Ein Besuch in der 2015 anlässlich des 100-jährigen Firmenjubiläums eröffneten "Wendt & Kühn-Welt" bietet eine Reise in die Geschichte und die sensible Fertigung jener Figuren, die weltweit gesammelt werden. Thomas Rost, Leiter Marketing & Vertrieb, und Katja Findeisen, Leiterin der Wendt & Kühn-Welt, gewähren einen tiefen Einblick in die Unternehmensphilosophie, die auf Tradition, Beständigkeit und der Freude am Unikat fußt.

Von der Kunstakademie zur Unternehmerinnenschaft

Die Geschichte des Unternehmens beginnt im Jahr 1915, als die beiden Gründerinnen, Margarete (Grete) Wendt und Margarete (Grete) Kühn, hier an diesem Standort die Firma ins Leben riefen. Sie gelten als Unternehmerinnen der ersten Stunde. Ihre Anfänge waren revolutionär für ihre Zeit: Die beiden jungen Frauen stammten aus einem Erzgebirgsdorf, wo ihre Zukunft im Wäschewaschen, Kochen und Kinderkriegen gesehen wurde. Doch ihre modernen Väter schickten sie stattdessen zur Königlichen Kunstakademie nach Dresden, einem Schmelztiegel des künstlerischen Umbruchs, der gerade vom Barock hin zur Reformkunst überging.

Nach ihrem Studium fragten sich die beiden, was aus ihnen werden würde. Sie nahmen an einem Wettbewerb für ein "touristisches Andenken" teil und erhielten plötzlich so viele Aufträge, dass sie beschlossen, die Firma zu gründen und in die Heimat zurückzukehren.

die ausgewählten Holzarten bei Wendt & Kühn
Die ausgewählten Holzarten in der Wendt & Kühn-Welt.

Zu den ungewöhnlichen Details der Firmengründung gehört ein früher Gesellschafterbeschluss: "Wenn eine von beiden heiratet, muss sie ausscheiden aus der Firma". Eine Regelung mit ernstem Hintergrund, fiel rein rechtlich gesehen damals noch bei einer Hochzeit das Vermögen der Frau an den Mann. Tatsächlich heiratete Grete Kühn nach nur zwei Jahren und schied aus dem Unternehmen aus, ließ aber ihren Namen zurück. Sie zog nach Augustusburg und bemalte fortan Truhen und Möbel. Verwerfungen gab es keine. "Die beiden Firmengründerinnen hielten noch lange Kontakt", weiß Katja Findeisen, die sich intensiv mit der Firmengeschichte befasst hat.

Grete Wendt holte daraufhin die junge, künstlerisch vorgebildete Olga "Olly" Sommer aus Riga ins Boot, die Textildesign studiert hatte. Diese verliebte sich in die Arbeit – und in Grete Wendts Bruder, was dazu führte, dass sie blieb. Diese Konstellation prägt bis heute das Sortiment: Grete Wendt stand für die klarere, reduzierte Form (bekanntesterweise der Engel 650 mit grünen Flügeln), während ihre Schwägerin Olly Wendt "mit mehr Üppigkeit" reich bemalte Figuren einbrachte.

Auch die DDR-Zeit konnte die Marke Wendt & Kühn nicht auslöschen, obwohl das Unternehmen 1972 zwangsverstaatlicht wurde – der wohl schmerzlichste Moment für Grete Wendt. Grete Wendts Neffe, Hans Wendt, wurde als Werksleiter eingesetzt. Um die Identität zu wahren, transformierte er das bekannte Initial W&K von "Wendt und Kühn" zu "Werk und Kunst". Die Figuren wurden fast ausschließlich in den Westen exportiert. Nach dem Mauerfall 1990 reprivatisierte Hans Wendt das Unternehmen umgehend, profitierte dabei von der hohen Bekanntheit der Marke im Westteil Deutschlands.

Katja Findeisen, Leiterin der Wendt & Kühn-Welt
Katja Findeisen, Leiterin der "Wendt & Kühn-Welt" zeigt die Bearbeitungsschritte.

Die Engelsbotschaft: Freude und Zuversicht

Die Beweggründe Grete Wendts, die berühmten Engel zu schaffen, sind eng mit den historischen Umständen verknüpft. Die Frage, ob die Gründerinnen stark religiös waren, verneint Rost: Olli Sommer war zwar religiös, doch sei Religion nicht zwingend der Ursprung der Engelfiguren gewesen.

