Wenn Christoph Sobek im Haus Cosima in den Besprechungen sitzt und die Fälle durchgeht, schaut er sich Lebensläufe an. Oft denkt er dabei, dass es gar nicht so viele Schicksalsschläge waren, die einen Menschen in die Wohnungslosigkeit geführt haben. "Es fängt immer mit einem großen Problem an und die Kleinen kommen dann von alleine", sagt er. "Probleme ziehen sich an und dann geht es schnell."

Das Haus Cosima ist die Einrichtung der Diakonie Bayreuth für wohnungslose Menschen. Sobek ist bei der Diakonie Abteilungsleiter für die Beratungsstellen, zu denen von der Schwangerenberatung über die Familien- und Erziehungsberatung und die Suchtberatung bis zum Sozialpsychiatrischen Dienst vieles gehört. "Es gibt nicht den klassischen Weg, obdachlos zu werden", sagt er, von Menschen ohne Schulabschluss bis zum Professor hatten wir schon alles als Bewohner im Haus Cosima."

Das Bild und die Wirklichkeit

Pflegeautos und Kitas kennt jeder, sie sind nach Sobeks Worten die öffentlich sichtbarsten Bereiche der Diakonie. Mit der Not, um die es in den Beratungsstellen geht, ist es umgekehrt. Auch das Bild vom Obdachlosen ist ein sichtbares: ein Mensch, der auf der Straße schläft und vielleicht Alkohol trinkt. "Das ist das, was die Menschen erkennen", sagt Sobek. 

"Aber es gibt weit mehr Obdachlose, die auch gar nicht auffallen."

Was der "Rand der Gesellschaft" sei, lasse sich nicht einfach beantworten, findet er: "Da hat jeder so sein eigenes Bild." Dort stünden zunächst einmal "Menschen wie du und ich", die sich nie hätten vorstellen können, dass sie dort landen. Arbeitslosigkeit, psychische Erkrankungen, Suchterkrankungen, Trennungen: "Und dann kommt ein Problem zum anderen." In den Beratungsstellen erlebe er regelhaft Menschen, die "mitten im Leben stehen" und nicht mehr wissen, wie sie allein weitermachen sollen.

Mehr als ein Dach über dem Kopf

Wer seine Wohnung verliert, verliert nach Sobeks Worten mehr als ein Bett und ein Dach: "Sicherheit, Privatsphäre, Identität. Alles, was den Menschen ausmacht." Viele Obdachlose berichteten von Übergriffen und schwierigen Situationen auf der Straße. Das Haus Cosima biete deshalb zuerst: "Wieder ein Dach über dem Kopf, wieder Sicherheit. Wieder das Gefühl, irgendwohin zu gehören."

Die Mitarbeitenden, sozialpädagogisches Personal und Hauswirtschaft, sind nach Sobeks Beschreibung in erster Linie Ansprechpartner. Sie hören zu, ohne zu verurteilen, und vielen helfe schon das Gespräch darüber, wie sie überhaupt in diese Lage geraten sind. Wer eine wertfreie Umgebung finde, sei eher bereit, selbst nach einer Lösung zu suchen. Dazu kommt die praktische Hilfe: Behördengänge, Post öffnen, Anträge bearbeiten, Gesundheitsversorgung organisieren, gemeinsam eine Wohnung suchen. Die Hauswirtschafterin unterstützt bei alltagspraktischen Dingen, und es gibt Lebensmittel und Kleidung, um die Bewohner neu auszustatten. Was jemand gerade braucht und wo seine Grenzen liegen, klären die Mitarbeitenden gemeinsam mit ihm.

Wenn die Post liegen bleibt

In der Kirchlichen Allgemeinen Sozialarbeit, kurz KASA, sind nach Sobeks Worten "ganz klassisch" Menschen, die im "Behördendschungel" nicht zurechtkommen. "Oft sind es Menschen, die auch resignieren, die ihre Post dann gar nicht mehr aufmachen." Es müssen nicht einmal Menschen mit Schulden sein: Manche können sich ihr Alltagsleben nicht mehr leisten, weil sie vergessen haben, einen Änderungsantrag zu stellen. "Weil es ihnen durchgerutscht ist." Der erste Schritt in der KASA sei, anzukommen und den Berg aus Sorgen und Behördenpost zu sortieren und zu priorisieren.

Die KASA ist nach Sobeks Worten aus dem Seelsorgecharakter entstanden: "Da geht es um Seelsorge, Fürsorge, um Kümmern." Man könne mit jedem Problem hinkommen. Wo die KASA nicht selbst helfen kann, nutzt sie das Netzwerk der Diakonie und externer Partner. Ihre Klientel sei unabhängig von Alter und Bildung, auch Menschen aus der Mittelschicht kämen, etwa nach einer Trennung. Ihre Fragen gibt Sobek so wieder: "Ich weiß nicht, wie ich weitermachen soll. Wie kann ich finanziell weitermachen? Welche Hilfen stehen mir zur Verfügung? Was kann ich wo beantragen?"

