Pinkfarbene Jacke, brauner Lockenkopf: Man würde sie schon an ihrem Äußeren erkennen, sagt Nele Heaslip beim Treffen an der Universität Regensburg. Die 28-jährige Masterstudentin der Anglistik hat ein phänomenales 800-Seiten-Werk in klassischer Schwarz-Weiß-Zeichnung vorgelegt. Ein Berliner Verlag hat es sofort gedruckt. Ihr Werk widmet sich einem der bedeutendsten Texte der deutschen Literaturgeschichte: Goethes "Faust".

Fast jede und jeder kennt die populären Faust-Zitate: "Da steh ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor." Oder "Das also ist des Pudels Kern." Unzählige Theateraufführungen gab es bereits, seit die Tragödie im Jahr 1808 veröffentlicht wurde. Auch Comic-Versionen von Goethes Meisterwerk existieren schon. Doch für Nele Heaslip ist damit längst nicht alles zu "Faust" gesagt.

Die Literatur-Studentin setzt den Klassiker völlig neu in Szene: "Mir war es wichtig, gerade weil es ein traditioneller Text ist, mit dem so viel gemacht wurde, den Schüler satthaben im Unterricht, ihn zu interpretieren und zu zeigen, wie wandelbar der Text ist."

Sympathischer Faust, modernes Gretchen

Ihre grafische Inszenierung holt das Werk in die heutige Zeit - bei einer nahezu Beibehaltung des Originaltextes. Die Geschichte des verzweifelten Gelehrten, der eine Wette mit dem Teufel eingeht, spielt in drei sich abwechselnden Zeitebenen: im Mittelalter, im Nationalsozialismus und in der Gegenwart.

In der Gegenwartszeichnung ist Heinrich Faust Unidozent, professoral mit markanten Zügen und auf der Suche nach der "Wahrheit letztem Schluss". Schon will er sich in tiefer Verzweiflung der Magie ergeben, als er in die Fänge des geschickt agierenden Mephistos gerät.

Heaslip zeichnet ihn als wissensdurstigen Menschen, "der in seiner Weitsicht die Fähigkeit aufweist, die Welt in ihren Konflikten zu erlösen, als auch in seiner Unersättlichkeit, sie ins Verderben zu stürzen", erklärt sie.

Gretchen sitzt bei ihr im Hörsaal als moderne junge Frau, mit kurzen, dunklen Haaren statt der althergebrachten blonden Zöpfe. Ihr Aussehen wandelt sich von Zeitebene zu Zeitebene und lässt sie mehr und mehr androgyn und fern vom Klischee erscheinen, fast "ungretchenhaft", sagt Heaslip. Sie wirkt nicht wie ein naives Mädchen. "Ihr humanitärer Optimismus hat etwas, was die Welt nötig hat", erläutert die Illustratorin.

Faust als Comic: "Die Figuren sind fast wie meine Schauspieler"

Sie zeichnet ihre Charaktere ausdrucksstark, mit feinsinniger Mimik und versteht es, die Klaviatur emotionaler Höhen und Tiefen auszuleuchten. "Die Figuren sind fast wie meine Schauspieler, weil ich ihre Gesichtsausdrücke in meinem Kopf so genau und stark sehe. Ich sehe es wie einen Film vor meinen Augen."

Sie lässt auch Mephisto, der ein Bruder des Hollywood-Jokers sein könnte, diabolisch-menschlich erscheinen. Er gerät bei ihr kleinwüchsig, "weil er das kleine Böse ist, das durch das Schlüsselloch kommt", mit schwarzen Haaren, bleich, fast ausgemergelt, "als leide er selbst an seiner Rolle als Teufel, die ihm vom Universum auferlegt wurde". Subtil zeigt die Zeichnerin, wie er mit seinem Widerspruchsgeist die Welt "fast clownesk" aus den Angeln hebt, wie in der Auerbachszene. Oder wie Mephisto den Faust aus seiner "depressiven Lage wieder in Bewegung bringt", sodass er im zweiten Teil Damm und Schloss zu bauen beginnt.

In der Auerbachszene wird Faust zum verfolgten Juden

Der Osterspaziergang und auch die Auerbachszene spielen in der Nazizeit. So öffneten sich unter der Oberfläche des Goethe-Textes neue Bedeutungsebenen, sagt Heaslip. In das Ostergefühl mische sich Kritik an der Zufriedenheit der Kleinstadt-Idylle. Faust selbst wird zum verfolgten Juden in Auerbachs Keller. Dadurch lasse sich "Faust den Nazis entreißen", die ihn in damaligen Inszenierungen zum Vorzeige-Arier machten. "Das Stück nahm für mich Bedeutungen an, die ich zuvor kaum darin vermutet hätte", sagt Heaslip. Dann tauchen in ihren Bildern wieder aktuelle Bezüge zu Umweltzerstörung und gesellschaftlichen Themen auf.

Die Faszination für Goethes Meisterwerk habe früh bei ihr begonnen. Mit 14 Jahren las sie "Faust" zum ersten Mal. Als er im Unterricht behandelt wurde, kannte sie schon "Faust eins und zwei". Unter der Schulbank fing sie an, ihn zu zeichnen. Von da an habe sie der Text "wie eine Obsession" nicht mehr losgelassen, erzählt sie.

Mit Ordner auf Buchmesse: Verlag macht sofort Angebot

Das Zeichnen sei schon immer ihre Leidenschaft gewesen, erzählt Heaslip. Sie zeichne, seit sie denken kann. Kein Kunststudium hat sie geprägt, aber eine Mutter, die Künstlerin und Kunstpädagogin ist. "Seit ich einen Stift halten kann, habe ich mir das immer weiter erarbeitet", erzählt die Zeichnerin, die zurzeit ihre Masterarbeit über John Miltons "Paradise Lost" schreibt.

Entdeckt wurde ihr Werk auf der Leipziger Buchmesse 2024. Sie brachte drei Ordner mit Zeichnungen mit. Der Berliner JaJa-Verlag habe sofort zugeschlagen, erzählt sie. Sechs Jahre lang arbeitete sie an den Tuschezeichnungen, bis das 800-Seiten-Werk vollständig vorlag.

"Bei Seite 600 bin ich fast verzweifelt, weil ich dachte, ich werde nie fertig." Das Werk erscheint in drei Bänden, der erste mit 280 Seiten liegt nun vor.