Im Jahr 2024 zählte Statista knapp 809.000 Privatiers, also Menschen, die allein von ihrem Vermögen leben und keiner Erwerbstätigkeit nachgehen. Das andere Ende der Fahnenstange: 6,5 % aller Erwerbstätigen in Deutschland lebten laut des Statistischen Bundesamts 2024 unterhalb der Armutsgefährdungsgrenze. Das sind knapp drei Millionen Menschen, die trotz eines Arbeitsplatzes von Armut betroffen sind. Welche Mechanismen liegen hinter dieser Ungleichheit und welche Rolle spielen die Angst um Jobverlust, befristete Verträge und der Mindestlohn?  

Die Armutsgefährdungsgrenze  

Von einer Armutsgefährdung wird gesprochen, wenn Personen in relativer Armut zum Rest der Gesellschaft leben. Dies gilt in Bezug auf materielle, kulturelle und soziale Mittel. Personen leben in Armut, wenn sie mit ihren Mitteln nicht an der Lebensweise teilhaben können, die in einem Land als Minimum gilt.  

Beispiele für ein Mindestmaß an Lebensstandard wären die Miete rechtzeitig zahlen zu können, eine einwöchige Urlaubsreise im Jahr sowie die Möglichkeit sich monatlich mit Freund*innen zum Essen zu verabreden. In Zahlen sind das weniger als 60 % des mittleren Äquivalenzeinkommens. 2024 lag der Schwellenwert für diese Art der Verarmung bei 1.378 € netto im Monat für Alleinlebende.  

Der Mindestlohn und die Angst vor dem Jobverlust 

Der Mindestlohn hat weniger Einfluss auf die Armutsgefährdung von Personen, als vielleicht angenommen wird. Mit derzeit 2.222 € brutto im Monat liegt eine Person zwar, je nach Abgaben, eher über den 60 % des mittleren Äquivalenzeinkommens, allerdings ist die Situation eine andere, wenn Kinder zum Haushalt zählen. Oder eine Person nicht Vollzeit arbeiten kann, aufgrund von Care-Arbeit oder weil eine Stelle beispielsweise gar nicht auf Vollzeitarbeit ausgelegt ist.  

Menschen mit Teilzeitverträgen oder befristeten Stellen sind also besonders von Armutsgefährdung betroffen. Weitere atypische Anstellungsverhältnisse wie Leiharbeit und geringfügige Beschäftigung schlagen in dieselbe Kerbe.  

Hinzu kommt, dass sich Menschen in derlei Arbeitsverhältnissen häufig um einen möglichen Jobverlust sorgen müssen. Diese Angst hat laut der Hans-Böckler-Stiftung einen starken Einfluss auf die psychische und physische Gesundheit der Erwerbstätigen.  

Ein gutes Leben ohne Arbeit – Privatiers in Deutschland 

Während Menschen trotz Job in Armut leben und um einen Arbeitsplatzverlust fürchten müssen, wächst die Zahl der Privatiers, auch Rentiers genannt, in Deutschland aktuell immer schneller an.  2015 waren es noch 624.000 Menschen, die rein von ihrem Vermögen lebten, 2024 schon über 800.000. Sie sind vermögend geworden durch Firmenverkäufe und Investitionen, es gibt Erfolgsstorys von ehemals Angestellten, aber natürlich spielt auch das Erben eine große Rolle.  

Genaue Zahlen zum konkreten Vermögen von reichen Menschen, und damit auch von Privatiers, und welchen Anteil Erbschaften genau daran haben, gibt es seit der Abschaffung der Vermögenssteuer 1997 kaum mehr.  

Fest steht aber für das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW): "Auch Vermögende sollten arbeiten". Vermögende Menschen, die keiner Erwerbsarbeit nachgehen, brechen mit dem allgemeinen Konsens, dass Arbeit die Grundlage unserer demokratischen und wohlständigen Gesellschaft ist und entwerten damit auch den Anreiz einer Arbeit nachzugehen. Zumal die Verwaltung des eigenen Geldes meist von Vermögensverwalter*innen übernommen wird und damit auch nicht als eigene Arbeit geltend gemacht werden kann.  

Die Anhäufung von Geld, das nicht umverteilt wird, reduziert nicht nur den Wohlstand der Gesamtgesellschaft , sondern stellt den Staat auch vor ein problematisches, die Demokratie gefährdendes Machtgefälle.  

Wie sich Arbeit wieder lohnt  

Der Satz "Arbeit muss sich wieder lohnen" ist aus Interviews mit Politiker*innen, Parteiprogrammen und Wahlwerbungen bekannt. Welche Maßnahmen sind damit gemeint und wie schafft die Bundesregierung auf lange Sicht bessere Bedingungen für Arbeitende?  

Neben dem Mindestlohn gibt es andere Anreize, Arbeit und auch das längere Arbeiten wieder lohnenswert und attraktiv zu machen. Zum Beispiel das konsequente Bezahlen aller Überstunden, von denen aktuell mehr als die Hälfte nicht ausbezahlt werden. Auch für eine übersichtlichere und einfachere Antragsstellung für verschiedene Sozialleistungen, die zusätzlich zur Arbeit zur Verfügung stehen, kann plädiert werden. Um atypische Beschäftigungsverhältnisse, wie zum Beispiel Teilzeitstellen, zu reduzieren, müsste es eine zuverlässige Kinderbetreuung geben.