Haben Sie Lust, mit mir für einen Moment in die "Stadt der Zukunft" zu reisen? Ich sehe glitzernde Fassaden. Türme aus Stahl und Glas. Stromlinienförmige Flugobjekte ziehen über den Himmel und Fahrzeuge schweben einen halben Meter über den Straßen. Grün gibt es auch, aber sehr geordnet, gestutzt, eingefügt. So in der Art sind die Bilder, die in mir aufploppen von einer "Stadt der Zukunft". Vermutlich haben Science-Fiction Filme das in meinem Hirn abgelagert. Und eine Zeit, in der Fortschritt hieß: Natur zähmen und unendliches Wachstum schaffen.

Aber diese Bilder vermischen sich mit ganz anderen. Da streicht ein Maler in der Nacht die schmutzig-grauen Fassaden gelb und blau und geblümt. Nachbarschaften feiern spontane Straßenfeste und alle sind dabei – richtig multikulti. Der stinkende, dunkle Rauch von Fabrikschornsteinen wird von Filtern in helle Wölkchen verwandelt. Auch das: "Stadt der Zukunft". Ich vermute, dass da aus meinen Erinnerungen eine Mischung hochschwebt aus Sesamstraße, Peter Lustig und 70er-Jahre-Wimmelbildern.

Heute stellen sich in 17 Städten und 29 Landkreisen hier in Bayern Menschen zur Stichwahl. Eine "Stadt der Zukunft" wagt im Moment wohl keiner zu versprechen – ich finde das okay. Kein unrealistischer technischer Fortschritt – einfach gut erhalten, was ist oder wo nötig die Infrastruktur ausbauen, langt völlig. Genauso wie es mit dem guten Zusammenleben ist. Das schwebt nicht über Nacht wie aus dem Bilderbuch herbei. Beides, die äußere Ausstattung unserer Kommunen und unser Zusammenleben, braucht Realitätssinn – und trotzdem Mut. Es ist viel gewonnen, wenn heute anständige Leute zu Bürgermeistern und Landrätinnen gewählt werden. Frauen und Männer, die sich mit anderen anständigen Leuten auf gute Kompromisse einigen.

"Stadt der Zukunft" – so ein fast übermütiges Schlagwort finde ich auf keinem Wahlplakat. Verrückterweise spricht davon aber die Bibel. In einem Abschnitt, der heute in vielen evangelischen Gottesdiensten gelesen wird, ist die Rede von einer "zukünftigen Stadt." Das klingt so:

"Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir." (Hebr. 13,12-14)

Eine besondere Kommune: Eine "Stadt draußen vor der Stadt". Um hinzukommen, muss man erst mal raus. "Vor das Tor", "vor das Lager". Nach draußen, aus der Gemeinschaft heraus, rauswärts ist die Richtungsangabe.

Weil: Wir gehören nicht so ganz dazu. Das, was "Stadt" bisher ist, so, wie Zusammenleben bisher ist, ist nicht vollkommen unsere Heimat. Wir haben hier keine "bleibende Stadt". Wir haben keinen Ort, wo wir uns vollkommen zuhause fühlen, wo wir voll und ganz beheimatet sind. Vielleicht auch: Keinen Ort, wo wir als zugehörig angesehen werden. Darum sollen wir auf der Suche bleiben, Ausschau halten nach der "zukünftigen Stadt". Wir müssen uns hinauswagen. Die gleiche Richtung einschlagen wie Jesus: Sein Weg führte aus Jerusalem hinaus. Dort wurde er – wie so viele andere – gekreuzigt.

Weil wir das Leben lieben

Jesus von Nazareth glaubte an eine Auferstehung von den Toten. Der Tod soll das letzte Wort haben? Die Machthaber dieser Welt sollen endgültig Macht haben? Auf keinen Fall. Von Gott ist das Leben. Und die göttliche Kraft des Lebens hat kein Ende.

Und gleichzeitig ist die Botschaft von Jesus: Es ändert sich jetzt schon was! "Reich Gottes" nennt er diese Veränderung.

In der Kirche haben wir "Reich Gottes" oft ausschließlich hinter den Tod geschoben. Wir haben alles, was Jesus darüber gesagt hat, mit dem "Himmel" gleichgesetzt. Darauf will ich auch hoffen! Auf eine Gemeinschaft jenseits von Staub und Zeit und Tränen und Tod!

