Zwei Betriebe, zwei Ansätze, verbunden durch eine gemeinsame Frage: Wie lässt sich wirtschaften, ohne das Maß zu verlieren – und was bedeutet dabei eine christlich geprägte Sicht auf Natur und Verantwortung?

Anja Stritzinger spricht nicht über Weinbau als bloße Produktion. Hier geht es um Landschaft, Verantwortung und ein Denken in langen Linien. Die steilen, denkmalgeschützten Terrassenlagen von Klingenberg wirken wie ein lebendiges Archiv – aufgeschichtete Trockenmauern, enge Steintreppen, alte Rebstöcke, Mandelbäume am Wegesrand. Und mittendrin eine Winzerin, die den biologischen Ansatz ihres Vaters nicht nur bewahrt, sondern weiterentwickelt hat.

Der Weg führt hinauf über schmale Staffeln. Jeder Schritt eröffnet neue Perspektiven über den Main, aber auch auf eine Kulturlandschaft, die nur deshalb existiert, weil Generationen sie in mühseliger Handarbeit geschaffen haben. "Wenn der Hang sich in Bewegung setzt, dann können die Häuser unten einpacken", sagt Anja Stritzinger und deutet auf die Mauern, die nicht nur Weinberg, sondern auch Erosionsschutz sind. Ihre Ehrfurcht vor diesem Erbe ist spürbar.

In diesen Lagen, in denen Maschinen kaum helfen – oft gar nicht –, wird Weinbau zur Handarbeit und zur Haltung. Praktisch jeder Arbeitsschritt geschieht hier zu Fuß: schneiden, heften, lesen, pflegen. Die Steilheit duldet keine Traktoren, keine klassische Mechanisierung. Gerade deshalb spricht Stritzinger fast mit einem gewissen Staunen von einer Entwicklung, die in solchen Lagen beinahe Luxus bedeutet: Gedüngt wird inzwischen teilweise mit einer Drohne.

Was andernorts technischer Fortschritt sein mag, ist hier eine kleine Revolution. Wo früher selbst das Ausbringen von Nährstoffen reine Handarbeit war, übernimmt heute punktuell ein Fluggerät diese Aufgabe – präzise und ohne die sensiblen Terrassenstrukturen zu beschädigen. "Das ist schon ein Luxus", sagt sie sinngemäß, gerade weil in diesen Steillagen sonst nahezu alles von Hand gemacht werden muss.

Mit Drohnen in den Weinbergen
Mit Drohnen wird in den Weinbergen über Klingenberg gedüngt.

Ein Erbe aus Überzeugung

Der biologische Weinbau gehört für Anja Stritzinger nicht zu einer Marketingidee, sondern zum Fundament des Weinguts. Begonnen hat alles mit ihrem Vater Willi Stritzinger, Kellermeister im damaligen städtischen Weingut und Gründer des Familienbetriebs. Bereits in den 1970er Jahren begann bei ihm ein Umdenken – lange bevor Bio im Weinbau als Trend oder gar Standard galt.

Auslöser war, wie seine Tochter erzählt, ein Buch, das ihn geprägt habe: Der geplünderte Planet. Beim Umspaten der Weinberge, mit einem Radio neben sich, hörte er eine Buchvorstellung. "Das war für ihn so etwas wie eine Bibel", sagt sie. Vor allem der Schutz des Grundwassers habe ihn bewegt. "Er hat gemerkt: So wie man damals wirtschaftet, mit Gift und Herbiziden, kann es nicht weitergehen." Ein Satz, der heute selbstverständlich klingt – damals war er Provokation.

Als Willi Stritzinger begann, die Rebzeilen zu begrünen, stieß das auf Widerstand. "Die Winzer sind damals zum Bürgermeister und haben sich beschwert: Der macht die Weinberge kaputt", erzählt seine Tochter lachend. Denn offene, blanke Böden galten damals als Zeichen ordentlicher Bewirtschaftung. Begrünung? Für viele ein Zeichen von Nachlässigkeit. Heute ist sie Standard.

