Herr Sabel, "unheilsvolle Allianzen" – so nennen Sie die Verbindung zwischen christlichen Milieus und der neuen Rechten. Ein starker Begriff. Aber bevor wir über die Allianz reden: Das Feld ist begrifflich unübersichtlich. Rechtsnational, rechtspopulistisch, rechtsextrem - und auf der anderen Seite christlich-konservativ, christlich-fundamentalistisch, christliche Rechte. Diese Begriffe werden oft synonym benutzt. Was müssen wir unterscheiden, um überhaupt präzise reden zu können?
Johannes Sabel: Ja, die Begriffe werden manchmal durcheinandergeworfen. Tatsächlich meinen sie verschiedene Dinge. Sonja Strube hat dies in ihrer Untersuchung "Rechte Versuchung. Bekenntnisfall des Christentums" (2024) – wichtige Abgrenzungen vorgenommen. Was sich als rechtsextrem bezeichnen lässt, negiert die grundlegende Gleichheit der Menschen. Es wendet sich gegen den menschenrechtlichen Universalismus, gegen das egalitäre Fundament, das wir seit der Französischen Revolution mühsam erkämpft haben und das auch in der jüdisch-christlichen Überlieferung verankert ist. Demnach besitzt jeder Mensch dieselbe Würde, unabhängig von seiner Herkunft oder Zugehörigkeit. Wer dieses Prinzip infrage stellt, verlässt den demokratischen Grundkonsens.
Rechtspopulismus ist davon zu unterscheiden. Er bedient sich nicht selten rechtsextremer Inhalte, zielt aber in erster Linie auf Emotionalisierung – auf ein möglichst breites Erreichen von Ängsten und Ressentiments. Es ist eher ein Politikstil, eine Kommunikationsform. Man muss dabei nicht zwingend außerhalb der demokratischen Grundordnung stehen.
"Rechtsnationale" müssen sich auch noch nicht außerhalb der demokratischen Grundordnung bewegen, tendieren aber dazu, einen starken, exklusiven Volksbegriff zu haben, der mit dem Nationenbegriff verbunden wird, also das Volk als eine geschlossene, kulturell homogene Gruppe versteht.
Und auf der religiösen Seite?
Christlich-konservativ meint eine Position, die die kirchliche Tradition bewahrend, manchmal gar geschichtlich statisch liest – etwa mit Blick auf die Geschlechterordnung, die Sexualmoral, das Amtsverständnis, das Kirchenbild – und Reformbestrebungen skeptisch begegnet: angefangen beim Zweiten Vatikanischen Konzil bis hin zum Synodalen Weg etwa oder ganz konkret mit Blick auf die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare.
Wer die einschlägigen Bibelstellen zur Homosexualität wortwörtlich liest, ohne den historischen Kontext, den "Sitz im Leben" dieser Textstellen mitzudenken, landet bei einer Abwertung, über die die heutige Theologie in weiten Teilen hinaus ist. Diese Position kann in den Fundamentalismus hineinreichen – ist aber nicht dasselbe.
Fundamentalisten erheben einen exkludierenden Wahrheitsanspruch, praktizieren ein streng wörtliches Schriftverständnis und eine nicht selten kämpferisch vorgetragene Ablehnung von Pluralität. Ideologisch, kompromisslos. Sie schließen nicht selten an die "Antimodernisten" der Kirche des 19. und frühen 20. Jahrhunderts an, die hinter einen vernunftorientierten Blick, der sich aus der europäischen Aufklärung speiste und Vorstellung wie Gewissensfreiheit, Individualität, Gleichheit vertritt, zurückwollten.
Die christliche Rechte hingegen fügt eine politische Ausrichtung hinzu. Ein konservativer Christ muss sich nicht der politischen Rechten zuordnen – das ist wichtig zu betonen. Von "christlicher Rechten" spreche ich erst dort, wo sich eine religiös-konservative oder fundamentalistische Haltung bewusst mit der neuen Rechten als politischer Einstellung verbündet. In dieser christlichen Rechten werden dann politische "Anti-Gender"- "Überfremdungs"- und "Anti-LGBTQI"-Narrative aufgenommen und mit vermeintlich christlichen "Grundsätzen" verbunden.
