Seit 1958 bin ich als Organist und Chorleiter in evangelischen Kirchengemeinden tätig. In dieser Zeit habe ich mehrere Gesangbuchgenerationen, zahlreiche Ergänzungsbände und viele Veränderungen des Gemeindegesangs erlebt. Deshalb bezweifle ich, dass das neue Evangelische Gesangbuch noch einmal eine ganze Generation prägen wird.
Damit möchte ich die Arbeit der beteiligten Fachleute nicht geringschätzen. Den Erprobungsband und auch die Befragung der Gemeinden bewerte ich in vielem positiv. Meine grundsätzliche Frage lautet jedoch: Passt das Konzept eines umfangreichen gedruckten Gesangbuchs noch zu den künftigen Aufgaben und Möglichkeiten unserer Kirche?
Zusatzhefte gehören längst zur Normalität
Schon seit den 1960er-Jahren zeigt sich, dass das jeweils große Gesangbuch allein die musikalische Praxis vieler Gemeinden nicht abbildet. Immer wieder kamen deshalb Ergänzungen hinzu: 1971 ein 'Liederheft für die Gemeinde‘, 1982 der sogenannte 'Silberpfeil‘ und 2010 'Kommt, atmet auf‘. Neue und beliebte Lieder mussten neben dem eigentlichen Gesangbuch bereitgestellt werden. Warum sollte sich dieses Muster bei einem neuen umfangreichen Gesangbuch grundsätzlich ändern?
Auch meine persönliche Bilanz fällt ernüchternd aus. Von den 629 von mir betrachteten Liedern des derzeitigen Evangelischen Gesangbuchs habe ich 329 gespielt oder als aus der Gemeindepraxis bekannt eingeordnet. 282 habe ich in meiner langjährigen Tätigkeit nicht verwendet; 18 Einträge konnte ich nicht eindeutig zuordnen. Diese private Auswertung ist keine wissenschaftliche Erhebung. Sie zeigt aber, wie groß der Abstand zwischen dem möglichen Repertoire eines Gesangbuchs und dem tatsächlich genutzten Liedbestand sein kann.
Bei ‚Kommt, atmet auf‘ war der Anteil der von mir gespielten oder bekannten Lieder unter den 139 ausgewerteten Titeln noch geringer. Auch das spricht dafür, nicht immer neue Sammlungen neben die bestehenden zu stellen, sondern stärker danach zu fragen, was Gemeinden tatsächlich singen können und wollen.
Zwei Bücher helfen der Gemeinde nicht
In vielen Gottesdiensten geben wir inzwischen das Evangelische Gesangbuch und zusätzlich ein neueres Liederheft aus. Manche Besucherinnen und Besucher kommen mit dem Wechsel zwischen zwei Büchern nicht gut zurecht oder legen schließlich beide beiseite. Ähnliche Erfahrungen habe ich mit kompliziert dargestellten liturgischen Gesängen gemacht. Was fachlich durchdacht ist, wird noch lange nicht selbstverständlich von der Gemeinde angenommen.
Für Festgottesdienste, Kasualien und besondere Formate erstellen Gemeinden ohnehin häufig eigene Liedblätter oder Programme. Das ist übersichtlich und ermöglicht eine Auswahl, die genau zum jeweiligen Gottesdienst passt. Auch der Erprobungsprozess in unserer Gemeinde hat gezeigt, wie schwer es ist, eine breitere Beteiligung zu erreichen: Von insgesamt 138 Gottesdienstbesucherinnen und -besuchern an zwei Sonntagen gaben zehn eine Rückmeldung ab. Das ist nicht repräsentativ. Die geringe Beteiligung sollte aber bei der Bewertung des Verfahrens mitbedacht werden.
Digitalisierung nicht nur als Ergänzung denken
Zum neuen Evangelischen Gesangbuch ist neben der gedruckten Ausgabe bereits ein digitales Angebot geplant. Das ist richtig und hilfreich: Lieder sollen leichter ausgewählt und rechtssicher in Liedblätter oder Präsentationen übernommen werden können. Gerade deshalb stellt sich für mich aber die Frage, ob parallel dazu noch ein möglichst umfangreiches gedrucktes Werk benötigt wird.
Nicht jeder Mensch möchte im Gottesdienst ein Smartphone oder Tablet benutzen, und nicht jede Kirche verfügt über geeignete Anzeigetechnik. Ein gedrucktes Angebot wird daher weiterhin seinen Platz haben. Doch es könnte deutlich schlanker sein. Den umfassenden Liederschatz, unterschiedliche Notensätze und weitere Materialien könnte die digitale Ausgabe aufnehmen. Das gedruckte Buch müsste dann nicht mehr alles zugleich leisten.
Ein schlanker gemeinsamer Liedbestand
Ich wünsche mir deshalb eine überschaubare Liedersammlung in gedruckter und digitaler Form: mit bewährten Chorälen, gut singbaren neueren Liedern und einer klaren liturgischen Auswahl. Wo es theologisch und musikalisch möglich ist, sollte dabei stärker ökumenisch gedacht werden. Viele Lieder werden längst von evangelischen und katholischen Gemeinden gemeinsam gesungen.
Die Kirchen werden in den kommenden Jahren mit weniger Mitgliedern, weniger Personal und geringeren finanziellen Möglichkeiten auskommen müssen. Auch deshalb sollte sorgfältig geprüft werden, welche Kosten ein neues gedrucktes Großprojekt verursacht und wie viele Exemplare die Gemeinden tatsächlich benötigen.
Ein Gesangbuch bleibt mehr als ein bloßes Arbeitsmittel. Es bewahrt Lieder, Gebete und Traditionen und kann Menschen über lange Zeit begleiten. Gerade wenn es diese Funktion behalten soll, darf es aber nicht an der Praxis der Gemeinden vorbeigehen. Weniger Umfang könnte hier mehr gemeinsames Singen ermöglichen.
Soli Deo Gloria.
Günther Bernhardt lebt in Gaimersheim und ist seit 1958 nebenamtlich in evangelischen Kirchengemeinden als Organist und Chorleiter tätig.