München, Stuttgart (epd). Die größte Herausforderung der Kirchen ist dem früheren bayerischen Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm zufolge nicht die institutionelle Verkleinerung. Sie liege vielmehr darin, neue mentale Stärke zu gewinnen, sagte der ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland am Mittwochabend in Stuttgart. Die Voraussetzungen dazu seien gut, "wenn wir unsere eigenen geistlichen Quellen entdecken". Bedford-Strohm warnte vor einer "Verliebtheit in den Niedergang".

Oft werde die intensive Arbeit an den geistlichen Grundlagen der Kirche in den Medien nicht deutlich. Er erlebe das, wenn er in einem Vortrag lange an einem Bibeltext arbeite und daraus dann auch politische Schlüsse ziehe. Zitiert würden meist nur seine Folgerungen, ohne jeden Zusammenhang. "Die 90 Prozent stehen nicht in der Zeitung."

Bedford-Strohm wiederholte in Stuttgart seine schon oft geäußerte These, dass die Mitgliederzahlen der Kirchen heute viel ehrlicher als in den 1950er Jahren seien: Wer damals aus der Kirche ausgetreten sei, habe mit sozialen Sanktionen rechnen müssen, sagte er: "Womöglich hätte die Oma den Kontakt abgebrochen." Heute sei es manchmal umgekehrt, besonders im Osten der Republik: "Teils erfordert es Bekennermut, dass ich in der Kirche bleibe." Wenn heute etwa jeder Zweite in Deutschland Mitglied einer evangelischen, katholischen oder orthodoxen Kirche sei, sei er es freiwillig.

Für die Kirche der Zukunft stellte Bedford-Strohm drei mögliche Modelle vor: Sie könne als "Gesellschaftskirche" das bieten, was die Leute religiös erwarten, und den Trends hinterherlaufen. Oder sie könne sich als "Kontrastgesellschaft" von den anderen abheben wollen, als "Club der Erleuchteten". Diese Version gebe es als fromme Gemeinschaft ebenso wie als progressive, kapitalismuskritische Versammlung. In beiden Fällen werde aus der Abgrenzung gelebt.

Bedford-Strohms Favorit ist jedoch die "öffentliche Kirche in der pluralistischen Gesellschaft". Mitten im Pluralismus, den sie bejahe, entwickle die Kirche ein klares theologisches Profil und lebe es auch selbst. Sie wolle die Gesellschaft nicht bevormunden, sondern "einen authentischen Beitrag im gesellschaftlichen Diskurs liefern".

Kommentare

Florian Meier am Fr, 21.02.2025 - 08:34 Link

Ich finde es fragwürdig in Zusammenhang mit Mitgliedschaft von Ehrlichkeit zu reden. Sicher haben sich Motive verändert, aber das bedeutet nicht, dass es früher unehrlicher - was eine bewusste Lüge impliziert - war. Es ist auch keineswegs so, dass jeder heute freiwillig Mitglied ist. Er räumt ja selbst ein, dass auch heute Menschen sozialem Druck ausgesetzt sind. Zu seinen Kirchenmodellen ist zu sagen, dass die sich ergänzen und nicht ausschließen: Eine Kirche ohne Abgrenzung ist beliebig, eine Kirche ohne Versprechen und Wert ist ueberflüssig und eine Kirche ohne Pluralismus ist engstirnig, unflexibel und steht im Widerspruch zur Bibel. Ich fände einmal einen Chef interessant, der in der heutigen Zeit verkündet besonders unauthentisch, unöffentlich und kleingeistig wirken zu wollen, sie hätte wenigstens Humor...