Und oft begegnen in der christlichen Rechten typische Verfallserzählungen, die einen Niedergang einer christlichen Kultur und einer christlichen Gesellschaft seit dem Beginn der Moderne und der Pluralisierung von Weltanschauungen und Lebensstilen beschreiben.
Hat es diese Verbindung zwischen christlichen Milieus und der politischen Rechten immer gegeben – oder erleben wir gerade etwas Neues? Gibt es einen Moment, ein Thema, ab dem sich diese Annäherung beschleunigt hat?
Die Grundlinie ist aus meiner Sicht, dass Rechtsextremismus und speziell der Nationalsozialismus mit den christlichen Kirchen strukturell in Konflikt geraten. Wenn Sie die extreme Rechte meinen, dann verhält es sich aus meiner Sicht so: Christliche Grundwerte wie ethischer Universalismus, Solidarität, Feindesliebe, Barmherzigkeit – all das verträgt sich nicht mit den exklusiv-völkischen, rassistischen Ideologien von Rechtsextremen und Nationalsozialismus.
Zugleich muss ein großes, historisch begründbares "Aber" hinzugefügt werden, denn dieser Widerspruch führte in den Kirchen nicht – es gibt bekanntermaßen wichtige Ausnahmen des Widerstandes – zu einer klaren und deutlichen Ablehnung des Nationalsozialismus. Sichtbar wird das daran, dass die Kirche die politische Stimmungsmache gegen das Judentum, dann die Verfolgung und schließlich Vernichtung des europäischen Judentums im Dritten Reich viel zu lange hingenommen hat. Ein Grund für das lange Wegschauen lag sicherlich auch im kirchlich bis in 1960er Jahre hinein tradierten Antijudaismus – die Juden als "Christusmörder".
Und es hatte natürlich auch machtpolitische Selbsterhaltungsgründe, dass die Kirchen dem Faschismus nicht deutlich entgegengetreten sind. Hier sehen wir also eine vielleicht ungewollte, aber in jedem Falle "unheilvolle Allianz" zwischen religiösem Antijudaismus und dem Willen zum eigenen Macherhalt mit dem Nationalsozialismus.
Hinzuweisen ist hier auch auf Carl Schmitt (1888–1985) – den Juristen des Nationalsozialismus, der theologische Begriffe in politische Kategorien übersetzt hat. Er entwickelte aus christlicher Theologie heraus eine Ideologie, die den Ausnahmezustand, die Führerfigur und das politische Prinzip des Feindes begründete. Ausgangspunkt ist die Vorstellung Gottes als absolutem Souverän – die dann auf den Führer übertragen wird. Hitler sozusagen als unantastbaren, also quasi göttlichen, sakralisierten "Führer": derjenige, der den Ausnahmezustand regiert, der die letzte Machtbefugnis hat. Dasselbe gilt für die Freund-Feind-Dichotomie.
Die biblische Spannung zwischen sündiger Welt und erlöstem Zustand, zwischen gefallener Welt und Heiligkeit, wird bei Schmitt in ein politisches Schema überführt: Politik ist vor allem dazu da, den Feind zu erkennen. Hier zeigt sich auch das, was ich eine "unheilvollen Allianz" nenne – weil es die Legitimierung politischen Handelns durch theologische Muster, die in ihrem Sinn pervertiert werden, ist.
Und heute? Ab wann beginnt die neue Rechte, das Christentum wieder zu entdecken?
In Deutschland würde ich das seit den 2000er Jahren sehen. Im internationalen Kontext ist diese Allianz schon länger zu beobachten. Die neue Rechte hat lange Abstand zur Kirche gehalten – die katholische Kirche war kein Gesprächspartner (und derzeit wird der Abstand auch wieder größer). Das änderte sich, als Debatten über Gender Mainstreaming, Sexualethik, Diversität und Familienbilder in die Öffentlichkeit drängten.
