Erwartungsmanagement
Meine Krippe steht auf einem Tischchen neben dem Sofa. Ich habe sie von meinem Vater geerbt. Der hat sie immer zum 1. Advent aufgebaut. Im Stall hat er Ochs und Esel aufgestellt und ein wenig Stroh für die beiden in die Futterkrippe gelegt. Sonst war noch niemand im Stall. Aber davor! Jeden Tag hat mein Vater ein Schaf mehr auf die Weide gestellt. Je näher Weihnachten kam, umso größer wurde die Herde. So ähnlich ist das auch bei mir. In meinem Wohnzimmer äsen heute schon ziemlich viele Schafe vor dem Stall. Vom Sofa aus schaue ich sie an und es ist wie immer: Ich bin ein bisschen aufgedreht. Das kenne ich seit klein auf – das Haltbarkeitsdatum meiner Advents-Hibbeligkeit läuft nicht ab. Das kleine Mädchen war vor allem wegen der Geschenke aufgeregt. Die erwachsene Frau ist erwartungsfroh, dass Heilig Abend wird. Dass ich an diesem besonderen Abend das Heilige einen Moment erahnen kann. Ja, aufgekratzt bin ich und gleichzeitig – auch das wie immer – ein wenig matt. Ich muss noch allerhand erledigen bis zum 24ten: Die Dame im Pflegeheim wartet auf meinen Besuch, ich habe noch nicht alle Weihnachtskarten verschickt und durchgewischt ist auch noch nicht. Alles wie immer. So wie es auch an den Weihnachtstagen wie immer sein wird. Irgendwie werde ich doch alles geschafft haben und mich dann der festen Feiertagsliturgie überlassen. Die Rituale werden meine Tage strukturieren. Ich weiß, was mich erwartet. So ist es für viele: Weihnachten das Fest des Erwartbaren. Mit dem Jubel der Engel und dem Lachen der Kinder. Mit den geweinten und den ungeweinten Tränen.
Das völlig Unerwartete
Für Maria hat alles mit dem völlig Unerwarteten begonnen. Ein Engel kommt zu ihr. Aus dem Nichts steht er plötzlich da und spricht sie an. So erzählt es der Evangelist Lukas:
"Sei gegrüßt, du Begnadete! Der Herr ist mit dir!" Sie aber erschrak über die Rede und dachte: "Welch ein Gruß ist das?" Und der Engel sprach zu ihr: "Fürchte dich nicht, Maria! Du hast Gnade bei Gott gefunden. Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben." (Lukas 1, 28-31)
Maria ist total perplex. Sie soll einem Kind von Gott das Leben schenken? Unmöglich!
Der Engel antwortete und sprach zu ihr: "Das Heilige, das geboren wird, [wird] Gottes Sohn genannt werden. Und siehe, Elisabeth, deine Verwandte, ist auch schwanger mit einem Sohn, in ihrem Alter, und ist jetzt im sechsten Monat, sie, von der man sagt, dass sie unfruchtbar sei. Denn bei Gott ist kein Ding unmöglich." (Lukas 1, 35-37)
Unmöglich! Nach dem Engelsbesuch schüttelt Maria erstmal den Kopf und blinzelt mit den Augen. So stelle ich mir das wenigstens vor. Das kann doch nicht wahr sein. Ein Sohn von Gott, von einem Engel angekündigt? Es spricht einfach alles dagegen. Genauso wie alles dagegenspricht, dass ihre Cousine Elisabeth schwanger ist. Die ist eine alte Frau, die kann überhaupt keine Kinder mehr bekommen! Maria will wissen, was das alles bedeuten soll. Sie geht los zu ihrer Cousine.
Jenseits der Erwartungen
Heute feiern wir Advent mit Lebkuchen und Orangen, Glühwein und Bratwurst. Das war mal anders: In den Anfängen des Christentums haben die Gläubigen in der Vorweihnachtszeit gefastet. In den Gottesdiensten wurden biblische Geschichten aus der Zeit vor Jesus gelesen. Zum Beispiel von Johannes dem Täufer, dem Sohn der Elisabeth. Nur für den 4. Sonntag im Advent, da gab es eine Weile keine biblische Geschichte. In der päpstlichen Liturgie war das ein "leerer" Sonntag.[i] Ich mag die Idee: Ein leerer Sonntag, an dem nicht Worte und Gedanken von anderen auf mich einströmen. Ich muss meine Aufmerksamkeit nicht nach außen richten, sondern kann bei mir bleiben. Lauschen auf das, was in mir ist. Solche Adventsmomente tun mir wohl.
