München (epd). Der sachsen-anhaltische Landesarchäologe Harald Meller verteidigt die wissenschaftliche Untersuchung der Gebeine von Kaiser Otto dem Großen (912-973) als angemessen. Dabei handele es sich keineswegs um eine Störung der Totenruhe, das Gegenteil sei der Fall. "Wir haben das Skelett davor bewahrt, durch den Kollaps des Grabes womöglich zerstört zu werden. Zudem konnten wir Ottos Identität bestätigen", sagte Meller der "Süddeutschen Zeitung" (Dienstag).
Otto der Große wird am Dienstag in einem neu gestalteten Sarg im Magdeburger Dom wieder beigesetzt. Ein neuer Sarg war notwendig geworden, nachdem bei der Öffnung des Steinsarkophags im vergangenen Jahr irreparable Beschädigungen an einem darin befindlichen Holzsarg festgestellt worden waren.
Untersuchungen an menschlichen Überresten kein Tabu
"Wir haben uns eng mit der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland und der Evangelischen Domgemeinde abgestimmt, und in christlicher Sicht sind wissenschaftliche Untersuchungen an menschlichen Überresten kein Tabu", sagte der Archäologe Meller. Das habe zuletzt auch der Papst durch ein Apostolisches Schreiben bestätigt.
Meller wandte sich zudem gegen eine nationalistische Sicht auf den mittelalterlichen Herrscher. "Zur Zeit Ottos des Großen hatte man keinerlei Konzept von einer deutschen Nation", sagte er. Otto sei ostfränkischer König und römischer Kaiser gewesen, sein Herrschaftsbereich habe weit mehr als das heutige Deutschland umfasst. "Insofern könnten sich heute auch die Schweiz oder die Lombardei auf Otto berufen", sagte der Wissenschaftler.