Man erinnere sich an den Fall der Fernsehmoderatorin Eva Hermann, die mit ihren Äußerungen zu Geschlechterrollen (genauer der Mutterrolle) auf einer Pressekonferenz 2007 eine breite öffentliche Diskussion auslöste und damit zeigte, wie aufgeladen dieses Terrain war. Die neue Rechte erkannte: In diesen Debatten war sie nicht allein. Auch in den Kirchen, und ganz besonders im Katholizismus mit seiner naturrechtlichen Begründung von Geschlechterordnung und Familie, gab es Vorstellungen, die Positionen der neuen Rechten anscheinend nahestanden – und die ihr gleichzeitig etwas boten, das sie allein nicht hatte, und dies ist strategisch von hoher Bedeutung: einen Weg in die gesellschaftliche Mitte. Das war der Wendepunkt.
Was hat die neue Rechte vom Christentum – und was haben konservative Christen von der AfD? Was ist der eigentliche Tauschhandel?
Meine Annahme ist: Der (erhoffte) Gewinn der neuen Rechten ist Legitimität, gesellschaftliche Akzeptanz. Alles, was sie aus der christlichen Tradition entnehmen kann, um radikale Positionen als normal, als kulturell verwurzelt, als harmlos darzustellen – das nutzt ihr. Das beginnt bei der Geschlechterordnung: Die katholische Kirche vertritt naturrechtlich, dass Mann und Frau die einzigen Geschlechter sind – eine Ordnung, die der Schöpfung eingeschrieben ist.
Die neue Rechte übernimmt diese Argumentation, verschiebt sie aber zu Rollenklischees, in dem der Mann die Rolle des Ernährers und Beschützers, die Frau die Rolle bei Heim, Herd und Kindern zugeordnet wird. Vormoderne Rollenbilder bekommen durch diese Verknüpfung den Anstrich göttlicher Legitimation. Was wir gerade in den USA erleben – dieses breite Comeback klassischer Rollenmuster wie etwa den "Tradwives" – ist ein Symptom genau dieser Entwicklung.
Dann der Lebensschutz. Beim "Marsch für das Leben" laufen Katholiken neben Rechtsextremen. Beide setzen sich für den Schutz des ungeborenen Lebens ein. Entscheidend ist hier jedoch wieder der Blick auf das Kriterium der ethischen Universalität bzw. Exklusivität. Dass Rechtsextreme dabei vor allem an das deutsche, christliche Kind denken – und eben nicht an das muslimische bzw. aus dem Nahen Osten stammende Kind – geht im Gleichklang des Themas "Lebensschutz" schnell unter. Und genau das ist der strategische Kern: Extremistische Positionen verschieben sich über kirchlich-religiöse Themen in die gesellschaftliche Mitte.
Meine Vorannahme war, dass diese Allianzen vor allem in den Freikirchen laufen, bei den Evangelikalen – weniger in den Volkskirchen. Ist das falsch?
Im evangelikalen Bereich ist die Verbindung tatsächlich enger, in den USA sieht man das besonders deutlich. Aber was den strategischen Weg in die gesellschaftliche Mitte betrifft, sind die Positionen der großen Kirchen durchaus relevant. Und man darf nicht vergessen: Christen in der AfD sind nicht nur Evangelikale. Es sind durchaus auch Katholiken und Protestanten – Menschen, die über die AfD ihre Angst vor kultureller Überfremdung und Werteverlust artikulieren.
Doch richtig ist, die kleinen christlichen Kirchen werden seitens der AfD "hofiert", während die ursprünglichen Volkskirchen immer auch – das kann man derzeit in Sachsen-Anhalt gut beobachten – unter das Verdikt der abzuschaffenden "Kirchensteuerkirchen" geraten.
Johannes Sabel
Dr. Johannes Sabel hat katholische Theologie und deutsche Literaturwissenschaft studiert und ist Direktor der Katholisch-Sozialen Akademie Franz-Hitze-Haus des Bistums Münster. Daneben ist er Beauftragter des Bistums für die Beziehungen zum Judentum. Seine Schwerpunkte sind die deutsch-jüdische Kulturgeschichte der Moderne und die neue politische Theologie.
