15.10.2017
Andacht zum Sonntag

Wir helfen gern - aber nur, wenn es nicht wehtut. Was wir für Flüchtlinge tun können. Der Religionspädagoge Oliver Spilker aus Regensburg schreibt über den Predigttext Markus 10, 17-27.
Zum Sonntag Nadelöhr

Der Predigt-Text für Sonntag, 15. Oktober 2017: "Und als er hinausging auf den Weg, lief einer herbei, kniete vor ihm nieder und fragte ihn: Guter Meister, was soll ich tun, damit ich das ewige Leben ererbe? Aber Jesus sprach zu ihm: Was nennst du mich gut? Niemand ist gut als der eine Gott. Du kennst die Gebote: »Du sollst nicht töten; du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht falsch Zeugnis reden; du sollst niemanden berauben; du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren.« Er aber sprach zu ihm: Meister, das habe ich alles gehalten von meiner Jugend auf. Und Jesus sah ihn an und gewann ihn lieb und sprach zu ihm: Eines fehlt dir. Geh hin, verkaufe alles, was du hast, und gib’s den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben, und komm, folge mir nach! Er aber wurde betrübt über das Wort und ging traurig davon; denn er hatte viele Güter.
Und Jesus sah um sich und sprach zu seinen Jüngern: Wie schwer werden die Reichen in das Reich Gottes kommen! Die Jünger aber entsetzten sich über seine Worte. Aber Jesus antwortete wiederum und sprach zu ihnen: Liebe Kinder, wie schwer ist’s, ins Reich Gottes zu kommen! Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher ins Reich Gottes komme. Sie entsetzten sich aber noch viel mehr und sprachen untereinander: Wer kann dann selig werden? Jesus sah sie an und sprach: Bei den Menschen ist’s unmöglich, aber nicht bei Gott; denn alle Dinge sind möglich bei Gott."
(Markus 10, 17-27)

Irgendwann ist Schluss

Sie ist die Stütze der Gemeinde, bei jeder Veranstaltung dabei – hat schon den Christbaum geschmückt und die Gemeindebriefe ausgetragen und für den Seniorenkreis Kaffee gekocht. Sie hat alles richtig gemacht und bestimmt versucht, nach den Zehn Geboten zu leben.

Und dann steht da plötzlich der junge Syrer in der Kirche und bittet um Asyl, und der Kirchenvorstand stimmt zu, ja, wir helfen. Und auch sie stimmt mit Ja. Ein Syrer, ja, wir helfen. Aber dann werden es mehr, denn der Mann hat eine Frau und drei Kinder und auch noch einen Onkel und einen Neffen. Das ist dann doch zu viel.

Irgendwann ist Schluss. Alle können wir dann doch nicht aufnehmen. Und das würde dann auch irgendwann zu teuer. Und auch ihr wird es zu viel, und sie stimmt dagegen.

Einer ja, aber nicht mehr, und irgendwo gibt es auch mal eine Grenze. Das ist verständlich, und lieber einem helfen als keinem. Und bitte jetzt nicht mit der Bibel Politik machen und moralisch werden. Bitte nicht unsere Gemeinden überfordern. Wir helfen ja gerne als Kirche, aber bitte nur solange es nicht richtig wehtut.

Wenn wir an unsere Grenzen stoßen

Und Jesus sah ihn an und gewann ihn lieb ... Jesus sieht mich an, und ich sehe zur Seite, denn ich fühle mich ertappt. Nein, ich kann es auch nicht, alles den Armen geben, ich gehöre auch zu denen, die an ihre Grenzen stoßen und die sich über eine Gehaltserhöhung freuen. Ich gehöre auch zu denen, die alles richtig machen wollen und die nur so viel spenden, dass es ihnen nicht wehtut.

Und Jesus sieht mich immer noch an und hat mich immer noch lieb. Und zaghaft blicke ich zurück, und mir ist, als lächle Jesus, als verstehe er mich, als helfe er mir aus der Klemme mit seinem Nadelöhr-Vergleich: Unmöglich, mein Lieber, versuch es erst gar nicht. Du kannst es nicht schaffen. Auch immer gut sein zu wollen ist ein Leistungsdruck. Vom Alles-Abgeben an die Armen bist du meilenweit entfernt. Beim dritten Syrer machst du schon Pause. So wird das nichts mit dem Reich Gottes.

Luther über Gnade und Geschenk

Aber dann erinnert mich Jesus daran, dass wir noch im Lutherjahr sind und dass doch dieser Luther schon erkannt hat, dass es mit unserer Anstrengung nichts wird und dass alles Gnade sei und Geschenk, und dann sagt Jesus noch mal ganz deutlich zu mir: Bei den Menschen ist’s unmöglich, aber nicht bei Gott. Und er schaut mich dabei an, und ich halte seinem Blick nun stand, denn ich spüre: Da kommt eben kein moralischer Zeigefinger und kein Vorwurf, sondern ein Zuspruch, dass Gott das Unmögliche tun kann und Kamele durchs Nadelöhr bringt und mich hinterher aufnimmt in sein Reich, einfach weil er mich lieb gewonnen hat.

Aber Folge mir nach sagt er schon auch noch. So billig lässt er mich dann doch nicht davonkommen. Folge mir nach und Gott wird es richten gehören zusammen. Und das möchte ich wirklich versuchen: diesem Jesus in seiner Menschenliebe und in seinem Gottvertrauen zu folgen. Ich möchte versuchen loszulassen, ganz im Sinne von Jesus und Erich Fromm: mein Leben nicht im Haben, sondern im Sein zu leben, an nichts zu hängen und grenzenlos Ja zu sagen zum Menschen. Und Jesus lächelt schon wieder, so als wollte er sagen: Versuch es, ich helfe dir dabei.

Unser Autor Oliver Spilker ist Religionspädagoge und Direktor des Schulreferats im Kirchenkreis Regensburg.

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