Der Notruf geht am Abend des 13. Februar 1970 ein - kurz nach Sabbatbeginn. Im jüdischen Altersheim in der Münchner Reichenbachstraße, wo sich auch die damalige Hauptsynagoge befindet, ist ein Feuer ausgebrochen. Erst glaubt man noch an einen Unfall, doch der Fund eines Benzinkanisters vor Ort bringt die traurige Gewissheit: Das Feuer wurde absichtlich gelegt. Sechs Bewohner ersticken oder verbrennen in den Flammen, ein siebter überlebt den Sprung aus dem vierten Stock nicht. Der oder die Täter konnten bislang nicht ermittelt werden. Fast 56 Jahre später steht einer der schwersten Anschläge auf Jüdinnen und Juden in Deutschland offenbar vor der Aufklärung.

"Unsere ganze Gemeinde und alle, die wie ich persönliche Erinnerungen an diese furchtbare Nacht haben, haben lange auf diese Nachricht gewartet", sagte die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, am Freitag in einer Pressemitteilung. Sie hätte es nicht für möglich gehalten, dass der Anschlag doch noch aufgeklärt werden könne.

Vor fünf Jahren zum 50. Jahrestag des Anschlags hatte sie dem Evangelischen Pressedienst (epd) gesagt, dass der 13. Februar 1970 für sie "ein schlimmer Tag" gewesen sei. Zahlreiche Opfer und Bewohner des Seniorenheims, viele von ihnen Holocaust-Überlebende, habe sie persönlich gekannt.

Juden sollten offenbar für misslungenen Einbruch büßen

Laut Medienberichten vom Donnerstag hat die Generalstaatsanwaltschaft in München den 2020 verstorbenen Rechtsextremen und polizeibekannten Kriminellen Bernd V. als Verdächtigen ausgemacht. Zuerst hatte das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" berichtet.

Bernd V. soll ein Judenhasser und Neonazi gewesen sein. Am 13. Februar 1970 soll er mit Komplizen versucht haben, in ein Juweliergeschäft am Gärtnerplatz einzubrechen, was aber misslang. Aus Wut darüber soll er im nahegelegenen jüdischen Altersheim ein Feuer gelegt haben. So berichtete es laut "Spiegel" offenbar eine Zeugin, die sich vor einem Jahr bei den Ermittlern meldete.

Die bei der Generalstaatsanwaltschaft München angesiedelte Bayerische Zentralstelle für Bekämpfung von Extremismus und Terrorismus wollte dem epd am Freitag auf Anfrage die Berichte weder bestätigen noch dementieren. Die Ermittlungen dauerten noch an. Wann sie abgeschlossen werden, könne derzeit noch nicht prognostiziert werden. Um einem Ermittlungsergebnis nicht vorzugreifen, würden derzeit keine weitergehenden Auskünfte erteilt. Die Israelitische Kultusgemeinde München und Oberbayern beruft sich in ihrem Statement auf den "Spiegel"-Artikel.

Dass der mutmaßliche Täter Bernd V. nicht mehr zur Verantwortung gezogen werden könne, schmerze sie, sagte Knobloch:

"Wer jüdische Menschen ermordet, noch dazu aus dem einzigen Grund, weil sie Juden sind, der darf gerade in diesem Land nicht straffrei ausgehen."

Sollte Bernd V. tatsächlich der Täter gewesen sein, "ist es für alle Angehörigen der Opfer von damals, für unsere Gemeinde und auch für mich persönlich unerträglich, dass er bis zu seinem Lebensabend für dieses barbarische Verbrechen nicht belangt wurde."

Bernd V. raubte auch die Madonna aus der Blutenburger Schlosskapelle

Auf das Konto von Bernd V. ging laut Medienberichten neben weiteren Straftaten auch der spektakuläre Raub der Madonnenfigur aus der Blutenburger Schlosskapelle ein Jahr später. Bernd V. saß dafür sechseinhalb Jahre im Gefängnis. Dort soll er einem Mithäftling den Brandanschlag auf das jüdische Altersheim gestanden haben. Warum die Ermittler dem Hinweis des Mithäftlings nicht nachgingen, ist unklar. Mit der Zeugenaussage von vor einem Jahr verdichten sich nun die Hinweise auf den Rechtsextremen Bernd V. als möglichen Täter.

Vom Tisch wären damit auch Theorien, wonach linksextreme oder palästinensische Terroristen den Anschlag verübt hätten. Zwischen 2013 und 2017 wurde nach neuen Hinweisen wieder ermittelt, jedoch ohne Ergebnis. Im vergangenen Jahr nahm der Antisemitismusbeauftragte der bayerischen Justiz, Oberstaatsanwalt Andreas Franck, die Ermittlungen wieder auf. Knobloch dankte in der Mitteilung vom Freitag den Ermittlern, vor allem Oberstaatsanwalt Franck, "ohne dessen Einsatz es diesen Durchbruch nicht hätte geben können".