27.06.2018
Islam

Die liberale Imamin Seyran Ateș über Kopftuch und Kreuz, Söder und die Männer der Islamkonferenz

Jahrelang wartete Seyran Ateș auf eine liberale Moscheegemeinde in Deutschland. Am Ende gründete sie selbst vor einem Jahr eine solche. Harald Krille sprach mit der Frau, die dem Islam ein anderes Gesicht geben möchte.
Die liberale Muslimin und Imamin Seyran Ateș - Berlin.
»Die Kirchen leben teilweise in einer Illusion«: Seyran Ateș.

 

Die Gründung der liberalen Ibn-Rushd-Goethe-Moschee im vergangenen Jahr in Berlin hat ein enormes mediales Echo ausgelöst. Wie sind die Reaktionen Ihrer muslimischen Glaubensgenossen auf Ihre Initiative?

Ateș: Die sind positiv und negativ. Es gibt viele Menschen, die lange Zeit auf so etwas gewartet haben. Die sind unglaublich glücklich. Das ist auch der Grund, warum wir heute immer noch existieren und am 15. Juni dieses Jahres dann schon ein Jahr bestehen. Sonst wären wir schon längst weg. Wir haben viele Unterstützer, die uns auch finanziell unterstützen. Wir leben ja von Spenden.

 

Und die andere Seite?

Ateș: Da gibt es eben Muslime, die sagen, das geht gar nicht, bringt all diese Leute um und tötet diese Frau. Deshalb lebe ich unter Personenschutz. Und natürlich gibt es dazwischen welche, die sagen, Religion ist für mich schon lange nicht mehr wichtig, und die fanatischen Muslime spinnen sowieso. Ich lebe hier in Ruhe meine Spiritualität. Diese schweigende Mehrheit steht uns eher positiv gegenüber.

 

»Kopftuch und Kreuz nicht vergleichen«

 

Gibt es außerhalb Ihrer Initiative in Deutschland oder in Europa ähnliche Bestrebungen, ähnliche Moscheen?

Ateș: Es gibt weltweit Beispiele für Privatpersonen und Moscheegemeinden, die das, was wir machen, auch praktizieren: die historisch-kritische Auslegung des Koran. Und die dann auch ihren Glauben und ihr Leben danach ausrichten. In Deutschland sind im Liberal-Islamischen Bund und im Muslimischen Forum Muslime organisiert, die für einen anderen Islam stehen. Außerhalb Deutschlands gibt es sie in Dänemark, in England, in Südafrika, in Australien, in Indien. Es gibt weltweit Menschen, die in dieser Richtung aktiv sind. Diese waren für mich auch teilweise Vorbild. In Deutschland selbst gibt es bisher noch keine vergleichbare Moschee zu der unseren. Wir haben uns ja bewusst als Moschee gegründet, als Ort der Religionsausübung, und nicht als Forum oder Verein. Wir sind in Deutschland die Ersten. Irgendjemand muss immer den ersten Schritt machen.

 

Was wünschen Sie sich von der Politik in Deutschland?

Ateș: Da kritisiere ich sehr stark die Politik und insbesondere die CDU, die ja bisher immer den Innenminister gestellt und dadurch auch bestimmt hat, was mit der deutschen Islamkonferenz passiert. Mein Wunsch ist, dass die Politik sieht, dass der Islam sehr viel globaler ist als das, was die muslimischen Verbände ihnen seit Jahrzehnten erzählen und was die Politiker so gerne auch hören, weil es für sie so einfach ist. Der Eindruck entsteht, dass da eine Handvoll konservativer Männer gemeinsam mit den Kirchen in der Islamkonferenz ausdealen, wie der Islam in Deutschland sich gestaltet. Aber das ist ein großer Fehler, denn die dort vertretenen muslimischen Verbände repräsentieren nicht die Breite des Islam und auch nicht die Mehrheit der Muslime in Deutschland. Sie sind zum Teil sogar nur der verlängerte Arm ausländischer Interessen.

 

Stichwort Kirchen: Was würden Sie denen gern ins Stammbuch schreiben?

