12.10.2017
Islam

Abdel-Hakim Ourghi: Ein Luther des Islam?

Nur ein aufgeklärter, humanistischer Islam passt zur westlichen Welt, ist Abdel-Hakim Ourghi überzeugt. In seinem neuen Buch »Reform des Islam. 40 Thesen« fordert der Freiburger Islamwissenschaftler eine Rundumerneuerung des Islam: Vom Koran bis zum Kopftuch greift er fast alle islamischen Tabus an, die es gibt. Am vergangenen Wochenende stellte er das Buch in Berlin vor. Und schlug seine Thesen an eine der Muslimbruderschaft nahestehende Moschee.
Abdel-Hakim Ourghi vor der Tür der Dar-as-Salam-Mosche in Berlin-Neukölln mit einem Plakat seiner 40 Thesen zu einer Reform des Islam.
Abdel-Hakim Ourghi vor der Tür der Dar-as-Salam-Mosche in Berlin-Neukölln mit einem Plakat seiner 40 Thesen zu einer Reform des Islam.

 

Imam Mohamed Taha Sabri ist ein freundlicher bärtiger Mann. Ein Streifenwagen und ein wartendes Kamerateam vor der Moscheetür – irgendwie ist die Information von dem Thesenanschlag, der da geplant ist, zu ihm gedrungen. Als der Freiburger Islamwissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi am frühen Samstagmorgen vor der Berliner Dar-as-Salam-Moschee auftaucht, ist deren Imam jedenfalls vorbereitet. Das Eisentor zum Gelände klemmt. Als Ourghi sich anschickt, über den Zaun der vom Verfassungsschutz beobachteten Moschee zu klettern, öffnet Imam Sabri ihm und den Journalisten, die ihn begleiten. Und er lässt Ourghi seine »40 Thesen« an die Moscheetür heften. (Facebook-Live-Video)

Sabri bleibt freundlich gegenüber den ungebetenen Gästen, nicht nur während die Kameras laufen. So, dass die Mikrofone und Journalisten es mitbekommen, sagt er aber auch, dass es sich bei all dem doch nur um einen PR-Gag handle. Ourghi gehe es allein darum, sein soeben erschienenes Buch zu verkaufen.

 

Islamreformer Abdel-Hakim Ourghi vor dem Tor der Berliner Dar-as-Salam-Moschee (Neuköllner Begegnungsstätte)
Islamreformer Abdel-Hakim Ourghi im Oktober 2017 vor dem Tor der Berliner Dar-as-Salam-Moschee (Neuköllner Begegnungsstätte), in der Hand seine 40 Thesen, die er an der Moscheetür anbringen will.

 

Dann lädt er den Autor, der am Vortag vor Journalisten sein neues Buch präsentiert hat, zum Gebet in der Moschee ein. Ourghi nimmt an und betet – allein vor der Gebetsnische – zwei »Raka’a« (Gebetseinheiten). Nach einer kurzen, durchaus etwas schärferen Diskussion nimmt Ourghi schließlich auch die Einladung des Imams an, seine 40 Thesen bei einer Veranstaltung in der Moschee zu diskutieren. Ourghi sagt, er sei »grenzenlos überrascht und dankbar« für die Gesprächsbereitschaft: »Wir müssen einfach miteinander reden, das ist das Allerwichtigste.« Aber er hat es eilig, wieder wegzukommen. Trotz des freundlichen Imams Sabri hat Ourghi Angst. In der Nacht vor der Aktion habe er kein Auge zugetan, sagt er.

Islamwissenschaftler Ourghi: Gewalt hat etwas mit Islam zu tun

Das Islamverständnis derer, die Ourghi fürchtet, vielleicht tatsächlich fürchten muss, gehört zu dem, was den 49-jährigen gebürtigen Algerier bewegt hat, seine Reformthesen zu formulieren. Seit 2011 ist Abdel-Hakim Ourghi Leiter des Fachbereichs Islamische Theologie an der Pädagogischen Hochschule in Freiburg. Das Mantra »Der Terror hat keine Religion« ist für ihn frommes Wunschdenken. »Es stimmt nicht, dass islamistische Gewalt nichts mit dem Islam zu tun hat«, sagt er. »Islamisten haben eine religiöse Sozialisation hinter sich und finden ihre Antworten auch in Moscheen, die sich moderat geben.« Oft predigten aus der Türkei importierte Imame oder selbst ernannte arabische Imame dasselbe wie Salafisten – nämlich einen Islam, der keine Kritik dulde und die Muslime von der »ungläubigen Umwelt« fernhalten wolle.

Die Moderne, die technologische wie zivilisatorische Überlegenheit der freiheitlichen Gesellschaften des Westens haben den Islam in eine Sinnkrise und die Muslime in eine Zerreißprobe gestürzt, ist die Diagnose, die Ourghi und andere liberale Muslime stellen. Der konservative Mehrheitsislam – unfähig zur Selbstkritik und Reflexion des Gewaltpotenzials, das in der eigenen Religion steckt – reagiere in den westlichen Gesellschaften mit Abschottung und Abkapselung von der Mehrheitsgesellschaft und ihren Werten.

 

Muslimischer Beter vor Moschee (Symbolbild)
Ist der Islam zu reformieren? Der deutsch-algerische Islamwissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi ist überzeugt: »Der Islam ist keine Religion des Friedens, er muss erst dazu werden«.

