1.07.2009
Meditation

Mit Yoga zum Seelengrund tauchen

Kopfstand, Lotussitz und fernöstliche Erleuchtung: Beim Stichwort "Yoga" purzeln viele Klischees durcheinander. Dabei ist Yoga "nur" ein Übungsweg, der den Menschen wieder mit Gott verbinden will – und kann deshalb auch Christen auf ihrem spirituellen Weg unterstützen. Das beschreibt Christian Schmidt in seinem Buch "Erfahrungsweg Yoga".
Meditierende Froschskulptur in einem Bachbett
Bei Yoga geht es gar nicht unbedingt um komplizierte Verrenkungen, sondern vor allem darum den Körper zu entspannen - damit der Yoga-Übende frei wird, um auf den Grund seiner Seele zu tauchen.

Geh nicht nach draußen, kehr ein bei dir selbst! Im inneren Menschen wohnt die Wahrheit." Dieser Ausspruch stammt nicht von einem Yoga-Meister, sondern vom großen Kirchenlehrer Augustinus. Dennoch bringt seine Aufforderung auf den Punkt, worum es auch beim Yoga geht: Den eigenen Wesenskern finden, die Seele mit Gott vereinen, kurz: Gott auf dem Grund der Seele suchen.

Um dorthin zu gelangen, bietet der klassische Yoga verschiedene Übungen an – je nach Entwicklungsstand des Schülers. Für Anfänger eignet sich der sogenannte "achtstufige Pfad", der Körper und Bewusstsein läutern soll, sodass der Yogi am Ende Gott erkennen kann. Im ersten Teil geht es um Selbstdisziplin und Tugendhaftigkeit, um Körper- und Atemübungen. Sie bereiten den Boden für den zweiten Teil, in dem der Übende durch Konzentration und Meditation dann die "reine Schau des Absoluten" erfahren kann.

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Der klassische Yoga fordert zur Selbstdisziplin und Tugendhaftigkeit ähnliche Dinge, wie die Zehn Gebote im Christentum: Der Mensch soll gewaltlos leben, ehrlich sein, nicht stehlen, keusch und begierdelos werden, geistig und körperlich rein sein, zufrieden und willensstark, er soll sich selbst studieren und sich schließlich ganz an Gott hingeben. All diese Tugenden bauen aufeinander auf: Ein begierdeloser Mensch ist, so der Gedanke beim Yoga, auch frei von Gewalt. Und in einem Menschen, der alles auf Gott bezieht und wahrhafte Hingabe entwickelt hat, ist jede Gier erloschen und auch jede Gewalt geschwunden.

Dass zur spirituellen Entwicklung der Persönlichkeit auch ein gesunder Körper gehört, wusste schon die spanische Ordensschwester Teresa von Avila: "Tue deinem Leib Gutes, dass deine Seele Lust bekommt, bei dir zu wohnen", schrieb sie. Auch im Yoga gehören Körper- und Atemübungen zur Arbeit am eigenen Charakter. Bedauerlicherweise denken aber viele Menschen, Yoga sei das Gleiche wie exotische Körperhaltungen und die Krönung einer Übungsstunde sei der Kopfstand. Dabei gehört der Kopfstand vermutlich gar nicht zu den klassischen Yoga-Übungen. Statt um komplizierte Verrenkungen geht es vielmehr darum, den Körper zu entspannen und zu ertüchtigen, damit der Schüler frei wird für die eigentliche Aufgabe: für Konzentration und geistige Sammlung.

Mantra- und Japa-Yoga ähneln Rosenkranz und Herzensgebet

Denn im nächsten Schritt will der Yoga-Übende – wie auch die christlichen Mystiker – auf den Grund seiner Seele tauchen, um Gott in sich selbst zu begegnen. Dafür muss er in der Meditation zunächst die Wellen des Gemüts, die Gedanken und Emotionen zur Ruhe bringen. Nur so ist es möglich, intensiv nach innen zu blicken. "Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir, o Gott", schreibt Augustinus.

Der Yoga kennt auch das Gebet. Bei der Murmelmeditation des Japa-Yoga werden flüsternd unaufhörlich Gebete rezitiert. Der Mantra-Yoga wiederholt Worte, um das Denken zu harmonisieren. Beide Traditionen finden wir im Christentum wieder: beim katholischen Rosenkranz und beim orthodoxen Herzensgebet. Hingabe an Gott schließlich üben Christen im Vaterunser, wenn sie beten: "Dein Wille geschehe." Da die Übungen des Yoga die Konzentration verbessern, können sie auch Christen als Vorbereitung auf das Beten dienen. Denn so manchem wird es so gehen wie dem Augustiner-Mönch Thomas von Kempen, der in seinem Buch "Nachfolge Christi" schreibt: "Verzeihe mir und vergib mir barmherzig, dass ich so oft im Gebet an etwas anderes denke als an dich. Oft bin ich nicht dort, wo ich dem Körper nach bin oder sitze, sondern dort, wohin mich die Gedanken tragen."

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Gerade der Protestantismus äußert nun immer wieder den Vorwurf, dass Yoga Selbsterlösung sei. Nach Luthers Rechtfertigungslehre kann Erlösung "allein durch den Glauben", und "allein durch Gnade" erlangt werden. Die Bemühungen um gute Werke erlösen den Menschen demzufolge nicht. Die Kritiker gehen davon aus, Yoga wolle Erlösung herbeizwingen und sei deshalb ein "Ego-Trip". Dabei liegt ein Missverständnis vor. Denn Glaube ist kein einmaliger gedanklicher Vorsatz oder Entschluss. Glaube muss errungen werden; er ist ein Entwicklungsprozess. Die Bibel ist voll von Aussagen, bei denen der Mensch aufgefordert wird, den ersten Schritt zu tun. Im Matthäusevangelium beispielsweise heißt es: "Bittet, so wird euch gegeben; sucht, so werdet ihr finden; klopft an, so wird euch aufgetan." (Mt 7,7). Das bedeutet, dass wir Gottes Gnade erst erlangen können, wenn wir uns ihm zuwenden und uns nach ihm ausstrecken.

Geistiges Wachstum erfordert also – im Yoga wie im Christentum – einen Einsatz. Es setzt tägliches Bemühen voraus. Aber der Mensch wird bei seinem Tun und Üben nicht allein gelassen. Gott kommt ihm entgegen und führt ihn "nach Hause". Dass das Ziel letztlich nicht in der Hand des Suchenden liegt, sondern ein Akt der Gnade ist, wird von den Yogis stets aufs Neue betont. Doch in dem Maß, in dem wir unsere Verhaftungen – Egoismus, Begierden, Aversionen und Ängste – an die Welt lösen, kann das Göttliche in uns in Erscheinung treten.

Das Geistige, also Gott, wird nicht herbeigezwungen. Es ist schon da, es umgibt uns. Wir nehmen es nur nicht wahr.

Informationen zum Autor

Christian Schmidt ist Professor für Betriebswirtschaft an der Georg-Simon-Ohm- Hochschule und leitet außerdem das Yoga- Institut Nürnberg. Sein Buch "Erfahrungsweg Yoga" ist über das Institut erhältlich.

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