30.01.2018
Botanik

Orchideen als "Sex-Betrüger": Wie Pflanzen tricksen

Nicht nur die Menschen täuschen und bluffen beim Sex, sondern auch so manche Blume. So ahmen die Blüten einer Orchideenart Bienenweibchen in Duft, Glanz und Haarstrich nach. Angelockte Männchen nehmen beim Versuch sich zu paaren, Pollen auf. Belohnt werden sie dafür aber nicht immer. "Sex-Betrüger" seien unter manchen Orchideen-Arten weit verbreitet, weiß die Biologin Claudia Erbar von der Universität Heidelberg.
Biene beim Bestäuben
Jede Pflanze möchte bestäubt werden. Dafür tricksen manche von ihnen die Bienen ganz schön aus.

 

Warum brauchen Blütenpflanzen und Insekten einander so dringend?

Claudia Erbar: Insekten sichern den Fortbestand der Blütenpflanzen. Seit der Entstehung der Blütenpflanzen vor 140 Millionen Jahren kümmern sich die Insekten um deren Bestäubung. Das heißt, sie transportieren die Pollenkörner von Blüte zu Blüte und schaffen damit die Voraussetzung für die Befruchtung und die Samenbildung. Die ersten Bestäuber waren wohl Käfer, Fliegen, Grabwespen und Motten ohne Saugrüssel (Urmotten). Vor etwa 100, beziehungsweise 70 Millionen Jahren, gesellten sich Bienen, Hummeln und Schmetterlinge mit Saugrüsseln dazu. Für ihre Transportdienste bekommen die Insekten eine "Belohnung", in der Regel Pollen oder Nektar, die sie für ihre eigene Ernährung oder die ihrer Brut brauchen. Die erfolgreiche Partnerschaft zwischen Blüten und Insekten ist im Wesentlichen geprägt von einer wechselseitigen Anpassung, aus der beide Partner einen Nutzen ziehen.

Gibt es auch Insekten und Blütenpflanzen, die sich in dieser Partnerschaft nicht fair verhalten? Also Nektarräuber und Täuschblumen?

Erbar: Den aktiv sich bewegenden Insekten gelingt immer wieder ein Pollen- oder Nektarraub. Totale Täuschblumen sind äußerst selten. Aber auch Blüten können aus der Wechselbeziehung ausscheren, wenn sie die "Belohnung" vorenthalten oder die Insekten irreführen. So haben zum Beispiel Königskerzen auf ihren Staubfäden Haare, die den Bienen und Hummeln mehr als die vorhandenen fünf Staubgefäße "vorgaukeln". Das Studentenröschen lockt Fliegen dadurch an, dass die trockenen, kugeligen Spitzen des "Krönchens" glänzen und dadurch weit mehr Nektar vortäuschen als an anderer Stelle in der Blüte vorhanden ist. Der Nahrungsbetrug ist aber nur bedingt möglich, da Insekten durch Frustration lernen.

"Perfekte Sex-Betrüger unter den Orchideen sind die Ragwurze"

Und was können die Pflanzen gegen lernende Insekten tun? 

Weitaus besser ist das Ansprechen bestimmter Schlüsselreize, die die Sexualität oder den Bruttrieb betreffen. Das bekannteste Beispiel für Brutplatz-Betrug liefert die tropische Pfeifenwinde. Deren Blüten imitieren verwesendes Fleisch. Dadurch locken sie Fliegen-Weibchen an, die ihre Eier in Aas legen. Beim Abtasten des vermeintlichen Eiablageplatzes rutscht die Fliege in einen Kessel, in dem sie mit Pollen bepudert wird. Dafür bekommt sie aber nur eine kleine Menge Nektar.

Welche Pflanzen sind die größten "Sex-Betrüger"?

Erbar: Sexualbetrug findet sich fast ausschließlich bei den Orchideen, die Bienen- und Wespen-Männchen anlocken. Perfekte Sexualtäuscher unter den Orchideen sind die Ragwurze, bei denen die Blüten in Duft, Glanz und Haarstrich Weibchen nachahmen, die dann von den Männchen besucht werden. Bei den Versuchen einer Kopulation nehmen die Männchen die Pollen auf und tragen sie unbeabsichtigt zur nächsten Blüte.

 

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