10.03.2020
Zeitzeugen erinnern sich an die Bombardierung Würzburgs

"Es gab gar nichts mehr, alles war kaputt" - Vor 75 Jahren legte die Royal Air Force Würzburg in Schutt und Asche

Als die Bomber kamen, war der Krieg fast schon zu Ende: Am Abend des 16. März 1945 legte die Royal Air Force Würzburg größtenteils in Schutt und Asche. Vor 75 Jahren tobte wegen der Brandbomben ein Feuersturm in der Stadt.
St. Johannis in Würzburg - Zerstörung nach Bombardierung im Zweiten Weltkrieg

Es ist Freitag, kurz nach 21 Uhr. Die Sirenen heulen los, wie fast jeden Tag. Der sechsjährige Helmut Bauer rennt mit Mutter, seinem größeren Bruder, Großmutter und Großvater zum Luftschutzkeller am Pleicher Kirchplatz. Unter dem Pfarrhaus, im Gewölbekeller, wollen sie bleiben. Sie schaffen es gerade noch in den Raum, ehe die erste Bombenwelle die ganze Stadt erschüttert. "Das klang wie Maschinengewehrdonner", erzählte der mittlerweile Verstorbene vor einigen Jahren. Die Alliierten treffen die Stadt am 16. März vor 75 Jahren hart. Würzburg verliert sein Gesicht, 90 Prozent der Altstadt werden zerstört, Tausende sterben.

Luftangriffe haben den kleinen Helmut damals nicht aus der Ruhe gebracht: "Wenn die Bomben tagsüber gefallen sind, sind wir zum Einschlag gelaufen und haben uns angesehen, was getroffen wurde." Er war ein Kriegskind, bis Ende 1943 hat er mit seiner Mutter in Berlin gelebt: "Die ständige Bombardierung dort und die paar Bomben in Würzburg - das war nicht zu vergleichen." Bis am 16. März mehr als 200 Bomber der britischen Royal Air Force Kurs auf Würzburg nehmen. Militärisch ist der Krieg damals längst entschieden, die Bombardements sollten die Moral der Zivilbevölkerung allerdings weiter brechen.

Nach einem 20-minütigen Bombenhagel verwandelte sich Würzburg in Schutt und Asche

Der Bombenhagel dauert etwa 20 Minuten. Zuerst fallen 400 Tonnen Sprengbomben und Luftminen, um Dächer und Fenster zu zerstören. Es folgen rund 300.000 Stabbrandbomben. Aus Tausenden kleinen Brandnestern wird ein Flächenbrand, ein Feuersturm, der bis zu 2.000 Grad heiß gewesen sein muss. Helmut Bauer hat enormes Glück, dass er mit seiner Familie in der Äußeren Pleich ist, am Rande der Altstadt. So entgeht er, anders als über 5.000 Menschen, dem Feuertod. Aber auch in der Pleich brennt es lichterloh, als der Junge mit Mutter und Großeltern am späten Abend aus dem Schutzraum kommt.

Was wenige Nicht-Würzburger wissen: Kaum eine andere Stadt neben Dresden wurde prozentual bei einem Angriff derart stark zerstört wie Würzburg.

Die Brände in der Stadt glommen tagelang, als "Grab am Main" wurde die Stadt noch viele Jahre nach Kriegsende tituliert. Dass die Stadt überhaupt zum Ziel eines Großangriffs wurde, verwunderte die Menschen damals. Klar, man rechnete mit Bombenangriffen, aber eigentlich war Würzburg vor allem Sanitätsstadt und hatte - anders als etwa das unweit gelegene Schweinfurt mit seiner (Rüstungs-)Industrie - keine strategische Bedeutung. Doch die Bomber kamen trotzdem.

"Der First der Kirche stand in Flammen", erzählte Bauer. Beinahe ein bisschen surreal habe das Ganze ausgesehen, "wie eine Illumination". Vom Pleicher Kirchplatz gingen damals sieben Straßen ab - sechs waren durch herabfallende Trümmer versperrt. "In einer gab es eine kleine Lücke", erinnerte er sich. Dort drängten sich Hunderte Menschen aus umliegenden Luftschutzräumen nach draußen. "Die Hitze war enorm", erinnert er sich. Die Überlebenden laufen in Richtung Neuer Hafen, mainabwärts, "dahin, wo es dunkel war und nicht brannte". Von dort aus blicken sie geschockt auf das lichterloh brennende Würzburg.

In Erinnerung ist die enorme Feuersbrunst geblieben

Auch andere Zeitzeugen konnten sich noch Jahrzehnte später an die enorme Feuersbrunst erinnern. Anton Schlembach, der spätere Bischof von Speyer, war in den Kriegsjahren Schüler am Würzburger Kilianeum - erzählte vor einigen Jahren über besagte Nacht: "Wir wurden einige Tage vor dem großen Bombenangriff heimgeschickt, ein geordneter Unterricht war wegen des ständigen Luftalarms ja ohnehin nicht mehr möglich." Aus sicherer Entfernung haben er und seine Mitschüler dann gesehen, "dass der ganze Himmel über Würzburg hellerleuchtet war", erzählte der Speyrer Alt-Bischof mit unterfränkischen Wurzeln.

Die Aufbauarbeiten nach dem Krieg dauerten Jahre, die Spuren dieser Nacht sind bis heute zu sehen. Die Stadt sieht seitdem anders aus. Die Narben im historischen Stadtkern sind eine Mahnung. Ein prominentes Beispiel dafür ist die evangelische St. Johanniskirche. Die Turmruinen wurden nach dem Krieg nicht wieder aufgebaut, sondern ihnen zwei schlanke Spitzen übergestülpt - die müssen nun bald saniert werden. Seit dem 16. März 2019 ist die Kirche offiziell ein "Mahnmal für den Frieden". Und das bayerische Landesamt für Denkmalpflege hat dem Kirchenbau inzwischen eine "nationale Bedeutung" bescheinigt.

Die Würzburger insgesamt halten die Erinnerung an die Bombennacht bis heute wach. Jedes Jahr läuten am Abend des 16. März kurz nach 21 Uhr in der Innenstadt die Glocken aller Kirchen. Und die Würzburger wehren sich - gegen die Vereinnahmung dieses Gedenktages durch die Rechtsextremen. Immer wieder haben Rechtsextreme versucht, bei Demonstrationen die Geschichte umzudeuten.

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