Die Suche nach Verbunden sein ist uns in die Wiege gelegt. Es beginnt ganz am Anfang des menschlichen Lebens. Ich weiß noch gut, wie ich vor 14 Jahren in der Arztpraxis sitze. Ich sehe das Menschlein am Ultraschallgerät. Dann zeigt der Arzt auf die Nabelschnur, überlebenswichtig für den heranwachsenden Menschen. Ich staune über diese Verbindung zwischen Mutter und Kind. Durch sie pulst das Blut. So kommen Nährstoffe bei dem Ungeborenen an. Das Kind lebt durch die Verbindung. Kommt die Geburt, dann ändert sich die Versorgung. Kaum ist die Nabelschnur durchtrennt, braucht es neue Wege, die dem Kind Kraft geben. So wird das von nun an bleiben. Die Mutter stillt das kleine Kind. An meiner Hand lernt es laufen. Und die Kinderzimmertür bleibt immer etwas offen, damit es uns beim Einschlafen hört. In allem will es spüren:

Sei für mich da, sorge für mich. Der Mensch sucht immer wieder die Verbindung, die ihn stärkt.

An Pfingsten geht es genau darum: die Verbindung. Die Jüngerinnen und Jünger sitzen wie abgenabelt im Haus, zurückgezogen, eingeigelt. Sie haben Großes erlebt. Jesus ist Jahre zuvor in ihr Leben getreten und er hat so viel verändert. Er hatte sie herausgerufen aus ihrem bisherigen Leben und sie haben es nicht nur hinter sich gelassen, sie haben auch ein neues Leben gefunden. Sie sind als Gemeinschaft zusammengewachsen. Sie miteinander, und Jesus mittendrin. Dann kam sein Tod - sie stürzen ins Leere und verlieren sich. Ostern - der Auferstandene führt sie wieder zusammen. Und dann Himmelfahrt - Jesus lässt sie allein zurück. Verbindung getrennt.

Ich stelle mir vor, wie sie ratlos beieinandersitzen. "Was machen wir jetzt? Er hat gesagt, wir werden die Kraft des Heiligen Geistes spüren und dass wir von all den großen Dingen erzählen, die wir erlebt haben." Das haben sie noch im Ohr. Aber was ist daraus geworden? Antriebslos sind sie, als hätte man ihnen den Stecker gezogen, der sie mit durchströmender Kraft versorgt. Sie hungern nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen, dürsten nach guten Worten, nach Nähe. Gemeinsam sind sie allein im Haus. Aber draußen tobt das Leben. Jerusalem vibriert und fließt über vor lauter Menschen. Aus der ganzen bekannten Welt kommen sie zusammen, Menschen jüdischen Glaubens wo immer sie leben. Sie feiern Schawuot 50 Tage nach Pessach, dem Passahfest. Ein großes fröhliches Fest.

Ich kann das so gut verstehen, was sie gerade erleben. Draußen lacht und feiert alles, und innen drin ist mir gar nicht nach Feiern zumute. Es fühlt sich an, als wäre das verloren gegangen, was uns mal zusammengehalten hat. Draußen tobt und feiert und glitzert das Leben, und innen drin – ist es leer. Wann ist der Mensch je einsamer als beim Feiern der anderen?

Liebe Gemeinde, an Pfingsten endet die Einsamkeit. Los, Fenster aufreißen, Türen auf! Frische Luft kommt rein. Und mehr noch: Es braust und saust im Haus. Neue Energie durchpulst alle, die da sind, alle. Sie richten sich auf, diese in sich verkrümmten Menschen. Spannkraft durchzieht ihre Muskeln und ihre Augen leuchten. Statt Gedanken-Grübeln kommt Gottes Geist in sie. Sie schauen auf das, was sie bisher im Leben gesehen und erlebt haben. Und auf einmal fällt es ihnen wie Schuppen von den Augen, sie verstehen: Gottes Geschichte mit der Welt endet nicht auf Golgatha, nicht am Kreuz, nicht vor den Toren Jerusalems, wo sie gesehen haben, wie Jesus sie verlässt und in den Himmel aufsteigt.

Gottes Geschichte endet gar nicht – sie geht weiter!

Anders. Neu.

Und sie gehen raus, unter die Leute, finden ihre Sprache wieder…

Da trat Petrus auf mit den Elf, erhob seine Stimme und redete zu ihnen: Ihr Juden, und alle, die ihr in Jerusalem wohnt, das sei euch kundgetan, vernehmt meine Worte! Denn diese sind nicht betrunken, wie ihr meint, ist es doch erst die dritte Stunde des Tages; sondern das ist’s, was durch den Propheten Joel gesagt worden ist: "Und es soll geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, da will ich ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch; und eure Söhne und eure Töchter sollen weissagen, und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen, und eure Alten sollen Träume haben; und auf meine Knechte und auf meine Mägde will ich in jenen Tagen von meinem Geist ausgießen, und sie sollen weissagen. (…) Und es soll geschehen: Wer den Namen des Herrn anrufen wird, der soll gerettet werden."