Sie schreiben in einem Ihrer Aufsätze, das "christliche Abendland" funktioniere als identitärer Sammelbegriff. Was meint die AfD eigentlich, wenn sie davon spricht?
Kein religiöses Christentum. Das "christliche Abendland" ist vor allem ein Abgrenzungsbegriff – gegen den Islam und damit gegen Menschen, die diese Religion haben und einem Kulturraum entstammen, der islamisch geprägt ist. Es geht also um kulturelle Homogenität, gar nicht um Glauben. Und sobald der Moment des Glaubens ins Spiel kommt, wird die AfD ambivalent. Der AfD geht es um ein Kulturchristentum, nicht um ein Christentum, das die jesuanische Botschaft in den Mittelpunkt stellt.
Inwiefern wird ihr der christliche Glaube zum Problem?
Weil das Evangelium ihr Schema durcheinanderbringt. Die Nächstenliebe im christlichen Sinne richtet sich ja gerade auch auf den Fremden, sogar auf den Feind. Feindesliebe ist vielleicht das markanteste Gebot des Christentums. Das ist mit dem Freund-Feind-Denken, das von Carl Schmitt bis zur AfD die rechte Weltsicht strukturiert, unvereinbar. Der Islam ist der Feind, das christliche Abendland ist das Wir – und diesem Wir wird ein gefährliches, fremdes Außen gegenübergestellt. Man kann dies ja sehr gut bei den parlamentarischen und öffentlichen Redebeiträgen der AfD zum Thema Migration, insbesondere mit Blick auf muslimische Migrant:innen, sehen. Die christliche Botschaft sprengt diese Konstruktion.
Was ich wahrnehme ist: Die AfD interessiert sich für das kulturelle Erbe. Ein unter kirchlicher Herrschaft geprägtes Europa, ein Gesellschaftsbild, das vor der Pluralität, "Unübersichtlichkeit", Ambiguität der Moderne liegt; das Bild einer geordneten, hierarchischen, homogenen Gesellschaft. Und diese mittelalterliche und frühneuzeitliche Gesellschaft war historisch eben eine christlich dominierte. Das ist ihr Bezugspunkt.
Die Bergpredigt, die unbedingte Solidarität mit den Schwächsten, mit den Fremden, "Mitleidenschaft", die allen Menschen gilt – all das ist gerade kein Bezugspunkt der AfD bzw. der neuen Rechten insgesamt. Man kann diese Abwehr des solidarischen, ethisch-universalistischen Kerns des Christentums gut in Artikeln der "Sezession", einem publizistischen Zentralorgan der neuen Rechten, nachvollziehen.
In der Bibel ist die Rede vom auserwählten Volk. Die neue Rechte spricht ständig vom Volk. Wie gefährlich ist diese Überschneidung?
Das ist ein komplexes Thema, weil es voraussetzt, den Begriff des "auserwählten Volkes" in der biblischen Überlieferung sehr genau wahrzunehmen und zu differenzieren. Der völkische Begriff des Volkes greift sicherlich auch das biblische Motiv des auserwählten Volkes auf und verschiebt es. Das auserwählte Volk ist in dieser rechtsextremen Perspektive natürlich nicht das Judentum, sondern das deutsche, vielleicht noch europäische Christentum (als Kulturchristentum).
Und dieses christlich geprägte Volk wird dann wieder mit den Semantiken von "Blut und Boden", mit Kreuzrittervorstellungen, mit einer "Kultur des Abendlandes" verbunden – ein exkludierender Begriff, der mit dem biblischen nichts gemein hat. Denn sowohl im Judentum als auch im Christentum gilt: Gott ist ein Menschheitsthema, es geht Gott um alle Menschen, alle sind sein Ebenbild. Und das Narrativ des "auserwählten Volkes" insbesondere im Ersten Testament wird begleitet von universalistischen Bildern, etwa wenn von der Wallfahrt aller Völker zum Zion geschrieben wird.
