In Deutschland nehmen Altersarmut und Erbschaften parallel zu – Millionen Ältere sind armutsgefährdet, während Milliarden Euro vererbt werden. 

Reichtum entsteht zunehmend durch Geburt statt durch Arbeit, was Chancenungleichheit und soziale Spaltung verstärkt. 

Die deutsche Wohlstandsrealität zeigt ein widersprüchliches Bild: Einerseits steigen Erbschaften und Schenkungen auf Rekordhöhen, andererseits wächst die Altersarmut und erreicht auch hier historische Höchststände. Während Millionen Rentnerinnen und Rentner trotz jahrzehntelanger Arbeit kaum über die Runden kommen, erhalten einige junge Menschen durch Geburt in eine wohlhabende Familie erhebliche finanzielle Vorteile. Damit wird deutlich, dass Reichtum und Armut in Deutschland nicht nur von Arbeit und Leistung abhängen, sondern zunehmend von Herkunft und politischer Gestaltung der Renten- und Steuerpolitik geprägt sind. 

Altersarmut und Erbe: Zwei Seiten der deutschen Wohlstandsrealität 

Altersarmut ist in Deutschland längst kein Ausnahmephänomen mehr, sondern ein wachsendes soziales Problem. Millionen Menschen, die Jahrzehnte gearbeitet, Kinder erzogen oder Angehörige gepflegt haben, stehen im Alter vor finanzieller Unsicherheit. Gleichzeitig werden jedes Jahr dreistellige Milliardenbeträge an Vermögen in Form von Erbschaften und Schenkungen weitergegeben – allerdings sehr ungleich verteilt. So entsteht eine paradoxe Situation: Während viele Ältere ihre Strom- oder Heizkosten kaum bezahlen können, starten manche junge Menschen mit einem komfortablen finanziellen Polster ins Leben, ohne jemals dafür gearbeitet zu haben. 

Die Realität der Altersarmut 

Im Jahr 2024 waren 19,6 % der über 65-Jährigen armutsgefährdet – das entspricht etwa 3,54 Millionen Menschen. Damit hat die Armutsgefährdung im Alter einen historischen Höchststand erreicht. Zum Vergleich: 2018 lag die Quote noch bei 14,7 %, 2021 bereits bei 17,4 %. Innerhalb weniger Jahre ist die Altersarmut also deutlich angestiegen. 

Die Gründe dafür sind jedoch vielschichtig. Zum einen hat sich die Arbeitswelt verändert. Befristungen, Teilzeit und prekäre Beschäftigung führen dazu, dass viele Menschen weniger Rentenpunkte erwerben. Zum anderen sorgen Unterbrechungen in der Erwerbsbiografie – etwa durch Kindererziehung, Pflege von Angehörigen oder Krankheit – für niedrigere Rentenansprüche. Frauen sind hiervon besonders betroffen: 21,6 % der Frauen über 65 Jahre sind armutsgefährdet, gegenüber 17,1 % der Männer. Der sogenannte Gender-Pension-Gap verdeutlicht das Problem: Frauen erhielten 2023 im Schnitt nur 18.663 Euro Jahresrente, Männer hingegen 25.599 Euro – ein Unterschied von über 27 %. 

Als armutsgefährdet gilt, wer weniger als 60 % des mittleren Einkommens zur Verfügung hat. 2024 lag diese Grenze für Alleinlebende bei rund 1.378 Euro netto im Monat. Angesichts steigender Kosten für Miete, Energie und Lebensmittel bedeutet dies, dass Millionen Rentnerinnen und Rentner trotz eines langen Arbeitslebens finanziell am Limit leben. Besonders gefährdet sind Alleinstehende, Langzeitarbeitslose und Menschen mit niedriger Qualifikation. 

Die private Altersvorsorge, die politisch als Ergänzung gefördert wurde – etwa in Form der Riester-Rente –, ist für viele mit geringen Einkommen nicht erreichbar. Wer während des Erwerbslebens kaum über die Runden kommt, hat schlicht keinen Spielraum zum Sparen. Damit verschärft sich die Ungleichheit im Alter weiter. 

