21.07.2020
Von Mumien, Kreuzrittern und Fürsten im Homeoffice

Die barocke Residenz des Deutschen Ordens im fränkischen Ellingen feiert 300. Geburtstag

Einhundertundein Zimmer, 529 Fenster und unendlich viele Geschichten: Die barocke Residenz im Städtchen Ellingen wird 300 Jahre alt. Sogar der Frühjahrsputz war in diesem Jahr besonders.
Die barocke Residenz des Deutschen Ordens im fränkischen Ellingen feiert 300. Geburtstag

"Vor 300 Jahren lebte man bei Hofe wie auf einer großen Baustelle", erklärt Cordula Mauß, Museumsreferentin der bayerischen Schlösserverwaltung. "Viele Menschen arbeiteten hier in einer streng hierarchischen Organisation gemäß der damaligen Ständegesellschaft - Verwaltungsbeamte, Handwerker, Bauern, die Dienerschaft, Musiker und Künstler". Daneben gab es jede Menge Reit- und Zugpferde sowie Milch- und Schlachtvieh für die Versorgung.

Privatsphäre war ein Fremdwort

Die Regierenden seien stets vom Hofstaat umgeben gewesen. Kaum ein Beamter hatte mehr als ein Zimmer für sich. Und die Dienerschaft teilte sich ihre Schlafkammern.

Für das 3.500-Einwohner-Städtchen Ellingen (Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen) wirkt sein prunkvolles Barockschloss mit 529 Fenstern, das heuer seinen 300. Geburtstag hat, fast überdimensioniert. Doch schon zu Beginn des 13. Jahrhunderts hatte der Deutsche Orden - ein geistlicher Ritterorden - Ellingen zu einem seiner Standorte gemacht.

"Ellingen lag geografisch günstig zwischen den Wirtschaftszentren Nürnberg und Augsburg - auf der für den Deutschen Orden wichtigen Nord-Süd-Verbindung von Ostpreußen und Venedig", erklärt Cordula Mauß.

Der Deutsche Orden wurde während des dritten Kreuzzugs 1190 als Hospitalbruderschaft zur Krankenpflege und Beherbergung christlicher Pilger und Kaufleute "im Heiligen Land" gegründet. Acht Jahre später wurde er in einen geistlichen Ritterorden umgewandelt. Ziel war nun die "Verteidigung der Christenheit vor den Ungläubigen".

Ellingen diente den Rittern mit einem Spital als Stützpunkt für Versorgung und Pflege.

"Wie viele Kreuzritter in Ellingen tatsächlich zugegen waren, wissen wir nicht genau", sagt Mauß. Nach dem Ende der Kreuzzüge widmete sich der Deutsche Orden der Bekehrung der "Heiden" Osteuropas, später der "Verteidigung der Christenheit" während der Türkenkriege.

Als der Orden zu einer bedeutenden Territorialmacht aufgestiegen war, gewann neben seinem ursprünglichen "Kerngeschäft", den karitativen Aufgaben wie der geistlichen Alten-, Armen-, Krankenpflege, auch die Repräsentation vor Ort größere Bedeutung. Der barocke Hauptbau, der dem Deutschen Orden als eindrucksvolle Residenz in Franken dienen sollte, wurde im Jahr 1720 fertiggestellt.

"Für Territorialherrscher war ein solcher Ausdruck weltlicher Macht unerlässlich", sagt Mauß.

"Die Fürsten haben ja sozusagen im Homeoffice gearbeitet", die repräsentativen Räumlichkeiten seien deshalb in einer traditionellen Abfolge angeordnet gewesen - alle hintereinander: erst das Vorzimmer, dann Audienzzimmer und schließlich Schlafzimmer. Daran fügten sich Kabinette an.

Ganze 85 Meter Länge misst diese Aufreihung der Räume, auch Enfilade genannt, in Ellingen. "Das ermöglicht einen enorm langen Durchblick, der Eindruck macht", sagt Mauß. Jedes der Zimmer sei zudem von einem parallel verlaufenden Korridor aus zugänglich. Das sei "praktisch für die Dienerschaft".

Laut Schlossverwaltung gibt es in Ellingen aktuell kein Schlossgespenst. Dafür aber eine Mumie.

Karl Heinrich von Hornstein, der 1743 von seinem Amt als Landkomtur zurückgetreten war, ließ sich in der von ihm errichteten Mariahilfkapelle in Ordenskluft (mit schwarzem Kreuz auf weißem Stoff) beisetzen. Nur wenige Gehminuten von der Ellinger Residenz entfernt ruht noch heute sein mumifizierter Leichnam in einem gläsernen Sarg. "Hochgestellte Persönlichkeiten wurden häufig mumifiziert, damit mehrtägige Trauerzeremonien abgehalten werden konnten", erklärt Mauß.

Die alten Mauern des Schlosses umgibt so manches ungelüftetes Mysterium. So ist einer Schlossführerin einmal zu Ohren gekommen, es habe früher einen unterirdischen Geheimgang vom Rathaus zum Schloss gegeben. "Für diese Legende gibt es allerdings keinerlei Spuren oder schriftliche Überlieferungen", sagt Mauß.

Ein Foto aus dem Jahr 1945 zeigt die Schlosskapelle als Lagerraum.

Wegen der eingelagerten Kisten habe die amerikanische Militärverwaltung das Schloss intensiv durchsuchen lassen. "Die fürstlichen Sarkophage wurden geöffnet, historisches Schlossmobiliar wurde abtransportiert", erzählt Mauß. Was die vielen Kisten beinhalteten, sei bisher nicht geklärt.

Während des Zweiten Weltkrieges wurde legales Kunstgut aus Museen und Schlössern ebenso wie Raubkunst abseits von den durch Bombenangriffe besonders gefährdeten Industriezentren versteckt. Schloss Neuschwanstein ist das berühmteste Beispiel für eine Lagerstätte, in dem die Nationalsozialisten auch Raubkunst unterbrachten.

Die Corona-bedingte Schließung der Residenz hat den geplanten Jubiläumsfeierlichkeiten einen Strich durch die Rechnung gemacht.

"Langeweile hatten wir trotzdem nicht", sagt Mauß. Mehr als 300 Fenster mussten behutsam geputzt werden. Bei der Reinigungsaktion mit Teleskopstangen und Hebebühne machte das neunköpfige Team eine besondere Entdeckung: Drei Glaser, die zwischen 1835 und 1868 die Fenster gereinigt hatten, haben sich in den Fenstern mit Gravuren verewigt.

"Beim Frühjahrsputz 2020 haben die Reinigungskräfte auf den historischen Fenstern aber nicht unterschrieben", sagt Birgit Beckler, Kastellanin der Residenz Ellingen. "Das hätte sich heute niemand mehr getraut."

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