Augsburg (epd). Der in Deutschland im Exil lebende türkische Journalist Can Dündar hat der Bundesregierung Doppelmoral beim Staatsbesuch des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan vorgeworfen. Während in Deutschland Pro-Hamas-Demos verboten würden, empfange die Bundesregierung deren Fürsprecher Erdogan, sagte der aus der Türkei geflohene Journalist der "Augsburger Allgemeinen" (Donnerstag): "Erdogan stellt sich öffentlich auf die Seite der Hamas." Trotzdem rolle man ihm den roten Teppich aus, kritisierte der Journalist: "Es gelten also unterschiedliche Standards für unterschiedliche Personen", fügte er hinzu.

Der frühere Chefredakteur der Zeitung "Cumhuriyet" sagte weiter, die Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei seien auf beiden Seiten "von einer Art Hassliebe geprägt". Man brauche sich aber gegenseitig, um "gemeinsam Geschäfte zu machen". Man blende Differenzen aus und konzentriere sich auf die gemeinsamen Interessen. "Es ist traurig, zu sehen, dass Deutschland bereit ist, seine Werte zu opfern", sagte Dündar. "Der deutsche Bundeskanzler war der erste Staatsmann überhaupt, der Erdogan nach der Präsidentschaftswahl zu einem Staatsbesuch einlud, obwohl er wusste, dass die Wahlen überhaupt nicht fair waren."

Dündar kritisierte, dass Erdogan die Regeln festlege und nicht Deutschland oder Europa: "Wir haben das beim Kampf um den Nato-Beitritt Schwedens gesehen." Das skandinavische Land habe seine Verfassung ändern müssen, um die Anti-Terror-Gesetze zu ermöglichen: "Das war Erdogans Bedingung." Erdogan wird für diesen Freitag (17. November) zu einem Staatsbesuch in Berlin erwartet. Bereits am Mittwoch hatte der Präsident des Zentralrates der Juden, Josef Schuster, den Erdogan-Besuch kritisiert. Wer den Hamas-Terror relativiere dürfe "kein Partner für die deutsche Politik sein", sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.