Erbschaften: Wohlstand durch Geburt statt durch Arbeit 

Während immer mehr ältere Menschen mit finanzieller Unsicherheit leben, wird auf der anderen Seite so viel Vermögen wie nie zuvor weitergegeben. 121,5 Milliarden Euro betrug das Volumen von Erbschaften und Schenkungen im Jahr 2023 – ein Anstieg um fast 20 % gegenüber dem Vorjahr. Darin enthalten sind 61,2 Milliarden Euro Erbschaften und 60,3 Milliarden Euro Schenkungen, etwa in Form von Immobilien, Unternehmensanteilen oder Geldvermögen. 

Diese enorme Summe verteilt sich allerdings extrem ungleich. Nur etwa 10 % der Bevölkerung erbt überhaupt. Der durchschnittliche Erbwert liegt bei 85.000 Euro – doch dieser Durchschnitt täuscht, weil er durch sehr hohe Einzelbeträge nach oben gezogen wird. Fast die Hälfte aller Erbschaften geht an die reichsten zehn Prozent der Haushalte. 

Das bedeutet: Während viele Menschen gar nichts erben, können einige wenige durch Geburt in eine wohlhabende Familie in kürzester Zeit Immobilien, Unternehmen oder große Kapitalvermögen übernehmen. Wohlstand hängt also immer weniger von Leistung, Ausbildung oder Arbeit ab, sondern zunehmend vom Elternhaus. 

Besonders problematisch ist auch die steuerliche Behandlung. Kleine Erbschaften werden im Durchschnitt mit 12,4 % besteuert, während bei Erbschaften über 20 Millionen Euro die Steuerlast effektiv nur 9,7 % beträgt. Das liegt an großzügigen Ausnahmeregelungen für Betriebsvermögen und Freibeträgen. Dadurch trägt das Erbschaftssystem eher zur Verfestigung bestehender Ungleichheit bei, anstatt diese auszugleichen. 

Gesellschaftliche Folgen: Eine wachsende Kluft 

Die gleichzeitige Zunahme von Altersarmut und Erbschaften verdeutlicht die soziale Spaltung in Deutschland. Für die ältere Generation bedeutet das: Während ein Teil gut abgesichert ist und Vermögen weitergeben kann, kämpfen Millionen mit Altersarmut. Für die jüngere Generation entsteht ein Ungleichgewicht: Manche erhalten einen erheblichen Vermögensvorsprung, andere starten ohne jedes finanzielle Polster ins Berufsleben. 

Dies hat weitreichende Folgen für die Gesellschaft. Die Chancengleichheit sinkt, weil diejenigen, die erben, leichter ein Haus kaufen, eine Firma gründen oder finanziell risikoreicher investieren können. Wer nicht erbt, muss oft verschuldet ins Leben starten. Auch die soziale Mobilität nimmt ab, da Bildung und Arbeit an Bedeutung verlieren, wenn Vermögen zunehmend durch Vererbung statt durch Leistung verteilt wird. Zudem entsteht ein politisches Spannungsfeld: Die Diskussion um gerechtere Verteilung von Renten und Vermögen wird drängender, je weiter die Schere zwischen Arm und Reich auseinandergeht. 

Reformideen und politische Handlungsfelder 

Um Altersarmut und Vermögensungleichheit zu begegnen, gibt es mehrere Reformansätze. Eine Stärkung der gesetzlichen Rente durch die Einbeziehung von Selbstständigen und Beamten in die Rentenkasse könnte die Basis verbreitern. Auch die Einführung einer Mindestrente würde verhindern, dass Menschen trotz jahrzehntelanger Arbeit unter das Existenzminimum fallen. Auf der anderen Seite wird eine Reform der Erbschaftssteuer gefordert, die hohe Vermögen stärker belastet, während kleine Erbschaften verschont bleiben. Manche schlagen zudem ein staatliches Startkapital für alle jungen Erwachsenen vor, um ungleiche Erbchancen auszugleichen.