München, Würzburg (epd). Der Landesverband der Gehörlosen in Bayern kritisiert die einseitige Fokussierung auf Gehörlosigkeit als medizinisches Defizit. Für gehörlose Menschen ist nicht die Reparatur des angeblichen Defizits entscheidend, "sondern die Anerkennung als sprachliche Minderheit, die die Welt mit Augen hört", wie der Verband am Dienstag in München anlässlich des "Welttag des Hörens" am 3. März mitteilte.
Man betrachte "mit großer Sorge" auch die Darstellungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO), wonach "unversorgtes Hören" zwangsläufig zu Beeinträchtigungen der kognitiven und sozialen Entwicklung führt. Dies verkenne die sprachwissenschaftliche Realität, denn nicht fehlendes Gehör sei die Ursache für Verzögerungen bei der Entwicklung, sondern der verwehrte Zugang zur barrierefreien Gebärdensprache, so der Verband.
Projekt "2Bi": Gebärden, Sprechen, Schreiben
"Wenn Kindern der frühe Zugang zur Gebärdensprache verwehrt wird, werden sie der Sprache beraubt", heißt es in der Mitteilung weiter. Ein wegweisender Schritt, um diese sogenannte Sprach-Deprivation zu vermeiden, sei das bayerische Modellprojekt "2Bi", das für "bimodal-bilingual" steht. In diesem Projekt wird neben der deutschen Schrift- und Lautsprache gleichberechtigt auch die deutsche Gebärdensprache eingesetzt.
Die Erprobungsphase läuft seit vergangenem und noch bis zum Ende dieses Schuljahrs an der Münchner Musenbergschule und der Würzburger Dr.-Karl-Kroiß-Schule. Das erklärte Ziel von "2Bi" sei eine "erfolgreiche Mehrsprachigkeit", die den Kindern "unabhängig von ihrem individuellen Hörstatus 'drei Schlüssel zur Welt' gibt", nämlich Gebärden, Sprechen und Schreiben, teilte der Landesverband weiter mit.