Beratung ohne Vorwurf

Warum Menschen nicht früher kommen, ist für Sobek zweitrangig. "Falsche Scham" würde er es nicht nennen. Wer bisher Krisen gemeistert habe, müsse erst erkennen, dass die eigenen Lösungsstrategien nicht mehr funktionieren. "Im Nachhinein sind wir eh immer alle schlauer." Dass sich jemand melde, zeige zudem, dass er Hoffnung und Zuversicht habe, gemeinsam Lösungen zu erarbeiten. Dahinter steht eine Grundannahme: "Wir gehen grundsätzlich davon aus, dass jeder Mensch auch in der Lage ist, seine Probleme zu lösen. Aber wenn es zu viel wird, braucht man manchmal auch Unterstützung."

Wie lange diese Unterstützung dauert, lässt sich nicht vorhersagen. In der Familien- und Erziehungsberatung gebe es "Beratungen, wo zwei Termine reichen, und es gibt Beratungen, die zwei Jahre dauern. Das kann man vorher nie sagen", sagt Sobek. Dort können Kinder, Jugendliche und Eltern mit allem kommen, was das Familienleben belastet: Erziehungsfragen, Verhaltensauffälligkeiten, Trennung und Scheidung, Schulstress. "Man weiß nie, was als nächstes passiert, wenn der nächste Klient durch die Tür kommt." Überrascht werde er oft, aber im positiven Sinn: Menschen, die in den ersten Gesprächen so verzweifelt sind, dass sie sich keine gute Zukunft mehr vorstellen können, entwickeln sich später wieder.

In der Suchtberatung gibt es nach Sobeks Angaben einmalige Gespräche, in denen jemand nur fragt, ob das schon eine Sucht sei, und Beraterinnen, die ganze Lebensläufe begleiten. Laut den Jahresberichten bleibt Alkohol der häufigste Anlass. Zugenommen haben stoffungebundene Süchte wie Online- und Glücksspielsucht und Essstörungen. Manche Betroffene erkennen ihr Problem selbst, andere kommen, weil die Partnerschaft zu zerbrechen droht oder der Arbeitgeber etwas bemerkt hat. "Süchte bleiben im Grunde nie unbemerkt." Die Beraterinnen und Berater suchen mit den Klienten nach den Auslösern: "Wir versuchen immer an der Wurzel des Problems zu arbeiten und nicht am Symptom."

Wie wichtig ein vorurteilsfreier Raum ist, hat Sobek zuletzt beim Tag der seelischen Gesundheit gehört, einem Präventionstag des Sozialpsychiatrischen Dienstes, der einmal im Jahr stattfindet. Er war als Zuschauer dabei, als Betroffene auf dem Podium berichteten: Vielversprechende Stellen hätten sie nicht bekommen, nachdem eine psychische Erkrankung bekannt wurde, andere seien deshalb gekündigt worden. "Psychische Erkrankungen sind nach wie vor ein großes Tabu", sagt Sobek. Es sei "sehr rührend" gewesen zu hören, dass die Betroffenen beim Sozialpsychiatrischen Dienst einen Raum zum Reden finden, in dem niemand sie bewertet.

Kirche dort, wo sie gebraucht wird

Die Diakonie gehört zur evangelischen Kirche, doch Hilfe bekommt jeder, unabhängig von Alter, Geschlecht und religiöser Zugehörigkeit. "Zu uns kann jeder kommen", betont Sobek. Im Beratungsalltag spiele die Konfession deshalb keine Rolle. Persönlich sieht er es so: "Ich denke, Kirche sollte immer da sein, wo sie gebraucht wird." In Beratungsstellen, im Obdachlosenheim, nah bei den Menschen. Das komme aus der Historie und sollte ein Auftrag im christlichen Glauben sein. Das humanistische Menschenbild, nach dem die Beratungsstellen arbeiten, sei für ihn "absolut deckungsgleich" mit diesem Auftrag: "Die Würde des Menschen ist unantastbar." Und man sei überzeugt, dass ein Mensch sich zum Positiven verändern kann.

Nach der einen Geschichte, die ihm im Gedächtnis geblieben ist, gefragt, nennt Sobek keine. Er erlebt viele tragische Geschichten, verzweifelte Familien, verzweifelte Kinder, Trennung, Scheidung, Mobbing in der Schule. Am schönsten sei es für die Beraterinnen und Berater zu sehen, wie die Leute "aus diesem Loch der Depression so langsam rauskommen". Manchmal beginnt das damit, dass jemand wieder einen Brief aufmacht. "Es gibt nicht die eine, es gibt ganz viele kleine. Und dafür lohnt sich das hier."