Bundeskanzler Friedrich Merz ist sich sicher: "Die Menschen müssen wieder mehr und effizienter arbeiten." Zwischen 30 und 40 Prozent aller Erwerbstätigen in Deutschland arbeiten in Teilzeit. Diese Entwicklung wird zunehmend kritisiert, vor allem vom Wirtschaftsflügel der CDU.

Dieser fordert mehr Engagement auf dem deutschen Arbeitsmarkt und eine Überarbeitung der Arbeitszeitgesetze. Die große Anzahl an Personen, die in Teilzeit arbeiten, wird als Problem angesehen. Behoben werden soll dieses Problem, indem die Hürden für Teilzeitarbeit mithilfe des Antrags "Kein Rechtsanspruch auf Lifestyle-Teilzeit" erhöht werden.

Gesetzlicher Anspruch auf Teilzeit

In Deutschland hat jede:r unter bestimmten Voraussetzungen einen gesetzlichen Anspruch auf Teilzeitarbeit. Die Anzahl der Stunden, die man in Teilzeit arbeitet, richtet sich nach der Anzahl der Stunden, die Vollzeitbeschäftigte im gleichen Betrieb oder Bereich arbeiten. Alles, was unter dieser Stundenanzahl liegt, wird als Teilzeit bezeichnet.

Dieser Anspruch besteht immer dann, wenn das Arbeitsverhältnis seit mindestens sechs Monaten besteht und in dem Betrieb mindestens 15 Beschäftigte arbeiten. Der Antrag muss mindestens drei Monate vor dem gewünschten Startzeitpunkt schriftlich eingereicht werden. Die Anzahl der zu arbeitenden Stunden und ihre Verteilung werden individuell mit dem Arbeitgeber bzw. der Arbeitgeberin beschlossen. Der Antrag darf aus "wichtigen betrieblichen Gründen", die den Arbeitsablauf, die Organisation oder die Sicherheit im Betrieb beeinträchtigen, abgelehnt werden.

Laut einer Studie des Statistischen Bundesamts (Destatis) haben im Jahr 2024 etwa 29 Prozent der erwerbstätigen Personen in Teilzeit gearbeitet. Frauen sind davon mit 49 Prozent fast viermal so häufig betroffen wie Männer, von denen nur etwa 12 Prozent in Teilzeit arbeiten.

Ursprung der Teilzeit

Diese Regelung stammt aus dem 20. Jahrhundert. Ende des 19. Jahrhunderts war es in der Mittelschicht üblich, dass nur der Mann arbeitete und die Frau sich um die Kinder kümmerte. In der Arbeiterklasse und auf dem Land arbeiteten hingegen auch die Frauen, um die Familie ernähren zu können. Mitte des 20. Jahrhunderts begannen zunehmend auch Frauen aus der Mittelschicht zu arbeiten. Die Teilzeitarbeit wurde eingeführt, um ihre Arbeit mit den weiteren Verpflichtungen vereinbar zu machen.

Die Gründe, weshalb Menschen heute in Teilzeit arbeiten, sind verschieden. Beispiele hierfür sind Care-Arbeit, Weiterbildung und unfreiwillige Teilzeit – also Arbeitnehmer:innen, die gerne Vollzeit arbeiten würden, aber auf dem Arbeitsmarkt keine entsprechende Stelle finden. Die CDU sieht das Problem vor allem bei denen, die es aus angeblichen "Lifestyle-Gründen" tun.

Am häufigsten wird Teilzeit aus Gründen der "Care-Arbeit" gewählt, zu der beispielsweise Kindererziehung und die Pflege von Angehörigen gehören. Hiervon sind deutlich mehr Frauen als Männer betroffen. Bei Männern ist einer der Hauptgründe für Teilzeitarbeit die Aus- und Weiterbildung neben dem eigenen Job. Ein Teil der Menschen in Teilzeit findet keinen Vollzeitjob, sie sind also unfreiwillig in Teilzeit beschäftigt. Andere können aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr arbeiten. Und es gibt eben auch einen Teil, der aus weiteren persönlichen Gründen in Teilzeit arbeiten möchte. Dazu gehören auch diejenigen, die es sich leisten können – was wohl mit "Lifestyle" gemeint ist.

