Willmars, München (epd). Die Missbrauchs-Vorwürfe im Diakonie-Kinderheim Nicolhaus im unterfränkischen Willmars in der Rhön werden nun wissenschaftlich aufgearbeitet. In einer zeithistorischen Fallstudie untersucht die Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) ab sofort Gewaltvorwürfe aus den 1950ern bis in die 1980er Jahre, teilten die Universität und die bayerische Landeskirche am Montag mit. Grundlage seien Betroffeneninterviews sowie die Auswertung von Archivmaterial. Damit sollen die Umstände und Strukturen offengelegt werden, die die Übergriffe ermöglicht hätten, sagte die Historikerin Angelika Censebrunn-Benz, die die unabhängige Studie durchführt.

2012 hätten zum ersten Mal ehemalige Heimkinder öffentlich von Gewalt berichtet, die sie "in physischer, psychischer und sexualisierter Form" in den 1950er bis 1980er Jahren in dem Kinderheim erfahren hatten, sagte der Kirchenhistoriker Christopher Spehr, der die Studie leitet. Nach und nach meldeten sich weitere betroffene Personen zu Wort und sprachen "über ein Klima der Kinderfeindlichkeit, Gewalt, Grausamkeit und Angst", das in dem Heim geherrscht habe.

Weitere Opfer melden sich nach Medienberichten

Unter anderem war der evangelische Pfarrer Klaus Spyra in den 1960er Jahren als Heimkind vom damaligen Heimleiter, einem Diakon der Diakonen-Bruderschaft des Stephansstift Hannover, missbraucht worden. Nachdem er die Taten 2015 gemeldet hatte, wurden ihm auch Leistungen in Anerkennung des erlittenen Leids zugesprochen. Nach und nach hatten sich infolge der medialen Berichterstattung über den Fall weitere Betroffene bei Journalisten gemeldet. Diese hatten schließlich auch gegen den damaligen Ortspfarrer Missbrauchsvorwürfe erhoben.

Die Studie wird von der bayerischen evangelischen Landeskirche, dem Diakonieverein Willmars, dem Diakonischen Werk Bayern und der Diakoniegemeinschaft Stephansstift finanziert. Ein interdisziplinär besetzter Wissenschaftlicher Beirat begleitet das Forschungsprojekt. Am Ende der zweijährigen Laufzeit soll ein Forschungsbericht der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Das evangelische Kinderheim in dem 450 Einwohner umfassenden Dorf Willmars (Landkreis Rhön-Grabfeld) existiert seit 1884 und gehört nach wechselnden Trägern seit 1979 dem Diakonieverein Willmars. Es nahm den Angaben zufolge Waisenkinder sowie Kinder aus als damals problematisch bewerteten Familienverhältnissen auf. Heute werden hier 48 Kinder und Jugendliche in Wohngruppen betreut.