Wir fahren an einem Parkplatz vorbei, die blecherne Stimme des Navis sagt "Sie haben ihr Ziel erreicht", doch wir schlängeln uns einfach weiter im Auto den Berg hinauf. Die Sonne scheint durch mein Beifahrerinnenfenster, die Aussicht auf Weinberge und malerische Wälder kann sich sehen lassen.

Es ist das letzte sommerlich sonnige Septemberwochenende und wir sind, wie viele andere yeeties, auf dem Weg ins Kloster Schwanberg, um einige Tage voller Begegnung, Gebet und Spiritualität zu verbringen. Die yeeties, das sind Mitglieder des yeet Netzwerks für evangelischen Social-Media-Content. Ich bin seit einigen Monaten als "your new favourite feminist christfluencer" mit dabei.

Gebet im Kloster Schwanberg: Stille und Spiritualität erleben

Ich habe fünf Minuten Zeit, um meinen Rucksack auf das Zimmer mit Waldblick zu bringen, dann beginnt auch schon das Abendgebet. Am Eingang der schlichten Backsteinkirche händigt uns eine der Schwestern Liederbücher und vielfach mit Klebefilm geklebte, selbst gedruckte Heftchen aus.

In der Kirche ist es ganz still, obwohl die Stuhlreihen ungewohnt voll sind. Drei Schwestern in langen hellgrauen Gewändern stehen vorne und tragen im Sprechgesang Psalmen vor, die Gemeinde antwortet mit den eingerückten Zeilen. Es gibt keine Begrüßung, keine Pfarrperson, keine Orgel. Die einzig gesprochenen Worte sind eine Lesung und der Segen ganz am Ende der Andacht. Als ich nach dem Gebet aus dem Kirchengebäude stolpere, weiß ich schon nicht mehr, warum ich überhaupt jemals gestresst war.

Ruhe, Achtsamkeit und innere Balance

Das Gefühl, das nach dem ersten Gebet in der Klosterkirche in mir zurückbleibt, wird sich in den kommenden zwei Tagen nur noch vervielfachen. Ich bin ruhig, so ruhig und geerdet wie lange nicht mehr.  Die Schwestern strahlen einen Frieden aus, den ich noch nie bei Menschen erlebt habe. Und das Programm für uns yeeties gibt ganz viel Raum, genau diese innere Ruhe zu kultivieren.

Schwester Paula führt uns ins Körpergebet ein, mit Schwester Anja spazieren wir durch den Friedwald, während sie uns mit ihrer zarten Stimme vom Klosterleben erzählt. Am Samstagnachmittag gehen wir in Kleingruppen unseren Vorstellungen von Spiritualität nach und gestalten kleine Andachten.

Sophie aus dem yeet Team hat für alle kleine Segensarmbänder aus Plastikperlen gefädelt. Nach dem Abendessen stehen wir gemeinsam am Aussichtspunkt vor dem Kloster und schauen uns den Sonnenuntergang über den Weinbergen an.

Social Media in Gottes Namen

Zwischen Gebeten und Spaziergängen über das Klostergelände sprechen wir yeeties über Instagram-Formate und Hasskommentare, filmen uns gegenseitig, machen unzählige Fotos. Zu jedem Zeitpunkt hält mindestens eine Person aus unserer Gruppe ihr Smartphone in der Hand, manche, mir inklusive, filmen sogar in der Kirche.

Das Kloster strahlt eine solche Heiligkeit aus, ist so "durchbetet", wie die Schwestern vielleicht sagen würden, dass sich mein Smartphone oft wie ein ungebetener Gast anfühlt. Wozu versuche ich überhaupt diesen Ort mit der Kamera einzufangen, wenn es doch viel schöner wäre, einfach nur zu genießen? Warum lasse ich mich auf eine so anstrengende und oft toxische digitale Welt ein?

Ein Moment der Begegnung im Kloster

Gerade hetze ich, die Smartphone-Kamera eben noch auf das von der Abendsonne angestrahlte Kreuz gerichtet, die Stufen zum Kirchengebäude hinauf, um das Nachtgebet nicht zu verpassen, als eine der Schwestern mich lächelnd empfängt und sagt: "Sie sind wohl noch im Dienst?".

Dieser Moment rührt mich. Die Schwester schätze ich auf jenseits der 70 und trotzdem nimmt sie ernst, was ich mache, findet es nicht unpassend, blickt wohlwollend auf mich und mein Smartphone. Vielleicht ist es eben doch gar kein Gegensatz als Christin in den Sozialen Medien unterwegs zu sein, sondern einfach nur eine von vielen Arten, Menschen Einblicke in den Glauben zu geben.