Steckt dahinter ein Muster – eine Systematik, wie theologische Sprache politisch instrumentalisiert wird?
Ich würde es weniger Systematik nennen als Strategie der Verharmlosung. Alles, was die neue Rechte aus Bibel und Kirchentradition nehmen kann, um radikale Positionen als kulturell gewachsene Normalität darzustellen – das nutzt ihr. Das Volk. Der Lebensschutz. Und zuletzt der ordo amoris, also die "Ordnung der Liebe", die auf Augustinus und Thomas von Aquin zurückgeht. JD Vance knüpft vermeintlich an diese Tradition an, verkehrt bzw. verkürzt den "Ordo amoris" jedoch:
Als Vance im Februar 2025 in einem FOX-Interview auf die Abschiebungspolitik der Trump-Administration angesprochen wurde, antwortete er, die Liebe gelte zuerst der eigenen Familie, dann dem Nachbarn, dann der lokalen Gemeinschaft, dann dem Mitbürger – und erst danach könne man auf den Rest der Welt blicken und priorisieren. Weder Augustinus noch Thomas spielen die Liebe gegenüber Fremden gegen die Liebe im sozialen Nahraum aus. Vance schneidet den "Ordo amoris” jedoch aus seinem Kontext heraus und instrumentalisiert ihn so als politische Begründung eines exklusiven Nationalismus. Damit reduziert er den universalistischen Kern des Gebots der Nächsten- und Feindesliebe, von dem auch Augustinus und Thomas getragen waren, auf eine Rangordnung der Zugehörigkeit – und vermittelt dies als "normale", "klassische" katholische Lehre.
Es ist dasselbe Muster, das die Rechte auch mit demokratischen Begriffen betreibt. Plötzlich beruft sich die AfD auf Freiheit, Grundrechte, Selbstbestimmung – und klingt dabei wie die bürgerliche Mitte. Es geht ihr aber um ihre Freiheit, ihre Selbstbestimmung und Grundrechte, die ihren Interessen dienen. Weit weg von der demokratisch-pluralen Ideen von Freiheit, Grundrechten und Selbstbestimmung.
Was ist der entscheidende Unterschied?
Der ethische Universalismus. Das ist der Prüfstein für das gesamte rechte Spektrum: Gilt die gleiche Würde und das gleiche Recht jedem Menschen – oder nur der eigenen Gruppe? Sobald Freiheit nur die eigene Freiheit meint, sobald Nächstenliebe an der Staatsgrenze endet, ist der Bruch vollzogen – demokratisch wie christlich. Diese Frage lässt sich immer stellen. Und die Antwort ist immer entlarvend.
Wo bleibt dann der laute Aufschrei der Kirchen? Die Instrumentalisierung ihrer eigenen Sprache müsste doch massive Reaktionen auslösen.
Das ist eine gute Frage. Und ich vermute, dass zur Beantwortung dieser Frage eine durchaus schmerzhafte, selbstkritische Analyse stehen müsste. Dies ist ein aus meiner Sicht sehr anspruchsvolles Thema.
Warum?
Weil es eine Unterströmung zwischen kirchlichen Positionen und rechten Positionen gibt, die nicht von der Hand zu weisen ist. Das Familienbild, das Bild von Sexualität, der noch nicht umfassend überwundene Antijudaimus – in Teilen sind sie ähnlich, auch wenn sie sich, wie oben ja schon beschrieben, in der ethischen Grundausrichtung widersprechen. Doch es gibt auf der Ebene einzelne Positionen eben doch Ähnlichkeiten: Die katholische Kirche hatte ihren eigenen Antimodernismus.
Der Syllabus Errorum von 1864 verurteilte im Grunde alles, was auch die neue Rechte verurteilt – Gewissensfreiheit, Pluralismus, die Moderne als solche. Erst das Zweite Vatikanische Konzil 1965 hat das revidiert: Anderen Religionen wurde Wahrheitsgehalt zugesprochen, den Juden endlich der Vorwurf der Gottesmörder genommen, die Gewissensfreiheit des Einzelnen anerkannt. Das ist noch nicht so lange her, und hier und da hallt das auch noch nach.