Ich erinnere mich daran, wie das bei mir war: Ich habe als Student ein Auslandsjahr gemacht. Da war ich nun, weit weg von daheim. Ich verstehe die Sprache nicht, die Kultur dort ist mir ein Rätsel. Schüchtern gehe ich sonntags in einen Gottesdienst, setze mich still in die Bank. Neben sitzt schon jemand, ich schaue angestrengt in mein Gesangbuch, ich will nicht auffallen. Alles anders, alles fremd. Dann setzt die Orgel an und ich traue meinen Ohren nicht. Das kenne ich doch! Das ist ja "Ein feste Burg ist unser Gott" Die Gemeinde singt die gleichen Melodien wie daheim, nur mit anderem Text. Auch wenn die Wörter fremd – ich verstehe alles! Alles um mich herum singt, und ich steige mit ein, manchmal in meiner Sprache manchmal mit den neuen Worten aus dem Gesangbuch. Mein Nachbar schaut mich erstaunt an – und lächelt. In diesem Moment wird mir klar: Hier bin ich allein unter Fremden, und trotzdem zuhause. Und ich singe mir die Fremdheit und das Alleinsein von der Seele weg.

Mein Pfingstwunder erlebe ich nicht in Jerusalem, sondern in Oslo: Wir singen und das verwandelt uns. Seitdem ich das erlebt habe, singe ich anders. Gerade dann, wenn ich mit vielen Leuten singe, sei es im Stadion, beim Konzert meiner Lieblingsband oder auf dem Kirchentag – und auch dann, wenn ich im Auto sitze und im Radio läuft der Gottesdienst. Ich singe und gleichzeitig verbinde ich mich mit all den Leuten um mich herum.

Ich weiß nicht, ob die damals in Jerusalem gesungen haben. Aber ich glaube, die Erfahrung ist die gleiche: Viele Menschen fangen an sich untereinander zu verstehen, Zeit und Raum werden überbrückt. Ein gemeinsamer Geist verbindet alle. Egal, wie es in deinem Portmonee ausschaut oder welchen Pass du hast – du bist einfach da und gehst auf, wenn wir zusammen singen und unser Leben feiern.

Ich schaue da noch mal genauer hin: Wo habe ich das Leben so intensiv erlebt? Und wer war dabei, mit wem habe ich das geteilt? Vielleicht waren das wilde Momente, vielleicht waren sie auch einfach schlicht und trotzdem ergreifend. Hier in der Kirche habe ich das wieder und wieder gespürt: Ich erinnere mich an eine Taufe. Der Täufling hat ein generationenaltes Taufkleid an. Die Urgroßmutter trug es bei ihrer Taufe weit weg in Ostpreußen. Als die Familie von dort fliehen muss, nehmen sie es mit. Zwischen den wenigen Dingen, die im Koffer auf der Flucht dabei sind, liegt dieses Taufkleid. Die Großmutter hat es immer in Ehren gehalten. Und jetzt steh ich hier und ich merke genau: In dieses Taufkleid ist Geschichte hineingewebt. Das ist nicht nur ein Stück Stoff, das ist eine Verbindung zu vielen anderen Menschen. Sogar zu solchen, die heute gar nicht mehr da sein können. Ich taufe das Kind und es ist verbunden mit einem ihm fremden Menschen, einem ihm unbekannten Ort. Und ich spüre auch, dass diese Verbindung viel weitergeht. Sie umfasst alle Getauften dieser Welt, zu allen Zeiten dieser Erde.

Diese Momente der Verbindung sind mir heilig. Es geschieht etwas, da und in allen unseren Kirchen, in so vielen Segens-Feiern, Taufen, Konfirmationen, Trauungen – wir feiern, dass wir eben nicht einsam und gottverlassen sind. Wir gehören zusammen. Von der Wiege bis zur Bahre sind wir mit anderen verbunden, in Vergangenheit und Gegenwart und Zukunft.

Mich erinnert das wieder an die Nabelschnur.  Ja, kaum geboren, wird diese Verbindung durchtrennt. Und seitdem suchen wir. Und erleben es. In den ersten Monaten unseres Daseins und sogar noch vor der Geburt. Wirklich mit jemand verbunden sein. Da ist eine andere Kraft, die durchströmt mich und versorgt mich.

Komm, lass uns in Verbindung bleiben! Jetzt – und von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen.

Pfingstgottesdienst aus Bayreuth

Der evangelische Rundfunkgottesdienst zum Pfingstsonntag wird am 24. Mai 2026 von 10 bis 11 Uhr live aus der Stadtkirche Bayreuth in Bayern 1 übertragen. Unter dem Motto "Wir bleiben in Verbindung!" geht es um Gemeinschaft, Trost und Zusammenhalt in unruhigen Zeiten. Die Predigt von Pfarrer Carsten Brall lest ihr hier, die musikalische Leitung übernimmt Kirchenmusikdirektor Michael Dorn.