"Ohne Begrünung geht es eigentlich nicht", sagt Anja Stritzinger. Sie schützt vor Erosion, verbessert das Bodenleben, hält Wasser und fördert Nützlinge. Was einst belächelt wurde, ist inzwischen Erkenntnis. Klingenberg gilt heute mit rund 65 Prozent Biofläche als Vorreiter. Ein bemerkenswerter Wandel. Und doch klingt in ihren Worten kein Triumph mit. Eher eine stille Bestätigung, dass Überzeugung manchmal einfach Zeit braucht.

Das Mikroklima lesen

Ein paar Schritte weiter bleibt sie vor einem unscheinbaren Gerät stehen. Wetterstation klingt größer, als es aussieht. Doch für Anja Stritzinger ist sie ein Herzstück ihrer Arbeit. Seit den 1970er Jahren werden hier Wetterdaten nach DWD-Standard erfasst – Sonnenstunden, Temperaturen, Niederschläge. Dazu kommen Messwerte während der Vegetation, die Hinweise auf mögliche Pilzkrankheiten geben.

"Mit Hilfe der Klimadaten kann man genau berechnen, wann eine Pilzkrankheit ausbrechen kann, wie stark sie ausbrechen könnte – und dann entsprechend handeln", erklärt sie. Für biologischen Weinbau sei das essenziell. Nicht reagieren, wenn Schäden sichtbar sind – sondern vorbeugend verstehen, was passieren könnte.

Wetterdaten sind längst nicht nur Pflanzenschutzinstrument, sondern Klimachronik. In Steillagen entscheidet Wasser über vieles: über Vitalität, Ertrag, Stabilität. Wer hier arbeitet, liest nicht nur Reben, sondern Wetter.

Steillagen: Ohne Lastenaufzug ist die Bearbeitung im Weinberg nur schwer möglich.
Steillagen: Ohne Lastenaufzug ist die Bearbeitung im Weinberg nur schwer möglich.

Ein Weinberg als Ökosystem

Zwischen den Rebzeilen summt es. Hier bleibt Gras stehen, dort blüht etwas aus. Nichts wirkt geschniegelt. "Die komplette Insektenwelt ist wichtig", sagt Anja Stritzinger. Natürliche Gegenspieler müssten gefördert werden, damit Schädlinge sich nicht ausbreiten. Auch deshalb werde nicht alles gleichzeitig gemäht. Manche Bereiche bleiben bewusst länger stehen. Es ist ein Denken in Zusammenhängen.

Besonders faszinierend wird es, wenn sie über Kommunikation zwischen Pflanzen spricht. Alte Reben, sagt sie, könnten jüngeren helfen. "Der eine Stock erzählt dem anderen, wie es geht – nicht mit Reden, sondern über Enzyme." Vor 30 Jahren, sagt sie, sei man mit solchen Gedanken ausgelacht worden.

An vielen Stellen wachsen Reben sogar aus Trockenmauern heraus. "Die haben es da besonders gut", sagt sie und vermutet, dass gespeicherte Wärme hilft. Man lässt sie wachsen. Weil auch das Teil dieses lebendigen Systems ist.

Überhaupt scheint hier vieles aus Beobachtung entstanden zu sein, weniger aus Dogma. Das gilt auch für Sortenvielfalt. Zwischen klassischen Burgundersorten stehen historische Reben wie Tauberschwarz, Blauer Hängling oder Muskatrollinger. Ein bewusstes Risiko – und zugleich eine Strategie. "Jede Rebsorte hat das Jahr anders überstanden – und im Schnitt hatte man immer eine ordentliche Ernte."

Bio nicht bewahren, sondern weiterdenken

Man könnte erwarten, dass eine Tochter ein Konzept einfach übernimmt. Doch Anja Stritzinger tut mehr. "Bio habe ich nie hinterfragt", sagt sie. "Aber weitergebildet und weiterentwickelt." Sie experimentiert mit noch weniger Pflanzenschutz, mit anderen Mitteln, mit spontaner Vergärung. Dinge, bei denen selbst der Vater manchmal skeptisch sei. "Dann sagt er: Das geht doch nicht." Sie probiert es trotzdem.

