München (epd). Das bayerische Kultusministerium war laut einer neuen Studie nach dem Zweiten Weltkrieg weniger NS-belastet als andere Ministerien. Vor allem in Bundesministerien seien teilweise sehr starke NS-Kontinuitäten nachgewiesen worden, sagte Felix Lieb vom Institut für Zeitgeschichte (IfZ) in München dem Evangelischen Pressedienst (epd). Lieb stellte am Dienstag in München seine Studie "Tradition und Demokratie. Das bayerische Kultusministerium, seine Schulpolitik und die NS-Vergangenheit 1945-1975" vor.

Die einzige schwerwiegende NS-Personalie im Kultusministerium, die er entdeckt habe, sei die des Ministerialbeamten Karl Eduard Blaesing gewesen. Dieser sei als Wehrmachtsbürgermeister im besetzten Saloniki während des Krieges mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit in die Organisation von zwei Deportationszügen in die Konzentrationslager Auschwitz und Bergen-Belsen involviert gewesen. "Damit war er für den Tod von rund 2.000 Jüdinnen und Juden mitverantwortlich", sagte Lieb. Weitere ähnlich krasse Fälle habe er nicht entdecken können.

Andere Bundesländer haben ihre Bildungssysteme schneller weiterentwickelt

Das Kultusministerium sei vor allem auf andere Weise "belastet" gewesen, sagte Lieb. 1945 habe man versucht, an die Bildungstradition vor 1933 anzuknüpfen und Personal aus dieser Zeit anzustellen. "Das hatte durchaus Vorteile, aber es war nicht in allen Bereichen dienlich, um eine moderne Demokratie aufzubauen." Das Kultusministerium habe sich zunächst an 20 Jahre alten Schulverordnungen und -gesetzen orientiert, ohne groß zu beachten, dass die Welt sich weiter gedreht habe, sagte Lieb. Andere Bundesländer hätten ihre Bildungssysteme nach 1945 im Vergleich zu Bayern schneller weiterentwickelt.

Das Schulwesen vor 1933 sei "konservativ, kirchlich, hierarchisch und sehr ländlich geprägt" gewesen. "Es gab wenige höhere Schulen, sondern viele Dorf- und Volksschulen, streng nach katholischer und evangelischer Konfession getrennt", sagte Lieb. Die wenigen höheren Schulen seien für eine kleine Bildungselite vorgesehen gewesen. Eine große Rolle spielten dabei die Kirchen, in deren Hand die Bildung seit Einführung der Schulpflicht in Bayern im Jahr 1802 lag. Die Nationalsozialisten hätten den Einfluss der Kirchen zurückgedrängt. Nach 1945 hätten die Kirchen ihren Einfluss im Bildungsbereich wieder zurückzugewonnen.

Ministeriums-Mitarbeiter wurden wegen ihres kirchlichen Hintergrunds verfolgt

Die Kirchen könne man daher als verbindendes Element zwischen dem Kultusministerium vor der NS-Zeit und dem Kultusministerium nach der NS-Zeit bezeichnen, sagte Lieb. "Die Mitarbeitenden im Kultusministerium hatten das Selbstverständnis, keine Nationalsozialisten zu sein." Für ihren kirchlichen Hintergrund seien einige von ihnen von den Nationalsozialisten diskriminiert worden. "Als sie nach 1945 ins Kultusministerium zurückkehren durften, blockten sie rigoros alle Rückkehr-Versuche von Leuten ab, die erst während der NS-Zeit eingestellt worden waren."