Zwischen dem Wunsch nach einem wirklich freien Tag und dem Bedürfnis, die Woche geordnet zu beenden, verläuft keine klare Linie. Genau hier setzen die beiden Perspektiven an – und zeigen, warum der Sonntag für die einen Pause und für die anderen Struktur bedeutet.

Pro: Der Sonntag als geschützter Ruhetag – Warum der "leere Tag" heilig wird

Autorin: Celine Edinger

Wenn ich in den sozialen Medien sogenannte "Sunday Resets" sehe, in denen sich Menschen dabei filmen, wie sie sonntags ihre Hausarbeit erledigen, frage ich mich immer wieder: Wann habt ihr euren freien Tag? 

Mein Sonntag ist mir in den letzten Jahren sprichwörtlich heilig geworden. Ich möchte wenigstens einen einzigen Tag in der Woche haben, an dem ich nicht das Gefühl habe, einer endlosen To-do-Liste hinterherzurennen. Dafür nehme ich gerne in Kauf, mittwochs um 21 Uhr noch das Bad zu putzen. 

Unter der Woche ist bei mir ziemlich viel los, obwohl ich nur für mich selbst verantwortlich bin und allein lebe. Ich habe einen Vollzeitjob, bin nebenher selbstständig, möchte Freund:innen treffen und im Idealfall mehrmals die Woche ins Fitnessstudio gehen. Trotzdem erledige ich meine Hausarbeit am liebsten zwischen Montag und Freitag.

Die Essensplanung und Einkäufe erledige ich an einem Tag, das Bad putzen und staubsaugen an einem anderen. Die Waschmaschine kann man auch um 17 Uhr noch anwerfen und den Müll nehme ich morgens auf dem Weg zur Arbeit mit runter. Am Samstag nehme ich mir ab und zu ein größeres Haushalts- bzw. Wohnungsprojekt vor, miste eine Schublade aus oder streiche mein Badezimmer.

Aber am Sonntag will ich wirklich frei haben und an nichts denken müssen. Natürlich ist es manchmal stressig oder vor allem nervig, nach einem Arbeitstag auch noch die Pflanzen zu gießen, aber das ist es mir wert!

Mit aller Macht erkämpfe ich mir also jede Woche diesen einen leeren Tag. Ich möchte am Sonntag weder Hausarbeit machen, noch E-Mails beantworten oder einen Urlaub buchen. Mein Sonntag bleibt frei von Erledigungen, oft sogar frei von jeglichen Plänen oder Verabredungen. 

Eine ganze Zeit lang war ich außerdem jeden Sonntagmorgen im Gottesdienst. Das war ein schönes Ritual, zu dem ich unbedingt wieder zurückfinden möchte. Ansonsten füllen sich meine Sonntage von ganz allein mit Spaziergängen, ausgiebigem Brunchen, Kaffee mit lieben Menschen, guten Filmen und Büchern. 

Der Sonntag ist für mich damit die Antithese zu meinem schnellen und leistungszentrierten Leben geworden, das Gegenstück zu den To-do-Listen meines Alltags. Einen Tag der Woche gar nichts tun zu müssen – was für ein Geschenk! 

Contra: Der Sunday Reset als Struktur – Entlastung statt Verzicht

Autorin: Stefanie Hollweck

Zunächst einmal vorweg: Ich möchte niemandem die Sonntagsruhe absprechen oder madig machen. Trotzdem kann ich die strikte Einhaltung und das Beharren darauf nicht wirklich nachvollziehen. Versteht mich nicht falsch: Ein Tag voller Ruhe und Entspannung sei jedem gegönnt. Ich möchte ganz sicher keinen Lebensstil à la Friedrich Merz propagieren, der nur aus Terminen, Arbeit und Effizienz besteht.

Dennoch praktizieren wir zu Hause oft den aus den sozialen Medien bekannten "Sunday Reset". Das bedeutet, dass wir uns einmal pro Woche bewusst ein bis zwei Stunden Zeit nehmen, um gemeinsam die Wohnung auf Vordermann zu bringen. Zunächst wird aufgeräumt und Staub gewischt, dann fährt der Staubsaugerroboter.

Währenddessen wird das Bad geputzt, die Küchentheke gereinigt, das Bett frisch bezogen und gegebenenfalls eine Kommode ausgemistet oder das Katzenklo komplett neu gemacht. Dazu kommen Wäsche, der Balkon, die Kellerkisten und andere Dinge, die sich eben so ansammeln. Natürlich erledigen wir nicht jeden Sonntag alle diese Aufgaben, aber es gibt einige feste, die wöchentlich erledigt werden müssen, plus meist noch ein oder zwei größere Extras.

Und ehrlich gesagt tut das unfassbar gut. Es ist befreiend, sich bewusst gemeinsam Zeit zu nehmen – vielleicht sogar mit Timer oder der Länge einer Schallplatte als Zeitlimit – und danach das Gefühl zu haben, dass wieder alles frisch und ordentlich ist. Das empfinden wir als deutlich besser, als ständig zwischendurch irgendetwas erledigen zu müssen.

Anstatt die Aufgaben die ganze Woche im Hinterkopf zu haben oder aufzuschieben, wissen wir: "Darum kümmern wir uns am Sonntag." Dadurch kann man unter der Woche nach der Arbeit viel entspannter abschalten.

Außerdem muss man ehrlicherweise sagen, dass die traditionelle Vorstellung der komplett arbeitsfreien Sonntagsruhe historisch oft vor allem für den Mann beziehungsweise den "Familienvater" galt. Schließlich sollte pünktlich um 12 Uhr der Sonntagsbraten mit Beilagen, selbst gemachter Soße und Salat auf dem Tisch stehen – und das kochte sich in den seltensten Fällen allein.

Auch die Küche ist nicht selbstreinigend. Meistens war es die Mutter, die trotz der angeblichen Sonntagsruhe weiterarbeitete – zusätzlich zur Care-Arbeit für Kinder und Familie. Diese Arbeit wurde jedoch lange nicht als "richtige" Arbeit wahrgenommen.

Natürlich könnten wir all das auch auf den Samstag verlegen, um den Sonntag komplett frei zu halten. Für uns funktioniert das aber nicht wirklich. Samstags ist oft ohnehin schon viel los: Markt, Einkäufe, Sport, Verabredungen mit Freund:innen. Und zweitens ist das Gefühl, frisch nach dem "Sunday Reset" in die neue Woche zu starten, kaum zu ersetzen.

Es ist fast wie an Neujahr, wenn man die Altlasten hinter sich lässt und die kommende Woche mit freiem Kopf beginnt. Wenn man besonders motiviert war, fühlt man sich danach fast wie neugeboren.

Ich kann deshalb nur empfehlen, es selbst einmal auszuprobieren. Vielleicht merkt man schnell, dass es nichts für einen ist. Vielleicht stellt man aber auch fest, dass gerade dieses bewusste "Erledigen und Abschließen" den Sonntag zu einem echten Ruhetag macht.