Der leere Sonntag wurde später der Tag, an dem wir in den evangelischen Kirchen von Maria hören. Maria. Nach dem Besuch bei Elisabeth ist sie sicher: Es stimmt, was der Engel gesagt hat. Eindeutig. Elisabeth ist schwanger. 6. Monat, runder Bauch, Glow auf den Wangen, Wohlfühlphase. Maria versucht die Puzzlestücke zusammenzubauen. Wie war das noch? Ihr Zimmer, der Engel, die Ankündigung eines Kindes, die schwangere Cousine. Aber es ergibt einfach kein Bild.
Jedenfalls passt nichts davon in das Bild, das Maria von sich hat. Die Leinwand ihres Lebens ist vorgezeichnet: Da ist ihr Verlobter, der als anständiger Zimmermann arbeitet, da sind viele Kinder, die sie im Alter versorgen werden, Hühner im Hof und vielleicht einmal eine Ziege. Das alles kann Maria in bunten Farben vor sich sehen. Aber die Verheißung des Engels? Das gewinnt überhaupt keine Konturen in ihrem Leben. Nur eins ist sicher: Wenn sich diese Verheißung in ihr Leben einzeichnet, dann ist es nicht mehr so, wie sie es sich immer vorgestellt hat. Dann wird alles anders. Und sie weiß nicht wie.
Ich kenne die unbestimmte Gewissheit, dass mein Leben in den vorgezeichneten Bahnen verlaufen wird. So wie ich es erwarte. Gar nicht unbedingt, weil ich etwas bewusst plane, aber eben unbewusst davon ausgehe: So wird das sein. Als Kind zum Beispiel haben meine Eltern und ich immer mit meiner Großtante Nanna Weihnachten gefeiert. Für mich war völlig logisch: Die Tante Nanna sitzt immer mit mir am Weihnachtsbaum. Als die Großtante gestorben ist, war ich traurig. Aber gar nicht so lange, wie das bei Kindern eben manchmal ist. Und dann – ich weiß nicht mehr wie – hat mich irgendwann im Advent der Gedanke wie ein Schlag getroffen: Dieses Jahr bin ich mit meinen Eltern allein an Weihnachten. Ohne die Tante Nanna. Ich war außer mir. Die Kinderseele zutiefst erschüttert, als hätte der Boden im Weihnachtszimmer Risse bekommen.
Wenn von einem Moment auf den anderen nicht mehr gilt, was immer gegolten hat. Dann gerät die Welt ins Wanken. Das ist für Kinder genauso wie für Erwachsene. Seit dem Frühjahr 2022 höre ich immer wieder, wie jemand sagt: "Ich hätte nie gedacht, dass es in Europa noch einmal Krieg geben würde." Und eine Kollegin meint nachdenklich: "Ich dachte immer: Meine Kinder werden niemals in den Krieg ziehen müssen. Diese Gewissheit habe ich irgendwie gar nicht mehr."[ii] In meiner Generation wird brüchig, wovon wir lange wie selbstverständlich ausgegangen sind. Leben in einem friedlichen und demokratischen Europa. Für die jungen Leute ist das noch viel drastischer. Wenn sie in die Zukunft schauen, türmen sich neben der Frage nach Krieg und Frieden noch viel mehr Fragen auf: Bezahlbarer Wohnraum. Klimagerechtigkeit. Wie soll das werden? Der Unterschied zwischen ihnen und uns: Die Jungen wachsen in einer Zeit von Ungewissheiten auf. In Vielem können sie gar keine festen Erwartungen an ihr Leben entwickeln.
Vertrauen und zweifeln
Maria hatte bestimmte Vorstellungen, wie ihr leben verlaufen würde, da bin ich mir ziemlich sicher. Aber als ihr der Engel die Geburt eines Kindes angekündigt hat, da lässt sie ihre Erwartungen Erwartungen sein. Sie räumt ihre inneren Bilder zu Seite. Sie wird empfänglich für das, was passiert und sagt zu dem Engel:
"Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast."