Die Änderungspläne der Union

Die CDU möchte die Hürden für Teilzeitarbeit erhöhen. Künftig soll eine Begründung erforderlich sein, wenn man in Teilzeit arbeiten möchte. Denn Teilzeitarbeit soll nur unter bestimmten Bedingungen möglich sein. Beispiele für solche Gründe sind die Pflege von Angehörigen und die Kinderbetreuung. Welche Kriterien genau definiert werden, um weiterhin in Teilzeit arbeiten zu dürfen, ist jedoch noch nicht klar.

Viele Expert:innen melden sich nun zu Wort und kritisieren die Idee. Sie sagen, man müsse ganz anders ansetzen. Die Menschen könne man schließlich nicht dazu zwingen, mehr zu arbeiten. Wenn, dann müsse man die Menschen motivieren und die Anreize verbessern.

Auch Betroffene blicken kritisch auf die Pläne.

Was die Betroffenen selbst sagen

Die Stadtplanerin und Mutter Carolin Morell erzählt sonntags: "Ich denke, der Großteil der Teilzeitkräfte arbeitet nicht in Teilzeit, weil es entspannter ist, sondern weil Themen wie Kinderbetreuung und die Pflege von Angehörigen eine Rolle spielen oder weil eine weitere, gegebenenfalls steuerpflichtige Beschäftigung oder sogar ein Ehrenamt ausgeübt wird."

Die Union sieht Teilzeitarbeit als Problem, doch für viele ist sie die einzige Möglichkeit, überhaupt zu arbeiten.

"Wenn mein Partner und ich nicht mehr in Teilzeit arbeiten dürften, hieße das, dass ich gar nicht arbeiten könnte und mein Partner Vollzeit arbeiten müsste, da er ein höheres Gehalt erhält."

Menschen, die neben der Teilzeitarbeit ein Ehrenamt ausüben, müssten dieses eventuell auch einstellen. "Es geht darum, die Aufgaben, die wir als Gesellschaft haben, so gut wie möglich an alle zu verteilen. Das betrifft nicht nur die 'produktive Arbeit', sondern auch zum Beispiel die Pflege, die Erziehung, das Ehrenamt, die Integration von Geflüchteten, die Nachbarschaftshilfe und vieles mehr", sagt Stefan Kaczmarek, Stadtplaner in Teilzeit.

"Ich sehe es als große Chance, meinen Hauptjob zeitlich etwas zu reduzieren. So kann ich zusätzliche Tätigkeiten – in meinem Fall einen Podcast, gelegentliche Lehrtätigkeiten an der Hochschule sowie Moderationsaufgaben – ausüben. Diese Vielfalt empfinde ich als großen Mehrwert", erzählt Architektin Lisa Köhler. "Tatsächlich kann Teilzeit aber auch einfach bedeuten, Zeit bewusster zu investieren – etwa in Beziehungen, Familie oder in Erholung und Regeneration, insbesondere wenn die beruflichen Anforderungen hoch sind."

Anna Schuchardt, Architektin in Teilzeit, sagt:

"Ich arbeite in Teilzeit und profitiere sehr von den längeren Erholungsphasen. Mir ist bewusst, dass es ein Privileg ist, diese Entscheidung frei treffen zu können, und ich bin mir sicher, dass ich damit einer Überlastung oder schlimmstenfalls sogar einem Burnout vorbeugen kann. Außerdem bin ich an den Arbeitstagen ausgeruhter und dadurch vielleicht sogar produktiver."

Die CDU möchte die wirtschaftliche Lage Deutschlands verbessern, indem sie weniger Teilzeitarbeit erlaubt. Die verheerenden Folgen für viele Betroffene und auch für die deutsche Wirtschaftslage werden dabei jedoch ignoriert. Mit diesem Schritt wird der Fachkräftemangel nicht behoben und die Menschen werden nicht plötzlich viel mehr und viel produktiver arbeiten wollen – und können.