Augsburg (epd). In Deutschland werden für das Empfinden des Literaturkritikers Denis Scheck zu viele Literaturpreise vergeben. "Wegen mir kann man davon gern die Hälfte einstampfen", sagte Scheck der "Augsburger Allgemeinen" (Mittwoch). Voraussetzung müsse aber sein, dass mit den Preisgeldern der eingesparten Auszeichnungen die der anderen kräftig aufgestockt würden. "Es ist ja mitunter eine glatte Unverschämtheit, dass da ‚Literaturpreise‘ von Bürgermeistern verliehen werden, deren Bruttomonatsgehalt die Dotierung der von ihnen verliehenen Preise teilweise um das x-Fache übersteigt."

In Deutschland werden nach Recherchen der "Augsburger Allgemeinen" mehr als 1.000 Literaturpreise vergeben. Angesichts der Zahl zitierte Scheck den US-Regisseur Billy Wilder: "Der sagte nämlich mal: 'Preise sind wie Hämorrhoiden. Früher oder später bekommt jeder Arsch welche.'"

Die Debatte um den Literaturpreis "Haus der Kulturen der Welt" bezeichnete Scheck hingegen als "langweilig" und als einen "Sturm im Wasserglas". Die Arbeit in einer Jury sei nur möglich, wenn man sich darauf verlassen könne, dass über die internen Beratungen nichts nach außen dringe. "Im Allgemeinen sollte die Jurydiskussion ein 'safe space' sein, sonst kann man es gleich lassen."

Zwei Jury-Mitglieder des Literaturpreises des "Hauses der Kulturen der Welt" hatten öffentlich über Details aus geheimen Jury-Sitzungen gesprochen. Sie warfen der Jury vor, dass es nicht um literarische Qualität gehe, sondern um politische Kriterien, Weltanschauung, Geld und Macht. Scheck sieht darin keinen Skandal: "Wie naiv kann man, wie naiv darf man eigentlich sein, wenn man in eine Jury geht? Schon seit in der Antike Lorbeerkränze verliehen wurden, ging es dabei immer auch um Politik, Geld, Weltanschauung und Macht."

Die Alternative sei, dass man die Jurydiskussion aus dem Hinterzimmer auf die Bühne bringt, sagte Scheck weiter. Als Beispiel nannte er den Bayerischen Buchpreis, den Scheck mit konzipiert hatte. Drei Juroren diskutieren unter den Augen der Öffentlichkeit innerhalb einer Stunde je einen Preis für das beste belletristische Buch und das beste Sachbuch aus. "Das ist natürlich eine Gaudi, aber sicher kein Rezept für jeden Literaturpreis", räumte Scheck, der das monatliche ARD-Literaturmagazin "Druckfrisch" moderiert, ein.

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