Die ersten "Elf Punkte Engel", deren Charakteristikum die elf Punkte jeweils auf den Flügeln sind, wurden 1923 entworfen, einem Jahr der Hyperinflation und Weltwirtschaftskrise. Grete Wendt schenkte die ersten drei Figuren ihren Mitarbeitern als Weihnachtsgeschenk. Die zentrale Idee dahinter war: "Wie kann ich mein Mitarbeit Lichte Hoffnung schenken bereiten.". Der Engel verkörpert somit nicht primär eine Brücke zum Himmel, sondern "das Gute" und vor allem "das fröhliche Spiel".

Die Figuren strahlen eine elementare positive Kraft aus, die sich bis heute in der Kundschaft widerspiegelt. Viele Kunden berichten Rost zufolge von der tröstenden Wirkung, besonders in schweren Zeiten: "Die Figuren schenken manchen Kunden Halt. Uns wird immer wieder berichtet, dass die Zuversicht spenden." Die Philosophie des Unternehmens ist es, seit über 100 Jahren Freude zu bereiten. Die Welt von Wendt & Kühn, so Rost, lädt die Menschen ein, das Bedrückende draußen zu lassen und sich in einer "beschützten heilen Welt fühlen".

Die Manufaktur: Begrenzung als Qualitätsgarant

Wendt & Kühn beschäftigt heute 175 Mitarbeiter in der Manufaktur. Die Unternehmensphilosophie ist eindeutig auf die Erhaltung der kompletten Handarbeit ausgerichtet. "Jede Figur ist ein Unikat", sagt Katja Findeisen. Thomas Rost betont die klare Strategie der gewollten Begrenzung: "Wir wollen weder die Mitarbeiterschaft vergrößern, noch wollen wir schneller werden, noch wollen wir etwas rationalisieren. Es bleibt dabei.".

Der Herstellungsprozess ist hochsensibel und dauert von Anfang bis zur fertigen Figur mindestens fünf Monate. Jede Stufe wird sorgfältig durchlaufen, wobei die Fachkräfte im Ausbildungsberuf der Holzspielzeugmacherin ausgebildet werden, der einzigartig in Seiffen (Erzgebirge) gelehrt wird. Die Mitarbeiter schöpfen ihre Motivation aus dem Wissen, dass ihre Arbeit "am Ende jemanden eine Freude" bereitet.

Im Gegensatz zur breiten touristischen Nachfrage (die durch die "Wendt & Kühn-Welt" geweckt wird), hält das Unternehmen die Produktion bewusst gedeckelt. Man nimmt in Kauf, dass Kunden Geduld haben müssen, was Rost zufolge auch den Wert der Figuren steigert.

In der Wendt & Kühn-Welt kann man jeden Arbeitsschritt beobachten
In der Wendt & Kühn-Welt kann man jeden Arbeitsschritt beobachten.

Die Magie des Holzes

Katja Findeisen erklärt die Besonderheiten des Rohstoffs Holz, der zu über 80 % lokal bezogen wird:

  • Linde: Dieses weiche Holz ist das beliebteste Material im Erzgebirge und wird für alle per Hand gedrechselten Teile verwendet, da es sich manuell am besten bearbeiten lässt. Katja Findeisen:
  • Buche: Dieses Hartholz wird für Teile genutzt, die gesägt oder gefräst werden und schwere Kraft erfordern.
  • Ahorn: Ein mittelharter, heller Werkstoff, der heute für maschinell unterstützte Teile (z. B. CNC-Maschinen) zum Einsatz kommt.

Obwohl Wendt & Kühn auf Handarbeit setzt, werden einige Teile wie die Engelkörper maschinell gedreht, um die Kosten im Rahmen zu halten. Ansonsten wäre der Engel, der im Schnitt 50 Euro kostet, mindestens doppelt so teuer. Besonders spezifische oder in geringer Stückzahl gefertigte Teile werden aber weiterhin, wie vor über 110 Jahren, per Hand gedrechselt.

Eine besondere Rolle spielt die Fichte, die aufgrund ihrer groben Maserung nicht für Figuren geeignet ist, aber als sogenanntes "Klangholz" für die Spieldosen verwendet wird. Die Musikwerke selbst sind Schweizer Werke, da es in Deutschland keine vergleichbaren Hersteller gibt.

Bevor das Holz verarbeitet wird, muss es auf eine relative Holzfeuchte von 8 bis 10 Prozent getrocknet werden. "Geschieht dies zu schnell, kann das Holz reißen", erklärt Findeisen. Die Figuren seien empfindlich gegenüber Feuchtigkeit, denn dringt Wasser ein, muss die Figur oft in die Reparaturabteilung, weil der Naturstoff Holz dann arbeitet.

Wendt & Kühn bewahrt somit nicht nur einen reichen Musterschatz von aktuell etwa 3000 Entwürfen, sondern auch eine gelebte Unternehmenskultur, in der die Bewahrung der Kunstfertigkeit und die Vermittlung von Freude im Zentrum stehen.