Tutzing (epd). Um Missbrauch in Kirche und Diakonie vorzubeugen, müssen Machtpositionen laut der Präsidentin der Diakonie Bayern, Sabine Weingärtner, klar als solche benannt werden. Gerade in helfenden und kirchlichen Zusammenhängen werde Macht nicht als Macht beschrieben, sagte Weingärtner am Mittwoch bei einer Fachtagung in Tutzing mit Blick auf Leitungspositionen oder fachliche Autoritäten in Kirche und Diakonie. Sie erscheine stattdessen "als Fürsorge, als Berufung, als Nähe, als Engagement".
Vieles davon sei ehrlich gemeint, sagte Weingärtner. Aber hier liege auch ein Risiko: "Denn wo Sicherheit und Vertrauen entstehen sollen, braucht es besonders klare Grenzen. Und wo Macht nicht reflektiert wird, kann sie umso leichter missbraucht werden." Für die Diakonie sei diese Entwicklung wichtig, aber auch herausfordernd. "Denn unser Selbstverständnis ist eben geprägt von dem Anspruch, Schutzräume zu bieten. Wenn Menschen gerade hier Gewalt erleben, ist der Schaden besonders groß."
Menschen zählen mehr als die Institution
Sexualisierte Gewalt sei nicht nur eine Frage individueller Schuld der Täter, sondern auch eine strukturelle, sagte Weingärtner. Zuständigkeiten müssten daher eindeutig geklärt werden. "Verantwortung heißt, Hinweise ernst zu nehmen, auch wenn sie das eigene System infrage stellen." Der Schutz von Menschen müsse höher gewichtet werden als der Schutz der Institution.
Sexualisierte Gewalt sei keine Grenzverletzung aus Versehen, sagte Weingärtner. Sie diene der Durchsetzung eigener Interessen auf Kosten anderer. "Sie verletzt Würde, Selbstbestimmung und Integrität. Und sie wirkt lange nach, oft genug ein Leben lang. Körperlich, seelisch, sozial." Inzwischen gebe es verbindlichere Schutzkonzepte, klarere Verfahren, mehr externe Expertise und eine stärkere Orientierung an Betroffenenperspektiven.
Verantwortung nur auf dem Papier reicht nicht
"Aber es reicht nicht, wenn Verantwortung nur auf dem Papier eindeutig ist. Sie muss im Alltag greifen", mahnte Weingärtner. Prävention dürfe keine Zusatzaufgabe sein, und Intervention dürfe nicht vom Mut Einzelner abhängen. Die Fachtagung "Verantwortung leben" in der Evangelischen Akademie Tutzing dauert noch bis Donnerstag.