Maria lässt sich auf Gottes Verheißung ein. Auf das Leben, das ihr angekündigt ist. Wie mutig ist das! Klar und entschlossen klingt sie. So wie diese Stimmen, die das Magnificat singen.
Marienmut. Der ist momentan ganz oft nötig. Wir Älteren brauchen ihn. Wenn wir an die Zeit denken, wenn wir uns nicht mehr selber versorgen können. Wer wird uns pflegen? Und wer wird das bezahlen? Marienmut brauchen wir, damit wir die Bilder zur Seite räumen, die uns aus unseren früheren Tagen noch lieb und wert sind. Zum Beispiel eben Bilder von gut ausgestatteten Pflegeheimen. Aber auch Bilder von Vereinsausflügen oder Gruppenstunden in der Kirchengemeinde, von Einzelbüros und Italienurlaub im August. Vieles davon wird vielleicht nicht mehr lange so sein. Das Leben wird anders werden. Und wir wissen nicht wie. Marienmut, den brauchen auch die Jüngeren. Nicht damit sie unsere Bilder für ihre Zukunft übernehmen und restaurieren. Sondern damit sie ihre Zukunft auf einer weißen Leinwand entwerfen können. Marienmut. Den brauchen wir alle. Damit wir das Leben erfinden, das wir noch nicht kennen, und das gelebt werden will.
Das ist oft verstörend. Es kann aber auch befreiend und beglückend sein. So jedenfalls hat es Maria erlebt. Sie lässt sich auf Gottes Verheißung ein und stimmt ein Loblied an. In der Musik vorhin habe ich vor allem den Mut gespürt. In den Worten des Evangelisten Lukas höre ich auch, wie froh Maria ist:
Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freuet sich Gottes, meines Heilandes; denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen. Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder. Denn er hat große Dinge an mir getan, der da mächtig ist und dessen Name heilig ist. (Lukas 1, 46-49)
"Meine Seele erhebt den Herrn." Maria vertraut auf ihren Gott und das macht sie froh. Ihr Loblied ist trotzdem kein Auftakt zum Dauerglück. Jetzt ist sie erst mal schwanger. Sie wird schwere Beine haben, Rückenschmerzen, schlechte Nächte. Von dem Eselsritt nach Bethlehem gar nicht zu reden. Ich stelle mir vor, dass Maria sich immer wieder mal gefragt hat, ob das wirklich alles so sein soll.
Ich jedenfalls kenne den Zweifel, der am Vertrauen nagt. Er lässt die Welt grauer, den Glanz des Advents stumpfer werden. Damals habe ich gefragt: "Wie soll ich Weihnachten feiern, wenn die Großtante Nanna nicht dabei ist?" Heute treibt mich die Frage um: "Wie soll ich leben, wenn ich so gar nicht weiß, was kommt?" Um solche Fragen geht es auch in Futures Literacy Labs von der Unesco. Das sind Workshops, in denen die Teilnehmenden eine Lesefähigkeit für die Zukunft entwickeln. Also Vorstellungen von der Zukunft nicht als etwas, was einfach nur über uns hereinbricht, sondern etwas, was wir gestalten können. Dazu erkunden die Teilnehmenden in den Future Literacy Labs, was sie unbewusst von ihrer Zukunft erwarten. Sie erkennen, dass das eben unbewusste Annahmen sind und keine objektiven Vorhersagen. Das macht sie frei, neue Zukunftsbilder zu entwerfen.
Im Stall von Bethlehem entdecke ich aus so ein neues Zukunftsbild. So wie der Apostel Paulus es in einem Brief zeichnet:
Bei der Treue Gottes, unser Wort an euch ist nicht Ja und Nein zugleich. Denn der Sohn Gottes, Jesus Christus, der unter euch durch uns gepredigt worden ist, durch mich und Silvanus und Timotheus, der war nicht Ja und Nein, sondern das Ja war in ihm. Denn auf alle Gottesverheißungen ist in ihm das Ja; darum sprechen wir auch durch ihn das Amen, Gott zur Ehre. (2 Kor 1, 18-20)
Paulus schreibt das natürlich nicht für mich. Schon klar. Der Apostel hat Ärger mit der Gemeinde in Korinth. Er hatte angekündigt, dass er sie besucht und dann ist er doch nicht gekommen. Die Christinnen und Christen in Korinth werfen Paulus deswegen vor: "Auf Dich können wir uns nicht verlassen." Und in diesen Konflikt hinein sagt der Apostel: Gott ist treu.