Und in diesem Graubereich der geschichtlich nachwirkenden Überschneidungen, so glaube ich, gibt es eine gewisse Hemmung seitens der Kirche, noch offener und klarer den auf den ersten Blick nahestehenden Positionen der AfD entgegenzutreten. Denn das würde ja auch bedeuten, eigene Positionen nochmal genauer anzuschauen, ihre möglichen exkludierenden Stoßrichtungen, wenn wir auf Sexualmoral, Geschlechterordnung, Familienbild blicken, selbstkritisch einzugestehen und ggf. neu auszurichten.
Auf der anderen Seite haben sich die katholischen Bischöfe vor der Bundestagswahl 2025 durchaus klar positioniert.
Sehr klar – und für kirchliche Verhältnisse ungewöhnlich direkt. Das Schreiben, in dem die katholischen Bischöfe einhellig erklärten, völkischer Nationalismus und Rassismus seien mit der katholischen Lehre unvereinbar, und wer Christ sei, könne nicht AfD wählen – das war eine bemerkenswerte und sehr wichtige Positionierung. Und bei der diesjährigen Frühjahrsvollversammlung der Bischofskonferenz haben Bischof Feige und Bischof Wilmer mit Blick auf die anstehenden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt nochmals sehr deutlich die demokratisch destruktive und antichristliche Position der AfD benannt.
Und die evangelische Kirche? Auf sie trifft vieles, was Sie beschrieben haben, ja gar nicht zu – die starre Geschlechterordnung, die Ablehnung von Homosexualität. Könnte sie nicht deutlich lauter sein?
Sicherlich könnten beide Kirchen noch lauter sein. Mir erscheint jetzt aber auch ein weiterer Aspekt wichtig: Die Kirchen haben sich grundsätzlich gegen die AfD positioniert – aber wie gehen wir als Kirchen, als Christen, mit den vielen AfD-Wähler:innen um? Welche Enttäuschungen und Mangelerfahrungen führen Millionen von Menschen zur AfD? Was muss sich beispielsweise mit Blick auf soziale und ökonomische Gerechtigkeit ändern? Was muss sich mit Blick auf die Anerkennung von Lebenswegen ändern, die Menschen insbesondere in den östlichen Bundesländern zurückgelegt haben?
Die Zurückhaltung der Kirchen bei direkten und öffentlichen Auseinandersetzungen mit der AfD mag auch der Absicht geschuldet sein, sich nicht in die Polarisierungsmechanismen der AfD hineinziehen zu lassen, die sich bei jeder Konfrontation reflexartig als Opfer des sogenannten Meinungs Establishments inszeniert. Diese Rollenverkehrung ist schwer zu kontern.
Gibt es organisierte Schnittstellen – Netzwerke, in denen sich AfD-nahe Kreise und christlich-konservative Milieus austauschen? Oder läuft das eher unkoordiniert?
Es gibt katholische Netzwerke, bei denen eine Nähe zur AfD oder zu deren Positionen deutlich erkennbar ist. Diese sind im Internet schnell zu identifizieren. Hier werden christlicher Traditionalismus und Antimodernismus mit politischen Positionen verbunden und kirchliche Reformbewegungen sowie spezifische Merkmale der Moderne, die mit Prozessen der Aufklärung, Säkularisierung und Pluralisierung von Lebenswelten sowie dem Verlust christlicher Kulturdominanz in der Neuzeit einhergehen, harsch angegriffen.
Inzwischen gibt es eine große Vielfalt von Institutionen und Netzwerken der neuen Rechten. Die Verflechtungen sind komplex und nicht nur auf Deutschland beschränkt, sondern international. Eine tiefgehende Analyse ihrer Verzahnung mit christlichen Strömungen hat Sonja Strube (s. o.) unternommen.
Welche Rolle spielen christlich-rechte Influencer:innen in sozialen Medien?
