28.04.2013
Berufsbilder

Alltag frisst Verkündigung auf

Was heißt Pfarrersein im 21. Jahrhundert? Oberkirchenrat Stefan Ark Nitsche geht der Frage auf den Grund.

Wie sieht das Pfarrerbild heute aus?

Nitsche: Das Berufsbild »Pfarrer« ist durch verschiedene Einflüsse unscharf geworden: Die manchmal alles überwuchernde Verwaltungsarbeit bei gleichzeitig gesteigertem Erwartungsdruck; komplexere familiäre Situationen, ein gesunkenes gesellschaftliches Ansehen des Berufs. Dennoch ist »Pfarrer« einer der schönsten Berufe!

Ist die Verwaltung das größte Problem?

Nitsche: Auf jeden Fall eines, das wir angehen müssen, damit das Berufsbild attraktiv bleibt. Wer heute einen Kindergarten leitet, muss teilweise mehrmals monatlich den Personalschlüssel angleichen, damit ihm keine Zuschüsse entgehen - in Diakonie und Schule ist es das gleiche. Ausufernde Verwaltungsanforderungen entstehen häufig durch staatliche Rahmenbedingungen; manches ist hausgemacht durch kirchliche Vorschriften, manches gehört dazu, wenn wir transparent bleiben wollen beim Einsatz der Mittel, die uns anvertraut sind. Das müssen wir sauber unterscheiden und dann Punkt für Punkt Lösungen erarbeiten.

Wie steht es um die Herausforderungen in den Gemeinden?

Nitsche: Pfarrerinnen und Pfarrer sind heute viel stärker eingebunden: Sie müssen ihre Rolle im Zusammenspiel aller kirchlichen Berufsgruppen - Diakone, Organisten, Religionslehrer - finden; sie müssen tragfähige Vorbilder für die Zusammenarbeit mit engagierten und leitenden Ehrenamtlichen finden. Sind Pfarrer und KV wie Vorstand und Aufsichtsrat? Solche Vergleiche taugen nicht für die Gemeindearbeit, sie machen das Vertrauen ineinander eher kaputt.

Was ist an Gemeindeleitung so schwierig?

Nitsche: Schwierig würde ich das nicht nennen, aber anspruchsvoll. In der evangelischen Kirche haben wir zum Glück kein System, in dem man mit »Basta!« eine strittige Frage klären kann. Bei uns kann man nur so leiten, wie gute Leitung eben funktioniert: Das hat mit Handwerk und methodischer Kompetenz zu tun: Argumente austauschen, gemeinsam Schwerpunkte erarbeiten, miteinander auf dem Weg sein, an der gemeinsamen Vertrauensbasis arbeiten, Verantwortung übernehmen.

Welche Erwartungen haben Gemeinden an Pfarrer?

Nitsche: Mir wird das immer klar, wenn ich mit einem Kirchenvorstand und der Dekanin eine Stellenausschreibung erarbeite. Am längsten feilen wir an den »Erwartungen«: Der oder die Gesuchte soll ein erkennbares theologisches Profil haben, soll Ehrenamtliche gewinnen und begleiten können; soll im Team einen Standpunkt haben, aber auch offen sein für andere Positionen; soll auf Menschen zugehen können; soll Erfahrung haben mit der Leitung komplexer Systeme. Manchmal entsteht der Eindruck: Gesucht wird ein Manager mit theologischer Zusatzausbildung. Da haben sich die Gewichte verschoben, das wird dem Beruf des Pfarrers nicht mehr gerecht. Die Kernkompetenz dieses Berufs ist schließlich die theologische. Das kommt oft nicht mehr genug zum Tragen, weil erst so viele Dinge vorher erledigt werden müssen. Alltag fressen Verkündigung auf, könnte man sagen. Wobei ja auch in alltäglichen Begegnungen Verkündigung stattfinden kann - wenn Luft dafür ist und der Pfarrer nicht in Gedanken schon wieder beim nächsten Termin sein muss.

Welche Erwartungen haben Sie selbst als Gemeindemitglied an einen Pfarrer?

Nitsche: Es soll ein Mensch mit einem eigenen Glaubensleben sein, der sich auf die Herausforderungen der Zeit und auf das Leben mit seiner Gemeinde einlässt. Es soll ein Mensch sein, der seinen Teil dazu beiträgt, dass ich Gott begegnen kann und dass Gemeinschaft möglich wird. Wenn wir in der Ordination als Kirche »Ja!« sagen zu unseren Pfarrerinnen und Pfarrern, entsteht daraus die Verantwortung, ihnen den Rücken zu frei zu halten für das, was sie in der Ordination versprochen haben.

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