In der Christuskirche Selb herrscht erneut geschäftiges Treiben. Baumaschinen und Handwerker bestimmen derzeit das Bild rund um den Gemeindesaal. Zwei Jahre nach dem großen Umbau in der Kirche selbst ist nun der zweite Bauabschnitt gestartet 

Und der hat ein klares Ziel: Barrierefreiheit. Pfarrer Johannes Herold ist überzeugt:

"Jeder soll kommen können, wir wollen niemanden ausschließen."

Schon als vor zwei Jahren die schweren Kirchenbänke entfernt wurden, war klar, dass dies nur der Anfang war. "Es war alles ein Plan", erzählt Herold. Die Gemeinde habe von Beginn an im Blick gehabt, auch den Saal umzubauen, der direkt unter dem gleichen Dach liegt. Denn für das rege Gemeindeleben reichte der bisherige Raum schon lange nicht mehr. "Wir feiern ja gern, wir essen gern miteinander. Das ging in unserem kleinen Gemeindesaal einfach nicht."

Die Kirche selbst wurde deshalb multifunktional: Sie ist inzwischen der Ort für große Feste. Der Saal hingegen erhält nun eine andere, ebenso wichtige Funktion: Er wird so ausgestattet, dass auch Menschen mit Rollstuhl oder Rollator selbstverständlich daran teilhaben können.

Schwellen abbauen – im wörtlichen Sinn

"Man kommt mit dem Rollstuhl gar nicht rein in die Kirche oder mit einem Rollator", beschreibt Herold die Situation vor dem Umbau. Genau das soll sich ändern: Eine großzügige Rampe, elektrische Türen, ein behindertengerechter Sanitärraum – all das entsteht derzeit. Auch eine moderne Küche mit unterfahrbaren Arbeitsflächen gehört dazu. "So können auch Menschen im Rollstuhl sitzend mitarbeiten."

Für Herold und die Gemeinde steckt darin mehr als reine Bauarbeit. Barrierefreiheit sei für sie ein Grundprinzip: "Alle Menschen sind eingeladen an den Tisch des Herrn. Das ist ein ganz wichtiger Gedanke für uns."

Kleine Wunder bei der Finanzierung

Doch wie so oft stand und fiel alles mit dem Geld. "Die Finanzierung war das Hauptproblem. Da hat es einige Wunder gebraucht, damit es geklappt hat", gesteht Herold. Eines dieser Wunder ist für ihn kurioserweise mit dem Ukrainekrieg verbunden. Eigentlich wollte die Gemeinde eine Pelletheizung einbauen – für 90.000 Euro. Doch als die Preise explodierten, kam eine ganz neue Lösung auf den Tisch für den Gottesdienstraum: Infrarotstrahler von der Decke. "Putin wollte das Böse, aber Gott hat es für uns dann doch noch was Gutes entstehen lassen", so formuliert es jedenfalls Herold augenzwinkernd.

Dazu kamen weitere glückliche Fügungen: eine großzügige Förderung der Aktion Mensch, eine alte Finanzierungsregelung der Landeskirche, Spenden aus der Region – und schließlich sogar eine Erbschaft, die den letzten Baustein lieferte. Am Ende belaufen sich die Kosten für beide Bauabschnitte, Kirche und Saal, auf rund 550.000 Euro.

Offen für die ganze Stadt

Die Investition gilt nicht allein der Kirchengemeinde. Herold betont, dass der neue Saal bewusst auch der Stadtgesellschaft offenstehen soll: "Wir wollen möglichst offen sein für die Selber Stadtbevölkerung, für Vereine, Organisationen, die gerne unsere Räume mieten können." Schon jetzt finden hier Seniorensport oder Vorträge statt. In Zukunft könnten Gesundheitskurse, Workshops oder kulturelle Veranstaltungen dazukommen.

Damit entsteht in Selb ein Ort, den es so bisher kaum gab: ein vollständig barrierefreier Veranstaltungsraum, der zudem in zentraler Lage liegt. Für Menschen mit Behinderung bedeutet das einen echten Gewinn an Teilhabe. Herold erinnert an die Worte eines Rollstuhlfahrers: "Wenn ich nicht weiß, dass ich irgendwo aufs Klo gehen kann, dann gehe ich da zu keiner Veranstaltung." Genau deshalb sei eine behindertengerechte Toilette so entscheidend gewesen.

Auch das Thema Nachhaltigkeit hat die Gemeinde im Blick. Die alte Gasheizung ist bereits entfernt, stattdessen kommen Natursteinheizungen an die Decke. Perspektivisch soll eine Photovoltaikanlage auf das Dach. "Wir wollen wirklich nachhaltig unterwegs sein", sagt Herold.

Fertigstellung im Frühjahr

Wenn alles nach Plan läuft, sollen die Arbeiten im Februar oder März 2026 abgeschlossen sein. Noch denkt niemand konkret an eine Einweihungsfeier – zu sehr sind alle mit den laufenden Arbeiten beschäftigt. Doch Herold hat eine klare Vision: "Ich will, dass dieser Ort wirklich ein Begegnungszentrum für Menschen aus der ganzen Stadt ist. Aus allen Milieus, aus allen Gesellschaftsbereichen. Dass da auch Menschen mit Krücken, Blinde und im Rollstuhl sitzend zu uns kommen und das einfach als einen Ort der gegenseitigen Anerkennung und des Respekts kennenlernen."

Mehr als ein Umbau

Wer mit dem Pfarrer spricht, merkt schnell: Hier geht es nicht nur um Baupläne und Finanzierungsfragen. Die Christuskirche will ein Symbol setzen – für Offenheit, Vielfalt und eine Kirche, die Menschen wirklich einlädt. Die neue Rampe, die Türen, die Küche und die Sanitäranlagen sind dabei sichtbare Zeichen für eine Haltung, die Johannes Herold in einem Satz auf den Punkt bringt: "Wir wollen niemanden ausschließen."