Memmingen, München (epd). Nach dem Vorfall an der Moschee in Memmingen stellt sich die Stadtgesellschaft an die Seite der türkisch-islamischen Gemeinde. Am Freitagabend versammelten sich einige hundert Menschen zu einer Solidaritätsaktion, wie die evangelischen Dekane Claudia und Christoph Schieder dem Evangelischen Pressedienst (epd) sagten. Hierzu habe sich das Bündnis für Menschenrechte und Demokratie, in dem das Dekanat Mitglied ist, schnell zusammengefunden. Memmingens Oberbürgermeister Jan Rothenbacher (SPD) teilte auf Instagram mit: "Wir stehen fest an der Seite unserer Gemeinde, und: keinen Meter Rassismus und Anti-Islamismus in unserer Gesellschaft."
Es war ein grausiges Bild, das sich den Menschen in Memmingen am frühen Freitagmorgen darbot. Die dunkle Marmormauer vor dem Eingang zur Moschee, Teile der Fassade und des Geländes waren mit roter Flüssigkeit verschandelt. Die Behörden gehen von Schweineblut aus, das im Dunkel der Nacht in Ballons geworfen worden sei. Auf dem metallenen Halbmond auf der Mauer war ein Schweinekopf aufgespießt. Bilder auf Instagram dokumentieren diese "ungeheuerliche Respektlosigkeit", wie Rothenbacher sie nannte.
"Gezielte Schändung eines Gotteshauses"
Der Vorfall sei "weit mehr als eine bloße Sachbeschädigung", teilte der Gemeindevorstand mit. Es handele sich um eine "gezielte Schändung eines Gotteshauses und einen Angriff auf die Religionsfreiheit". Die bewusste Wahl von Symbolik, die im islamischen Glauben als unrein gilt, zeuge "von einer tiefen Menschenverachtung und dem Versuch, unsere Gemeindemitglieder zu demütigen und einzuschüchtern". In einem Rechtsstaat und einer offenen Gesellschaft dürfe für derartigen Hass kein Platz sein.
In der "Freinacht" zum 1. Mai geschähen zwar "immer wieder geschmackvolle oder häufig ungeschmackvolle Späße", so der OB. Die Tat an der Moschee in der Schlachthofstraße jedoch habe nichts damit zu tun. "Das war eine gezielte Attacke", sagte auch Dekan Schieder. "Sie ist Ausdruck einer islamfeindlichen und respektlosen Haltung."
Die Generalstaatsanwaltschaft München - genauer: die Zentralstelle zur Bekämpfung von Extremismus und Terrorismus - ermittelt zusammen mit dem Staatsschutz der Kriminalpolizei Memmingen. Geprüft werden die Straftatbestände der Beschimpfung einer Religionsgemeinschaft und der gemeinschädlichen Sachbeschädigung.
"Kann nicht sein, dass hier Hass und Hetze so ausgelebt werden"
Die Stadtgesellschaft sei sehr erschrocken, sagte Schieder. Die Mitglieder der muslimischen Gemeinde seien "als Gemeinschaft angegriffen und jeder einzelne von ihnen als Mitmensch in seiner Würde verletzt" worden.
Laut Rothenbacher will die Stadt "alles in unserer Macht Stehende tun, um die Moschee zu schützen und die Täter zur Rechenschaft zu ziehen". Er nannte die Gemeinde einen "wichtigen Partner" und sagte: "Es kann nicht sein, dass hier Hass und Hetze so ausgelebt und verbreitet werden gegen Menschen, die ganz zentral für unsere Stadt einstehen und mittendrin in unserer Gesellschaft sind."
Die Moscheegemeinde zeige sich dankbar für die Anteilnahme, sagte Dekan Schieder. Sie sei froh, dass es eine gründliche Aufarbeitung geben soll und der Vorfall "nicht heruntergespielt wird". Der Ditib-Vorstand teilte mit, die Gemeinde habe "erfahren, dass wir nicht alleine stehen". Er bedankte sich bei Polizei und Feuerwehr, bei OB Rothenbacher und beim türkischen Generalkonsul Süalp Erdogan.
"Lassen uns nicht von Hass leiten"
"Trotz der Schwere dieser Tat lassen wir uns nicht von Hass leiten", so der Vorstand. "Unsere Moschee bleibt ein Ort der Begegnung, des Gebets und des friedlichen Miteinanders." Man vertraue auf die Arbeit der Ermittlungsbehörden und hoffe auf eine lückenlose Aufklärung. Die Gemeinde wurde aufgerufen, besonnen zu reagieren: "Unsere Stärke liegt im Zusammenhalt und in der Geduld, nicht in der Konfrontation. Wir lassen nicht zu, dass eine kleine Gruppe von Extremisten das friedliche Klima in unserer Stadt vergiftet."
Laut Schieder ist das zivilgesellschaftliche Engagement in Memmingen groß. Auch die evangelische Kirche habe gute Kontakte zur Ditib-Gemeinde: Man kenne sich, besuche sich und nehme "Anteil an den Dingen, die einen vor Ort beschäftigen". Die Kommunikation sei offen und vertrauensvoll. Im Interkulturellen Kreis Memmingen werde dieser Austausch vertieft. In Memmingen gibt es insgesamt drei muslimische Gemeinden.
Diskussion um Minarett
Auch bei der Memminger Minarett-Diskussion sei die evangelische Kirche "als christlicher Gesprächspartner sehr geschätzt" worden, so Schieder. Vor einigen Jahren wollte die Ditib-Gemeinde an der Moschee ein Minarett anbauen, die Baugenehmigung hatte die Stadt abgelehnt. Die Gemeinde klagte dagegen vor dem Verwaltungsgericht Augsburg.
Dieses gab im September 2024 der Stadt in ihrer Begründung recht und entschied, in Memmingen dürfe kein Minarett mit einer Höhe von 24 Metern gebaut werden. Dieses würde deutlich über alle Gebäude in der Umgebung hinausragen und so den "Höhenmaßbezugspunkt" verändern, was "Vorbildwirkung" für andere Bauwünsche hätte. Im Dezember 2024 berichtete die "Allgäuer Zeitung", die Gemeinde wolle das Urteil anfechten und vor den Verwaltungsgerichtshof ziehen.