Dachau/München (sob). Kurz vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt haben drei Engagierte aus der Erinnerungsarbeit dazu aufgerufen, nicht die AfD zu wählen. Eine Regierungsübernahme durch die Partei könne den selbstkritischen Umgang mit der deutschen Geschichte sowie die schulische und außerschulische Bildungsarbeit erheblich beschädigen, heißt es in dem am Montag veröffentlichten Appell. Die Landtagswahl findet am 6. September statt.

Unterzeichnet wurde der Aufruf von der DDR-Bürgerrechtlerin Katrin Eigenfeld, der Überlebenden des Hamas-Angriffs vom 7. Oktober 2023, Dafna Gerstner, und dem Dachauer Gedenkstättenpfarrer Björn Mensing. Anlass ist der 43. Todestag des Pfarrers Walter Gabriel am 27. August. Der Großvater Eigenfelds war wegen seiner Kritik am NS-Regime fast zwei Jahre im Konzentrationslager Dachau inhaftiert gewesen.

"Radikale Abkehr von Erinnerungskultur"

Die Unterzeichnenden werfen der AfD vor, in ihrem Regierungsprogramm eine "radikale Abkehr von der demokratisch verankerten Erinnerungskultur" anzukündigen. Die Partei kritisiert darin eine angebliche "Verewigung eines Schuldkomplexes" und will nach eigenen Angaben stärker die "guten Seiten der deutschen Geschichte" hervorheben. Nach einem Wahlsieg verfüge sie aufgrund der Kulturhoheit der Länder über zahlreiche Möglichkeiten, ihre Vorstellungen umzusetzen.

Der Appell verweist dabei auf eine bereits 2025 erhobene Forderung der AfD-Landtagsfraktion. In einem damals vom Landtag abgelehnten Antrag verlangte sie, die bisherigen Gedenkstättenfahrten durch Exkursionen zu historischen Stätten mit Bezug zu den Themen der Kampagne "#deutschdenken" zu ersetzen. Im aktuellen Regierungsprogramm wird diese Forderung nicht ausdrücklich wiederholt. Die AfD hält jedoch an der zugrunde liegenden Kampagne fest und kündigt an, die Landeszentrale für politische Bildung in ihrer bisherigen Form abzuschaffen.

Gerade qualifizierte Führungen an historischen Orten ermöglichten Jugendlichen, sich mit den Schicksalen von Verfolgten auseinanderzusetzen, heißt es in dem Aufruf. In Dachau werde unter anderem an Walter Gabriel erinnert, der jungen Menschen als Vorbild für Zivilcourage dienen könne.

Auch Eigenfeld engagierte sich in der DDR gegen das Regime. Wenige Tage nach dem Tod ihres Großvaters wurde sie 1983 verhaftet und in die Untersuchungshaftanstalt "Roter Ochse" in Halle gebracht. Heute erinnert dort eine Gedenkstätte an die Opfer politischer Justiz während der NS-Diktatur und der DDR. Auch deren unabhängige Bildungsarbeit sehen die Unterzeichnenden im Falle einer AfD-Regierung bedroht.

Der Appell steht unter dem Titel "Wählt nicht AfD! Schützt unsere solidarische Erinnerungsarbeit!". Eine Stellungnahme der AfD zu dem Appell lag zunächst nicht vor.