Mitten im Wald, weit weg von Straßen und Dörfern, liegt die Kapelle am Ackerl in Selb. Für Pfarrer Johannes Herold ist sie ein Ort voller Stille, Geschichte und Hoffnung – und sein ganz persönlicher Lieblingsplatz.
Er beschreibt die Kapelle als "einen total paradoxen Ort". Sie liege "mitten im Nirgendwo, mitten im Wald" und dennoch sei sie "ganz nah bei den Menschen". Wanderer und Radfahrer kämen hierher, machten Pause, beteten oder fänden Gott in der Natur – "da, wo sonst eigentlich niemand ist", wie er sagt.
Ein Ort, der Grenzen überwindet
Die Kapelle steht genau dort, wo früher der Eiserne Vorhang verlief. Für Herold ist das mehr als nur ein geografisches Detail. "Das Besondere an der Kapelle ist ihr Ort mitten auf der Grenze zwischen Deutschland und Tschechien", erzählt er. Dort, wo einst Menschen erschossen wurden, wenn sie die Grenze überwinden wollten, stehe heute "ein Ort der Völkerverständigung, des christlichen Glaubens, der über alle Grenzen hinweg da ist".
Herold sieht in ihr ein Zeichen dafür, "dass wir zusammengehören und alle gleich viel wert sind". Früher habe die Grenze getrennt, heute verbinde die Kapelle.
Stille und Gemeinschaft
Wer zur Kapelle kommt, spürt zunächst die Ruhe. "Es ist vor allem ein Ort der Stille und des persönlichen Gebets", sagt Herold. Im Inneren hängen viele handgeschriebene Gebete, die Besucher hinterlassen haben. Doch die Kapelle sei mehr als ein Ort für Einzelne. An Himmelfahrt etwa werde hier ein deutsch-tschechischer Gottesdienst gefeiert, oft mit Posaunenchor und bis zu fünfzig Menschen.
"Da ist richtig Leben", betont Herold. Und genau das mache diesen Platz so besonders: Er verbinde den persönlichen Glauben mit einer Gemeinschaft, die es sonst vor allem in den Kirchen der Dörfer und Städte gebe.
Als Herold die Kapelle zum ersten Mal sah, war er überwältigt. Er erinnert sich an eine lange Fahrradtour, an der er mehrfach zweifelte, ob er überhaupt richtig sei. "Und dann kam wirklich diese wunderschöne Kapelle. Es war ein traumhafter Sommertag. Und dann war hier Schatten. Dann war hier Gott zu spüren." Diese erste Begegnung prägt ihn bis heute.
Bauen über Grenzen hinweg
Auch die Entstehung der Kapelle ist ein Symbol für Zusammenarbeit. Sie wurde mit Materialien aus beiden Ländern errichtet: Der Altar stammt aus Marmor aus Wunsiedel, das Glas aus Waldsassen, die Schindeln sind aus tschechischem Holz gefertigt. All das wurde vom Verein "ENKL" (europäischer Natur- und Kulturlandschaften) organisiert.
"Die haben das Ganze finanziert und auch ganz viel in Eigenleistung dran gearbeitet", erklärt Herold. Für ihn ist das nicht nur ein Bauwerk, sondern ein Projekt, das Menschen auf beiden Seiten der Grenze zusammengeführt hat.
Ein Zeichen der Hoffnung
Besonders in der Corona-Pandemie wurde die Kapelle für Herold und seine Gemeinde zu einem wichtigen Ort. Sie feierten hier Gottesdienste im Freien und legten Predigten aus, damit Menschen, die nicht in die Kirche kommen durften, dennoch Glaubensimpulse bekamen.
"Wir wussten, hier erreichen wir die Menschen", sagt Herold. Neben Online-Gottesdiensten sei das eine direkte Möglichkeit gewesen, in Kontakt zu bleiben. Viele hätten die ausgelegten Predigten sogar mitgenommen und weitergegeben.
Untrennbar verbunden mit der Kapelle ist der Name Hans Popp. Er war jahrzehntelang Vorsitzender des Vereins, der die Kapelle betreut. Anfang Juli ist Popp im Alter von 89 Jahren gestorben. "Das ist wirklich sein Ort hier", sagt Herold leise.
Ein Ort, der bleibt
Die Kapelle am Ackerl ist mehr als ein religiöser Platz. Sie ist ein Symbol dafür, dass Grenzen überwunden werden können – politisch, geografisch und menschlich.
Herold wünscht sich, dass die Kapelle lebendig bleibt. Er hofft auf weitere Gottesdienste mit deutscher und tschechischer Beteiligung, auf viele Wanderer und Besucher. "Dass sie sehen, wie diese Grenze hier aufgeweicht wird durch eine christliche evangelische Kapelle", sagt er.
Wer einmal dort war, versteht, warum dieser Ort für Johannes Herold mehr ist als nur ein Lieblingsplatz. Es ist ein Platz, der Menschen verbindet – über alle Grenzen hinweg.