Ateș: Die Kirchen leben teilweise in einer Illusion. Sie selbst haben im Zuge der Säkularisierung gelernt, als Kirche in demokratischen Strukturen zu leben und zu arbeiten. Aber sie nehmen nicht wahr, dass hier, teilweise sogar mit ihrer Unterstützung, ein Islam Verbreitung findet, der die Einführung der Scharia will, also die religiöse Macht über die weltliche Macht stellen möchte. Und da finde ich, dass die Kirchen teilweise auf einem falschen Weg sind. Zum Beispiel wenn es um das Thema Kopftuch geht. Da sind sie sehr schnell bereit, das mit dem Kreuz zu vergleichen und für vermeintliche Religionsfreiheit einzutreten. Das enttäuscht mich sehr. Denn gerade die Kirchen sollten das doch theologisch besser wissen. Sie sollten doch sehr viel selbstbewusster sein und nicht zulassen, dass das Kreuz mit dem Kopftuch verglichen wird. Denn das eine ist das religiöse Symbol für die gesamte christliche Gemeinschaft, das andere ist eine Kleiderordnung für die Frau, welches ein sehr konservatives Rollenverständnis ausdrückt. Die Kleiderordnung ist letztlich ein bestimmtes politisches Bekenntnis.

 

Da stellt sich natürlich die Frage, was Sie zum Kreuzerlass des bayerischen Ministerpräsidenten sagen?

Ateș: Ich habe noch nicht mit Herrn Söder persönlich gesprochen, aber ich denke, er will Folgendes ausdrücken: Ständig ziehen wir uns als Christen zurück, jetzt machen wir es mal umgekehrt. Natürlich stehen da politische Interessen dahinter, und Religion sollte sich nicht mit Politik mischen. Aber dann muss man sich auch die Motive der Menschen anschauen, die das Kopftuch politisieren. Dann wird ein Schuh draus. Und das passiert nicht. Deshalb ist es für mich auch kein Wunder, dass es in Deutschland die AfD gibt. Sie hat viele falsche Antworten, aber sie stellt an vielen Stellen die richtigen Fragen.

 

Die liberale Muslimin und Imamin Seyran Ateș - Berlin.
»Für mich ist es kein Wunder, dass es in Deutschland die AfD gibt. Sie hat viele falsche Antworten, aber sie stellt an vielen Stellen die richtigen Fragen«: die Berliner liberale Muslimin und Imamin Seyran Ateș.

ZUR PERSON

SEYRAN ATEȘ wurde 1963 in Istanbul geboren. Sie lebt und arbeitet als Rechtsanwältin, Autorin und Frauenrechtlerin in Berlin. Wegen ihrer offensiven Kritik am fundamentalistischen Islam und ihres Eintretens für Frauenrechte wurde sie immer wieder bedroht und steht unter permanentem Personenschutz. 2017 gründete Ateș gemeinsam mit Mitstreitern die liberale Ibn-Rushd-Goethe-Moschee, in der sie selbst als Imamin fungiert. Die Moschee ist derzeit in einem Nebengebäude der evangelischen Kirche St. Johannis untergebracht.

ShareFacebookTwitterGoogle+Share

Weitere Artikel zum Thema:

Islam & Christentum

Stefan Ark Nitsche und Abdel-Hakim Ourghi im Gespräch
Der christlich-islamische Dialog steckt vielerorts in der Sackgasse, weil die Kirchen zu sehr auf die konservativen islamischen Dach­verbände gesetzt haben. Der Freiburger Islamwissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi steht für einen Islam, der mit den westlichen Werten und dem Grundgesetz vereinbar ist. Er traf im Redaktionsgespräch des Evangelischen Presseverbands mit dem Nürnberger Regionalbischof Professor Stefan Ark Nitsche zusammen.

Islam

Abdel-Hakim Ourghi vor der Tür der Dar-as-Salam-Mosche in Berlin-Neukölln mit einem Plakat seiner 40 Thesen zu einer Reform des Islam.
Nur ein aufgeklärter, humanistischer Islam passt zur westlichen Welt, ist Abdel-Hakim Ourghi überzeugt. In seinem neuen Buch "Reform des Islam. 40 Thesen" fordert der Freiburger Islamwissenschaftler eine Rundumerneuerung des Islam: Vom Koran bis zum Kopftuch greift er fast alle islamischen Tabus an, die es gibt. Am vergangenen Wochenende stellte er das Buch in Berlin vor. Und schlug seine Thesen an eine der Muslimbruderschaft nahestehende Moschee.
Sonntagsblatt