Aber Jesus meint mit "Reich Gottes" etwas, was immer schon jetzt beginnt. Was schon jetzt Altes verdrängt. Wie Knospen, die im Frühling letzte abgestorbene Blätter zur Seite schieben und das Neue ankündigen. Und darum muss die Suche nach dieser "zukünftigen Stadt" erst mal ganz und gar irdisch sein.

Dietrich Bonhoeffer hat es so beschrieben:

"… nur wenn man das Leben und die Erde so liebt, daß mit ihr alles verloren und zu Ende zu sein scheint, darf man an die Auferstehung der Toten und eine neue Welt glauben; … Man kann und darf das letzte Wort nicht vor dem vorletzten sprechen. Wir leben im Vorletzten und glauben an das Letzte."[1]

"Die zukünftige Stadt suchen wir". Jetzt! Und hier. Weil wir das Leben lieben und die Erde. Und der kurze Bibeltext gibt uns eine ganz knappe Anweisung, winzig eigentlich, wo wir suchen sollen. Rauswärts. "Raus vor die Tore, vor die Mauern". Für mich ist das eine Metapher: Unser Weg geht hin zu den Menschen, die kaum oder nicht dazugehören: Wie ist das Leben für sie? Und wie müssen wir Zusammenleben gestalten, damit sie Platz haben?

Ich bin überzeugt, dass wir in Zukunft in unseren Gemeinwesen mit viel weniger Geld werden auskommen müssen. Wenn immer mehr Klimaanpassung notwendig ist, wird das Geld verbrauchen. Wenn die Wirtschaft sich transformieren muss hin zu anderen Produkten, wird das Geld kosten. Wenn wir mehr Geld für Verteidigung ausgeben, bleibt weniger Geld übrig. Wenn wir mehr Kinderbetreuung schaffen und dem Personal dort auch ein angemesseneres Gehalt zahlen, bleibt weniger Geld übrig. Ähnlich in der Pflege alter und kranker Menschen. Und vermutlich vieles mehr, was mir gerade nicht einfällt. Und bei all dem müssen wir diejenigen im Blick behalten, die "draußen" sind – nicht die, die sich auch in einer solchen Zeit weiterhin alles werden leisten können. 

In der Seelsorge oder in der Beratung ist ein entscheidender Schritt ehrlich hinzusehen. Realistisch anzuschauen, wie es denn gerade ist. Was bedeutet das, wenn es um die "Stadt der Zukunft" geht?

Einfacher. Und schlichter.

Etwas weniger Komfort, etwas weniger Bequemlichkeit wohl.

Vermutlich werden Wohnungen anders gebaut als bisher. Vielleicht verschwinden Heizungsrohre und Stromleitungen nicht mehr in Wandschlitzen, sondern werden wie in anderen Ländern auf der Wand verlegt. Vielleicht verschwinden manche Gärten und statt Hecken wachsen Mehrfamilienhäuser. Vielleicht werden manche Sportplätze abgebaut werden, weil kein Geld für die Renovierung da ist. Der Anblick von leerstehenden Einkaufszentren wird leider normal sein. Aufgegebene Hallenbäder. Vielleicht wachsen neue Schrebergartenkolonien. Sie könnten gefragt sein, auch um selber was anzubauen. Vielleicht werden Autos in Städten deutlich höher besteuert, um mehr Öffentlichen Nahverkehr zu finanzieren? Vielleicht wird der in ländlichen Gebieten reduziert und dafür dort die Steuer auf PKWs gesenkt, um die Mobilität hinzubekommen?  

Einfacher und schlichter. Gar nicht so einfach, das auszusprechen. Ich will ja nicht wie ein Miesmacher klingen! Und schon gar nicht will ich etwas predigen, was ich selbst nicht lebe. Oder was ich zumindest angefangen habe zu leben. Trotzdem bin ich überzeugt: Einfacher und schlichter wird es wohl sein müssen in der "zukünftigen Stadt".

Einfacher und schlichter

Es muss sich was an unserem Lifestyle ändern. Ich nutze das englische Wort, weil der Bundeskanzler es letzthin aufgebracht hat. Unser Lifestyle behindert uns – da stimme ich ihm zu. Ich widerspreche ihm allerdings vehement, dass er dieses Lifestyle-Problem bei Teilzeitarbeitenden sieht und wohl auch bei Menschen, die das bisherige Bürgergeld bekommen – also bei denen "draußen". Aber eine Veränderung im Lebensstil brauchen wir.

