dazu werden aber nicht in Fachbehörden, sondern in den Parlamenten getroffen. Als Wissenschaftler wünsche ich mir vor allem, dass die Fakten klar und bekannt sind, man sachlich diskutiert und dann als Gesellschaft eine verantwortungsvolle Antwort findet.