Auch im Keller folgt sie diesem Gedanken. Die Trauben gelangen direkt ins Untergeschoss, wo vinifiziert wird. Über Jahre entstand hier eine eigene Infrastruktur, unabhängig, gewachsen, pragmatisch. Und doch führt alles wieder hinaus in die Weinberge.

Sorgfalt statt Eingriff um jeden Preis. Beobachtung statt Aktionismus. Und Respekt vor dem, was gewachsen ist. Dazu gehört auch Offenheit für Technik dort, wo sie sinnvoll hilft – wie bei der Düngung per Drohne in den Terrassenlagen. Nicht als Gegensatz zur Tradition, sondern als Werkzeug, das harte Handarbeit punktuell entlasten kann, ohne den Charakter der Steillagen zu verändern.

"Wir sind viel zu klein, um uns gegeneinander hervorzuheben", sagt sie über die Winzer vor Ort. Konkurrenzkämpfe von früher seien weitgehend verschwunden, Gemeinschaft wichtiger geworden. Auch deshalb arbeitet das Weingut mit einer Weinbergsgruppe der Lebenshilfe zusammen, die hier fast täglich mithilft. Auch das gehört zu ihrem Verständnis von Weinbau: nicht nur ökologisch, sondern sozial eingebettet.

Burkhard Hench
Burkhard Hench in seinen Weinbergen über Bürgstadt am Main.

Zwischen Mondphasen und Mainblick am Centgrafenberg in Bürgstadt

Winzer Burkhard Hench aus Bürgstadt geht mit dem biodynamischen Weinbau noch einen Schritt weiter. Das Familienweingut, zu dem auch noch Sohn Peter (Techniker für Weinbau und Önologie) sowie deren beide Frauen Ramona und Helene gehören, hat einen ganzheitlichen Ansatz.

Zwischen den Stöcken der Lagen Centgrafenberg, Hundsrück und Mainhölle wächst es grün und wild, Kräuter und Gräser wuchern, als hätten sie ihr eigenes Recht auf diesen Boden. "Das ist so gewollt", sagt Burkhard Hench und bleibt stehen. "Die Insekten sind unsere Helfer. Die brauchen Lebensraum."

Der Centgrafenberg oberhalb von Bürgstadt: eine Marktgemeinde im unterfränkischen Landkreis Miltenberg, gelegen im Dreiländereck zwischen Bayern, Hessen und Baden-Württemberg. Unten im Tal zieht der Main seine Schleife, hier oben prägt roter Buntsandstein das Bild – karg, trocken, ideal für den Weinbau.

Sein Weingut gehört zu einer kleinen Gruppe von nur vier biodynamischen Betrieben in Bayern. Neben Hench sind das das Öko-Weingut Zang sowie das Weingut Helmut Christ (beide in Nordheim am Main) und das Weingut H. Deppisch in Theilheim. "Das ist schon eine bewusste Entscheidung", sagt Hench. "Und auch eine, die man nicht leichtfertig trifft."

Der Unterschied zum biologischen Anbau sei vielen gar nicht klar. "Bio heißt: keine synthetischen Dünger, keine Herbizide, keine chemischen Pflanzenschutzmittel", erklärt er. "Biodynamisch geht weiter. Da betrachten wir den Betrieb als Organismus." Es gehe um Kreisläufe, um Bodenleben, um Kräfte, die nicht immer messbar sind – und doch wirksam.

Ein leichter Wind streicht durch die Reben. An einem Draht hängt ein weißer Fetzen. Schafwolle. Im Winter grasen hier Tiere zwischen den Zeilen. "Die kommen im Herbst rein und bleiben bis kurz vor Ostern. Dann knabbern sie auch schon mal an den frischen Trieben, deshalb müssen sie rechtzeitig raus." Die Beweidung ersetzt Maschinen, bringt Dünger und Leben in den Boden. "Und sie gehören einfach dazu."