Schon die ganze Zeit hören wir ein Lied der "Shaker" – gesungen und als Melodie. Die Shaker, das war eine kleine christliche Gruppe, vor allem im 19. Jahrhundert. Heute gibt es fast nur noch Erinnerungen an sie. "Simple gifts", "Einfache Geschenke", dieses berühmte Lied ist eine dieser Erinnerungen. Frei übersetzt wird da gesungen:

"Es ist ein Geschenk einfach zu leben, frei zu sein
und dort anzukommen, wo wir sein sollten.
Und wenn wir uns an dem Ort wiederfinden, der genau richtig ist,
dann dort: im Tal der Liebe und Wonne." 

Ist das meine Aufgabe als Christ ist in dieser Zeit? Ein fröhliches Vorbild für Einfachheit werden? Die ganze Gesellschaft muss sich an weniger und einfacher und schlichter gewöhnen. Sie muss sich auf eine veränderte Zeit einstellen. Könnte es unsere Aufgabe als Christen sein, da voranzugehen und das einzuüben?

Überhaupt nicht einfach. Auch unser Christsein ist ja weitgehend von Jahrzehnten des Wohlstands geprägt. "Wie schwer werden die Reichen in das Reich Gottes kommen!" hat Jesus einmal gesagt (Mk 10,23). Wie wahr! Und zwar nicht, weil es um irgendeinen Eintrittsschein für den Himmel geht. Sondern: "Wie schwer wird es einem Reichen fallen, seinen Lebensstil zu ändern, hin zu Einfachheit und Schlichtheit und mehr Miteinander."

"Es ist ein Geschenk einfach zu leben, frei zu sein
und dort anzukommen, wo wir sein sollten. …

Ein Geschenk, schlicht zu leben? Es steht so vielem entgegen, was ich von klein auf in mich aufgesogen habe. Als Kinder erleben wir, dass es die Großen gibt, die scheinbar alles können und dürfen. Das will ich auch! Der Wunsch nach Steigerung scheint in unsere DNA einprogrammiert. In gewisser Weise: Gut so! Kinder sollen groß werden wollen.

Aber alle ehemaligen Kinder merken irgendwann: Glück lässt sich nicht immer weiter steigern durch "Mehr". Glück ist nicht, dass ich mich permanent mit anderen vergleiche und feststelle, dass ich vorne liege.

"Ich bin in Ordnung so". Und "Du bist in Ordnung so." Nur so ändert sich unser Lifestyle. Von innen heraus. Wenn wir wissen, dass das Leben an sich gut ist und lebenswert. Dass mein Leben lebens-wert ist, weil ich liebens-wert bin.

Ich weiß nicht, wann wir als Gesellschaft begonnen haben, solche Dinge mit Titeln, Einkommen und Besitz zu verbinden. Wert, Lebens-Wert, Liebens-Würdigkeit damit zu verbinden, was jemand hat. Auf jeden Fall ist es ein Trugschluss. Glück hat was damit zu tun, etwas ganz anderes zu finden – oder wie die Shaker gesagt hätten: "dort anzukommen, wo wir sein sollten".

Auch als Industrienationen sind wir jahrzehntelang "groß und stark" geworden. Es ist längst Zeit, nun noch mal anders erwachsen zu werden. Loszulassen. Als der reiche Teil der Menschheit sägen wir am Ast, auf dem wir sitzen. Und wir sitzen vielleicht noch recht nah am Stamm, wo es halbwegs sicher ist. Viel schwerer haben es die, die weiter draußen auf dem Ast sitzen, Menschen, die sowieso schon ärmer sind. Und sie sind es nicht, die sägen … 

Einfacher und schlichter. Ich kann das noch nicht – jedenfalls nicht in allem. Aber in diese Richtung geht es.

Ein spiritueller Weg

Was kann ich in dieser Fastenzeit tun, um mich auf "einfacher" und "schlichter" oder einfach auf "weniger" einzustellen? Ich brauche es Ihnen nicht zu erzählen. Liebe Hörerinnen und Hörer, Sie wissen selbst, was Sie anpacken könnten – und ich weiß meins. Viel schwieriger ist: Wie kann ich das machen?

Ich habe viel Erfahrung damit, wie ich es nicht geschafft habe, einfacher und schlichter zu leben. Aber auch ein bisschen Erfahrung, wie es geklappt hat. Vier Sachen helfen mir dabei:

  • Ich muss was verstehen.
  • Ich muss etwas üben.
  • Ich muss das Ganze frei, am besten sogar fröhlich einüben können.
  • Und es hilft, wenn ich es zusammen mit anderen mache.

