Es ist keine Überraschung, dass es in der katholischen Kirche Menschen gibt, die Homosexualität und queere Lebensweisen ablehnen. Überraschend ist eher, dass ein Bischof im Jahr 2026 diese Haltung noch immer so offen und mit einer solchen Schärfe vertritt.

Bischof Stefan Oster stellt gesellschaftliche Vielfalt in Zusammenhang mit einer Gefährdung der Demokratie und legt nahe, sie könne am Ende den Ruf nach einer starken Autorität befördern. Das ist nicht nur absurd – es ist übergriffig. Und es ist eine gefährliche Täter-Opfer-Umkehr.

Queere Menschen sind nicht die Gefahr

Denn wer tatsächlich nach den Ursachen für die Gefährdung unserer Demokratie sucht, muss über Radikalisierung, Rechtsextremismus, Hass und Gewalt sprechen. Nicht über Menschen, die einfach so leben und lieben, wie sie sind. Queere Menschen sind nicht das Problem, das unsere Demokratie bedroht. Sie sind vielmehr seit Jahrhunderten Menschen, die unter Diskriminierung und Ausgrenzung leiden – auch und gerade durch Kirchen.

Wenn Oster sagt, man müsse homosexuelle Menschen zwar "akzeptieren", ihre Lebensweise aber nicht "gutheißen", klingt das zunächst nach Toleranz. Ist es aber nicht. Denn was bedeutet diese "Akzeptanz", wenn man gleichzeitig öffentlich erklärt, dass die Lebensweise dieser Menschen falsch sei und sogar die Gesellschaft gefährde? Das ist keine echte Akzeptanz. Es ist Diskriminierung mit freundlicherem und scheinheiligem Etikett.

Ein Bischof spricht aus einer Machtposition

Besonders problematisch wird es, wenn solche Aussagen von einem Bischof in einer Predigt kommen. Denn Oster spricht hier nicht einfach als Privatperson am Stammtisch. Er spricht aus einer enormen Machtposition heraus – vor einer Gemeinde, in einem kirchlichen Raum, in einer Institution, die für viele Menschen noch immer Orientierung und Autorität bedeutet. Wer diese Position innehat, trägt Verantwortung dafür, welche Menschen sich in dieser Kirche willkommen fühlen können.

Und wie sollen sich queere Menschen dort willkommen fühlen, wenn ihnen gleichzeitig vermittelt wird, dass ihre Identität ein gesellschaftliches Problem sei?

Noch absurder wird es bei der Behauptung, queere Lebensweisen hätten damit zu tun, dass Menschen nicht an die Existenz Gottes glaubten. Das ist nicht nur sachlich falsch, sondern spricht queeren Christ:innen indirekt auch ihren Glauben ab. Es gibt homosexuelle und queere Menschen, die gläubig sind. Es gibt queere Christ:innen. Und es gibt queere Katholik:innen.

Queeren Christ:innen wird der Glaube abgesprochen

Dass viele queere Menschen die Kirche verlassen, sollte deshalb nicht vorschnell als Beweis für ihre fehlende Gottesbeziehung interpretiert werden. Vielleicht sollten sich Kirchen vielmehr fragen, warum Menschen gehen. Vielleicht liegt es auch daran, dass sie sich in einer Institution, die sie über Jahrhunderte diskriminiert hat, nicht mehr sicher und willkommen fühlen.

Die Kirche hat ihre Mitschuld an dieser Diskriminierung längst anerkannt. Umso befremdlicher ist es, wenn ein Bischof nun ausgerechnet diejenigen zum Problem erklärt, die unter dieser Geschichte zu leiden hatten.

Osters Aussagen wirken wie aus einer anderen Zeit. Wie ein Kommentar, den man vor 20 oder 30 Jahren vielleicht noch häufiger gehört hätte. Aber wir schreiben 2026. Und eine Gesellschaft, die Vielfalt als Realität anerkennt, braucht keine Predigten darüber, welche Menschen "richtig" und welche Lebensweisen "falsch" sind.

Die Kirche muss sich ihrer eigenen Geschichte stellen

Natürlich darf Oster eine andere persönliche Meinung haben. Aber Meinungsfreiheit bedeutet nicht Widerspruchsfreiheit und schon gar nicht Widerspruchslosigkeit. Wer sich öffentlich so äußert, muss auch mit öffentlicher Kritik rechnen. Erst recht, wenn er eine Machtposition innehat.

Denn wer Vielfalt als Gefahr für die Demokratie bezeichnet, sollte sich vielleicht selbst fragen, welchen Beitrag er gerade zu einem gesellschaftlichen Klima leistet, in dem Menschen ausgegrenzt werden. Kehrt er damit die wahren Gefährdungen unserer Demokratie unter den Teppich?

Und wer sich auf christliche Werte beruft, sollte sich vielleicht noch einmal anschauen, was Jesus eigentlich vorgelebt hat: Nächstenliebe, Barmherzigkeit und die Hinwendung zu Menschen, die ausgegrenzt werden.

Vielleicht sollte man am Ende deshalb eine andere Frage stellen: Gefährden wirklich queere Menschen die Demokratie – oder tragen nicht vielmehr Aussagen wie die von Stefan Oster zu einem gesellschaftlichen Klima bei, in dem Minderheiten ausgegrenzt werden?

Besonders schwer wiegt das, weil Oster nicht als Privatperson spricht, sondern als Bischof – aus einer Machtposition heraus, die nicht demokratisch von der kirchlichen Basis legitimiert ist.