Wäre ich eine Korintherin, wäre ich nicht überzeugt: "Ich bin vertrauenswürdig, weil Gott treu ist"? Ich weiß nicht. Aber ich bin keine Frau aus Korinth, sondern eine Frau aus Nürnberg. Bei mir hat sich Paulus auch nicht angekündigt, darüber muss ich mit dem Apostel also nicht streiten. Ich will ja eigentlich von ihm wissen, wie ich mich aufs Leben verlassen kann, auch wenn nicht immer das passiert, was ich mir für mein Leben vorstelle. Ich höre Paulus also nochmal zu.
Bei der Treue Gottes […D]er Sohn Gottes, Jesus Christus, […] war nicht Ja und Nein, sondern das Ja war in ihm. Denn auf alle Gottesverheißungen ist in ihm das Ja.
Krass, wie klar und eindeutig Paulus da von Glaubensdingen redet. Was Maria gelebt hat, buchstabiert Paulus theologisch durch: Auf Gott ist Verlass. In Jesus Christus hat er Ja gesagt.
Das Ja zum Leben
Was Paulus sagt und was Maria lebt – das möchte ich auch gern glauben. Mich nicht an dem festhalten, was ich für mein Leben erwarte. Ich will auf das setzen, was Gott mir verheißt. Darauf vertrauen, dass sich das Leben lebt und ich in ihm. Offen sein für das was kommt, auch wenn ich es mir selber so nie gedacht hätte. Das wäre gut. Ich bin innerlich fast dazu bereit, mich in Gottes "Ja" fallen zu lassen wie in einen Schneehaufen. Aber irgendwas hält mich zurück, sagt: "Was heißt das denn mit diesem "Ja in Christus"? Wie wird denn mein Leben davon verlässlich?" Bei Maria leuchtet es mir ein: Ihr wurde eine Schwangerschaft verheißen, sie hat einen Sohn geboren, mit Jesus Christus gilt diese Verheißung als erfüllt. Okay. Aber was ist die Verheißung für mich?? Was für ein "Ja" könnten wir hören, liebe Hörerinnen und Hörer? Wir hören jedenfalls sicher nicht "Ja, diesmal werden nur lauter Gutgelaunte um den Weihnachtsbaum sitzen." Und bei Gottes Verheißung geht es bestimmt auch nicht darum, dass den Rest meines Lebens nur noch die Dinge passieren, die lange selbstverständlich waren und die ich gern weiter so hätte.
Ich suche immer noch das "Ja" Gottes. Wo finde ich seine Verheißung für mein Leben? Mein Blick wandert in meinem Wohnzimmer herum, fällt auf die Krippe, den Stall mit Ochs und Esel. Nicht mehr lang und dann wird auch Maria da sein. Maria wird sich hinunterbeugen zu ihrem Kind, ganz nah. Ja, ich sehe das Jesuskind schon vor mir, in Windeln gewickelt und in der Krippe liegend.
Klein und großartig,
anfänglich und vollkommen,
direkt und unverstellt,
voll Tränen und voll Lachen,
voll Zorn auch,
laut und leise,
weich, aber nicht nur.
Auf alle Fälle: ganz und gar augenblicklich.
Das Leben, das vor mir liegt. Es ist so verletzlich.
Es braucht ganz viel Liebe und ist selbst voller Liebe.
Dazu sagt Gott: "Ja!"
Das ist die Zumutung und die Verheißung, auf die wir im Advent zugehen:
Dieses kleine Leben. Das ist mein Leben, unser Leben, liebe Hörerinnen und Hörer. Und Gott sagt: "Ja!" dazu.
[i] Vgl. dazu: Karl-Heinz Bieritz, Das Kirchenjahr. Feste, Gedenk- und Feiertag in Geschichte und Gegenwart. Neu bearbeitet und erweitert von Christian Albrecht, 9. Auflage, München 2014.
[ii] Lilith Becker auf: yeet_netzwerk, 2.12.2025, Ich dachte immer: Meine Kinder werden niemals in den Krieg ziehen müssen. Diese Gewissheit habe ich irgendwie gar nicht mehr, Instagram-Post, https://www.instagram.com/yeet_netzwerk/ [letzter Zugriff 7.12.2025]