Also erst mal: Verstehen.
Als Jugendlicher habe ich gefastet, "weil man das macht". Weil Fastenzeit war, weil andere Christen das gemacht haben. Ich habe auf Süßigkeiten verzichtet oder härter: aufs Fernsehen. Aber ob es etwas in mir verändert hat, weiterentwickelt? Eher nicht. Denn ich hatte keinen rechten Grund, außer dass es irgendwie als gut galt, sich schlecht zu fühlen und zu verzichten.

Ganz anders geht es mir zum Beispiel, seit ich verstanden habe, dass zu viel Instagram mein Hirn durcheinanderbringt. Dass mich das in einem milden Maß süchtig macht – und das will ich nicht. Seitdem fällt es mir viel leichter, mich da einzuschränken. Verstehen.

Dann: Üben. Fast jede Veränderung im Leben bedeutet, sich Stück für Stück etwas anzutrainieren, die allerwenigsten Änderungen passieren über Nacht. Umgekehrt gesagt: Vieles tun wir nur, weil wir es gewohnt sind, nicht weil es uns zufrieden, froh oder gar glücklich macht. Gewohnheiten ändert man eben nur durch neue Gewohnheiten. Üben, also.  

Aber damit ich motiviert dazu bleibe, brauche ich Freiheit.

Ein Beispiel: Ich habe immer wieder versucht, Teil von christlichen Gemeinschaften zu sein, die es besonders ernst meinten, die besonders hohe Ansprüche an sich hatten. Vollkommenheitsgemeinschaften nenne ich sie mal. In einer Situation ging es um die Frage, ob ich für so eine Gemeinschaft arbeiten würde. Ich sollte sagen, wie viel ich denn verdienen wollen würde, wenn sie mich anstellen. Und in mir wurde alles eng. Ich fühlte mich nicht frei zu sagen, was ich gerne hätte, um mir und meiner Familie ein gutes Leben zu finanzieren. Das herrschende Ideal von "einfach" und "schlicht" in dieser Gemeinschaft war zu ausgeprägt. Und mein Wunsch, den anderen gefallen zu wollen, ebenfalls. Wie blockiert war ich. Nur einer von vielen Gründen war das, warum ich diese Lebensveränderung abgebrochen habe.

Für Veränderung braucht es innere Freiheit – eine Freiheit, die wir erleben, wenn wir z.B. eine Gemeinschaft finden, die zu uns passt. Sich gemeinsam auf den Weg zu machen, das ist ein Erfolgsrezept. Davon leben viele Selbsthilfegruppen, viele Austauschforen im Netz oder in einer gemeinsamen App. Mir gibt meine Ehe Energie, mich zu verändern – gerade weil ich nicht beurteilt werde. Wenn die Veränderung einmal nicht klappt? Macht nichts. Ich kann weitermachen, weil ich nicht muss. So versuchen wir es auch bei uns in der Evangelischen Studierendengemeinde. Da gilt das Prinzip "individuelle Leistungslosigkeit". So haben das Studis mal formuliert. "Individuelle Leistungslosigkeit" - klingt das furchtbar faul in Ihren Ohren? Wenig strebsam? Vielleicht. Aber der Effekt ist das Gegenteil. Wo Menschen aufhören müssen zu müssen, können sie sich auf das konzentrieren, was sie ändern wollen. Im eigenen Leben und innerhalb der Gemeinschaft.

"Jesus hat, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir."

Rauswärts aus dem Gewohnten. Im Kontakt miteinander, auch mit "Outsidern". Auf der Suche nach einer zukünftigen Stadt. Nach einer neuen Menschengemeinschaft, die einfacher und schlichter lebt – und zufriedener.

[1] Widerstand und Ergebung, DBW Band 8, Seite 226.

Die Evangelische Morgenfeier

"Eine halbe Stunde zum Atemholen, Nachdenken und Besinnen" - der Radiosender Bayern 1 spielt die Evangelische Morgenfeier für seine Hörerinnen und Hörer immer sonntags von 10.05 bis 10.30 Uhr. Dabei haben Pfarrer:innen aus ganz Bayern das Wort. "Es geht um persönliche Erfahrungen mit dem Glauben, die Dinge des Lebens - um Gott und die Welt."

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