Der Blick öffnet sich ins Maintal. Hench spricht von Kompost, von Pflanzenextrakten – Schachtelhalm, Brennnessel, Kamille. "Das sind keine Wundermittel", sagt er. "Aber sie stärken die Rebe." Und dann ist da noch eine Ebene, die schwerer zu greifen ist.

Schafswolle am Weinbergsdraht
Schafswolle am Weinbergsdraht.

"Wir orientieren uns auch an den Gedanken von Rudolf Steiner und Hildegard von Bingen", sagt Hench. Steiner habe mit seinem landwirtschaftlichen Kurs die Grundlage der biodynamischen Lehre gelegt. "Da geht es um Mondphasen, um Rhythmen, um die Verbindung von Kosmos und Erde."

Tatsächlich richtet Hench viele Arbeiten nach dem Mondkalender aus. "Heute ist ein guter Pflanztag", sagt er beiläufig. "Deshalb setzen wir heute Reben." Schneidet man zur falschen Zeit, "dann blutet die Rebe stärker", erklärt er.

Auch Ungewohntes kommt zum Einsatz. Kuhmist wird in Hörner gefüllt, über den Winter vergraben, im Frühjahr wieder ausgegraben, in Wasser verrührt und ausgebracht. Hench lächelt: "Sieht aus, als würde der Pfarrer Weihwasser verteilen." Und doch: "Der Boden wird dunkler, das Gras satter. Da passiert was."

Die Ideen von Hildegard von Bingen finden ebenfalls ihren Platz im Alltag. Etwa bei der Wahl des Holzes für Fässer. "Edelkastanie wirkt positiv auf den menschlichen Körper", sagt Hench und verweist auf ihre Schriften. "Das ist ein Ansatz, den wir übernommen haben." Generell gehe es darum, "nicht nur stur zu arbeiten, sondern die Natur als Ganzes zu sehen".

Diese Haltung hat auch eine spirituelle Dimension. "Natürlich spielt mein christliches Weltbild eine Rolle", sagt Hench. "Ich kann nicht erwarten, dass alles funktioniert, wenn ich nur nehme und nichts gebe." Weinbau sei immer auch ein Stück Demut – und Vertrauen.

Dass er diesen Weg eingeschlagen hat, hat einen sehr persönlichen Hintergrund. "Vor etwa 15 Jahren war unser Sohn schwer krank, Asthma, Unverträglichkeiten", erzählt Hench. "Da fängt man an zu überlegen: Woran liegt das?" Die Familie stellte fest, dass bestimmte Zusatzstoffe Probleme verursachten. "Da haben wir gesagt: Dann müssen wir bei uns anfangen."

Der Schritt zur biodynamischen Bewirtschaftung war damals alles andere als selbstverständlich. "Wir wurden schon belächelt", sagt Hench. Kollegen hätten die Begrünung zwischen den Reben als Konkurrenz gesehen, als "Unkraut". Heute habe sich das Bild gewandelt. "Es denken immer mehr um."

Der Betrieb selbst ist überschaubar geblieben: sieben Hektar, bewirtschaftet von der Familie, inzwischen mit Sohn Peter als Juniorchef. "Das passt zu unserer Philosophie", sagt Hench. "Wir können alles selbst machen, von der Rebe bis zur Flasche."

Unten im Tal glänzt der Main in der Sonne. Hench schenkt ein Glas Wein ein, ein leichter Ortega. "Im Endeffekt muss es schmecken", sagt er. "Das ist das Wichtigste." Die Kunden reagieren unterschiedlich auf seine Arbeitsweise. Manche kommen gezielt wegen der biodynamischen Weine, andere probieren einfach – und bleiben, wenn sie überzeugt sind.

"Man kann niemanden bekehren", sagt Hench. "Aber man kann erklären, was man tut." Und vielleicht, während man durch die Weinberge geht, den Blick über die Landschaft schweifen lässt, ein wenig verstehen, was er meint, wenn er sagt: "Man muss in die Natur hineinhören."

biologisch-dynamisch bearbeitet: die Weinberge der Winzerfamilie Hench.
biologisch-dynamisch bearbeitet: die Weinberge der Winzerfamilie Hench.