3.09.2018
Gedenken an Münchner NS-Opfer

Bürgerbegehren fordert "Stolpersteine" auch in München

Gedenken auf Augenhöhe oder mit Verbeugung? Wandtafeln oder Stolpersteine? Die Debatte um die richtige Erinnerungsform für die rund 10.000 Münchner NS-Opfer geht weiter. Ein Verein will jetzt ein Bürgerbegehren für Stolpersteine in München auf die Beine stellen - und übt Kritik am Alternativkonzept "Erinnerungszeichen" der Stadt.
Stolperstein Ernst Lossa Irsee
Wie hier im schwäbischen Irsee erinnern rund 60.000 "Stolpersteine" in deutschen Kommunen an die Opfer des Nationalsozialismus. Die etwa 10x10 Zentimeter großen Messingtafeln werden dazu in den Boden vor den ehemaligen Wohnhäusern der Menschen eingelassen.

 

Das Erinnerungsprojekt "Stolpersteine" soll per Bürgerbegehren künftig auch in München ermöglicht werden. Stolpersteine seien "eine glänzende Idee", um der massenhaften Ermordung von Menschen im NS-Regime auch eine "massenhafte Erinnerung" entgegen zu setzen, sagte Hildebrecht Braun, Mitglied des Vereins "Bürgerbegehren für Stolpersteine in München" bei einer Pressekonferenz am Montag. Der Münchner Stadtrat hatte die Verlegung von Stolpersteinen auf öffentlichem Grund 2005 und 2015 jeweils untersagt und Anfang 2018 mit den "Erinnerungszeichen" ein eigenes Konzept beschlossen.

Dieses Alternativkonzept, das seit Juli 2018 mit den ersten Stelen und Wandtafeln an einige der rund 10.000 Münchner NS-Opfer gedenkt, sei "nicht so gut, wie wir es gerne hätten", sagte Rechtsanwalt Braun. Aufgrund der hohen Anschaffungskosten von 1.000 Euro pro Stele und des bürokratischen Aufwands werde es nicht den gewünschten Verbreitungsgrad erreichen, erläuterte der frühere FDP-Bundestagsabgeordnete (FDP).

Avi Primor: "Stolpersteine sind Pionierarbeit"

Braun sagte, er respektiere die ablehnende Haltung der Vorsitzenden der Israelitischen Kultusgemeinde München-Oberbayern, Charlotte Knobloch, gegenüber den Stolpersteinen. "Frau Knobloch hat Großartiges für München und die Israelitische Kultusgemeinde geleistet", betonte Braun. Die Frage nach der richtigen Form des Gedenkens sei aber "nicht nur ihr Thema".

Unterstützung bekommt der Verein vom früheren israelischen Botschafter in Deutschland, Avi Primor. Der ehemalige Diplomat lobte die Stolpersteine bei der Pressekonferenz am Montag in München als "Pionierarbeit, die zu bewundern ist".

Kirchengemeinden sollen Unterschriften sammeln

Das Bürgerbegehren startet am Mittwoch kommender Woche (12. September) mit einem ersten Infostand am Sendlinger Tor seine Unterschriftensammlung. Außerdem will der Verein die Münchner Kirchengemeinden für sein Anliegen gewinnen und mit Geschichtslehrern zusammenarbeiten. 35.000 Unterschriften von wahlberechtigten Münchnern sind nötig, damit ein Bürgerentscheid genehmigt wird. Dieser soll laut Verein im Idealfall im Mai 2019 zusammen mit der Europawahl abgehalten werden.

Das Erinnerungsprojekt "Stolpersteine" des Kölner Künstlers Gunter Demnig hat 1996 begonnen. Mittlerweile seien rund 70.000 Steine in 21 Ländern Europas verlegt, heißt es auf dessen Homepage, allein 60.000 davon in 1265 Kommunen Deutschlands. Weil ihre Verlegung in München verboten ist, finden sich in der bayerischen Landeshauptstadt lediglich rund 60 Steine auf Privatgrund vor den ehemaligen Häusern der Verschleppten und Ermordeten.

Charlotte Knobloch: "Steine und Opfer werden mit Füßen getreten"

Die Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) München-Oberbayern, Charlotte Knobloch, hatte wiederholt deutlich gemacht, dass sie Stolpersteine als Gedenkform an NS-Opfer ablehne. "Diese Steine und somit die Opfer selbst werden zwangsläufig wieder mit Füßen getreten, sie können bespuckt, verdreckt, verschmiert oder geschändet werden", sagte sie in einer Anhörung des Münchner Stadtrats im Dezember 2014. Die neuen Erinnerungszeichen hingegen betrachtet die IKG als "gutes Ergebnis einer langen Debatte, das so nun auch weiterhin umgesetzt werden sollte", teilte ein Sprecher auf Anfrage des Evangelischen Pressedienstes (epd) mit.

 

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