Eine wachsende und beunruhigende. Was vom Christentum in sozialen Medien sichtbar wird – gerade unter Jugendlichen – ist häufig radikalisiert und wird über die Christfluencer verbreitet. Ich befürchte, dass die neue Rechte im digitalen Raum eine "gute" Zukunft vor sich hat. Sie trifft dort auf eine Grundstimmung, die ihr entgegenkommt: das Gefühl, dass Politik die eigenen Probleme nicht löst, dass man nicht vorkommt, dass die etablierten Institutionen keine einfachen Antworten mehr geben.
Die Kirchen liefern sich heute – zu Recht – der Komplexität der Gegenwart aus. Die AfD bietet stattdessen Einfachheit: Wenn der Islam weg ist, die Migration gestoppt, die korrupte Elite abgelöst – dann wird alles besser. Das ist eine verführerische Grammatik, gerade in Zeiten wachsender ökonomischer Ungleichheit.
Wie weit sind wir von den USA entfernt, wo diese Allianzen bereits direkten Zugang zur Regierung gefunden haben?
In den USA hat eine christlich-rechte Bewegung direkten Zugang ins Oval Office. Solche Strukturen sehe ich in Deutschland noch nicht in der Deutlichkeit. Aber: Wir stehen vor Landtagswahlen, in denen die AfD die Mehrheit erringen könnte. Wie lange wird es gelingen, die AfD von Regierungsverantwortung fernzuhalten? Und darin zeigt sich ein Dilemma: Die politisch Handelnden sind sich einig, nicht mit der AfD zu koalieren – und ich halte das für richtig und wichtig.
Aber damit bilden die Regierungskoalitionen in den Landtagen den Wählerwillen eines wachsenden Teils der Bevölkerung natürlich nicht mit ab: Die AfD als womöglich stärkste Partei in den Wahlen ist nicht an der Regierung beteiligt. Dieses Dilemma kann dann sogar verstärkend wirken: Immer mehr Menschen wählen die AfD, gerade weil sie sich nicht repräsentiert fühlen in den Regierungsbildungen. In Deutschland sehe ich daher das Problem weniger auf der Ebene der aktuellen politischen Verantwortungsträger in den Regierungen – und das unterscheidet uns von den USA – als auf der Ebene dieser Erosion des demokratischen Grundkonsenses von unten.
Was macht Ihnen persönlich am meisten Sorgen?
Die vulnerablen Gruppen in unserer Gesellschaft – alle, die keine Lobby haben, politisch schwach vertreten sind und in einer zunehmend polarisierten Öffentlichkeit keinen sicheren Ort mehr finden. Das betrifft übrigens auch Kinder: Wir müssten im Interesse der nächsten Generation denken und planen – tun es aber kaum.
Mein besonderer Blick gilt dem Judentum. Ich glaube, dass kirchlicherseits noch zu wenig getan wird, um die eigene Geschichte des Antijudaismus wirklich durchzuarbeiten – diese Logik der Überbietung, das Selbstverständnis des Christentums als eigentliche Erfüllung des Judentums. Das ist keine reine Vergangenheitsfrage. Es wirkt nach. Und in einer Zeit, in der rechtsextreme Deutungsmuster wieder gesellschaftsfähig werden, ist das keine abstrakte Gefahr.
Zugleich bin ich zuversichtlich: Ich nehme wahr, dass es eine große Zahl an Initiativen und Organisationen gibt, kirchlich, zivilgesellschaftlich, staatlich, die sich dem Kampf gegen Antisemitismus und anderen ausgrenzenden Ideologien verschrieben haben. Und ich nehme eine steigende Wachsamkeit gegenüber rechtem Gedankengut wahr. Selbstverständlich ist das alles spät angesichts des Aufstieges der AfD. Gerade auch in den Kirchen sehe ich eine aktive Bewegung, die sich des jüdisch-christlich fundierten, ethischen Universalismus und der Solidarität mit den Schwächsten in unserer Gesellschaft und weit darüber hinaus sehr bewusst ist. Darauf setze ich.