 

Ourghi ist daher überzeugt: »Nur ein reformierter Islam gehört zu Deutschland.« Alles andere sei gefährlicher Unsinn. Es brauche eine ehrliche Debatte über aus dem Koran begründete Gewalt, die Unterdrückung von Frauen oder die Ausgrenzung und Verfolgung Andersdenkender im Namen der Religion: »Wir müssen auch über die dunklen Seiten des Islam reden.« Für Ourghi ist der Islam nicht die »Religion des Friedens«, wie oft behauptet wird – er muss erst zu einer solchen gemacht werden. Dafür sei es nötig, dass die Muslime die Quellen ihres Glaubens infrage stellen. Denn: »Die Auslegung bestimmter Suren kann über Frieden und Krieg, Leben und Tod entscheiden.«

Vom Buchstabenglauben müsse der Islam sich daher verabschieden, fordert Ourghi. Ein Tabubruch für konservative Muslime. Wer am Wortlaut des Korans rüttelt, Teile von ihm ablehnt oder gar als Menschenwerk betrachtet, gilt vielen von ihnen als Häretiker. Nötig sei aber genau das: eine historisch-kritische Interpretation des Korans und der bewusste Abschied von bestimmten Koransuren mit Gewaltbegründungen wie in den sogenannten Schwertversen oder in Koranpassagen, die Juden, Christen und Frauen abwerten.

Ourghi: Reform des Islam im Koran angelegt

Die Reform des Islam ist für Ourghi allerdings schon im Koran selbst angelegt. Der Islamwissenschaftler unterscheidet zwischen dem »humanistisch-ethischen Koran« und dem »politisch-juristischen Koran«. Der erste ist ewig gültig, weil er universell sinnstiftende Lehren beinhaltet. Dies gilt nicht für den »politisch-juristischen Koran«, den Islamisten und Salafisten gerne betonen, der aber nach Ansicht von Ourghi für die heutige Zeit keine Relevanz mehr hat und nur aus seinem Entstehungskontext verstanden werden kann.

 

Abdel-Hakim Ourghi (Mitte) in der Diskussion mit Islamkritiker Hamed Abdel-Samed und Moderatorin Shelly Kupferberg bei der Präsentation seines Buchs »Reform des Islam« in der Berliner Bundespressekonferenz.
Abdel-Hakim Ourghi (Mitte) in der Diskussion mit Islamkritiker Hamed Abdel-Samed und Moderatorin Shelly Kupferberg bei der Präsentation seines Buchs »Reform des Islam« in der Berliner Bundespressekonferenz.

 

Der Koran entstand über einen Zeitraum von knapp 20 Jahren. Mohammed war in dieser Zeit nicht nur Verkünder einer religiösen Botschaft, sondern auch politischer Führer und Feldherr, der ziemlich effektiv die Macht des Wortes mit der Gewalt des Schwertes vereinte. Ourghis Meinung zufolge ist auf der Grundlage dieses historischen Befunds nur der in Mekka offenbarte »humanistisch-ethische Koran« (610-622) mit seinen universellen, friedlichen Lehren zeitlos. Er ist zudem Judentum und Christentum eng verbunden. Der ab 622 bis 632 in Medina offenbarte, stärker »politische« Korantext wie auch Mohammed als Staatsmann seien dagegen kritisch zu betrachten und revisionsbedürftig.

Auch die »Sunna« lehnt Ourghi als Wahrheitsquelle ab. Die Überlieferung der Aussprüche des Propheten gilt bei den meisten Muslimen als zweite kanonische Quelle. Sie entstand erst zwei Jahrhunderte nach dem Tod des Propheten. Für Ourghi ist sie deshalb eine »nachträgliche historische Erfindung von Menschen, die ihre politische Macht und religiöse Existenz legitimieren wollen«.

Konservativer Islam lehnt Reformen ab

Als Hauptgegner seiner Reformationsvorschläge macht Ourghi die Vertreter des konservativen Islam aus. Seit Jahrhunderten diktierten Theologen und Rechtsgelehrte des konservativen Islams den Muslimen, wie sie ihr Leben zu führen haben, und drohten mit dem Höllenfeuer, wenn sie sich nicht an die Gebote und Verbote der koranischen Weisung halten.

»Der Islam der Unterwerfung, der fehlenden Kritikfähigkeit gehört jedenfalls weder zu Deutschland noch zu Europa«, ist Ourghis Überzeugung. »Immanuel Kant hat vor mehr als 200 Jahren dazu aufgefordert, den eigenen Verstand ohne fremde Anleitung zu benützen. Genau dies sollten wir Muslime auch in Bezug auf den Islam tun.«

 

Der Freiburger Islamwissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi (rechts) in der Diskussion mit dem Imam der vom Berliner Verfassungsschutz beobachteten Dar-as-Salam-Moschee in Neukölln, Mohamed Taha Sabri.
Der Freiburger Islamwissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi (rechts) in der Diskussion mit dem Imam der vom Berliner Verfassungsschutz beobachteten Dar-as-Salam-Moschee in Neukölln, Mohamed Taha Sabri.

Ourghi an der Berliner Dar-as-Salam-Moschee

Als der Freiburger Hochschullehrer die Berliner Dar-as-Salam-Moschee verlassen hat, sagt der freundliche Imam Sabri, er könne Ourghi als Islamgelehrten nicht ernst nehmen. Er sieht vielmehr sich selbst und seine Moschee in der Opferrolle. Auch er habe Angst: Er sei schon von radikalen Glaubensbrüdern verprügelt worden.

Seine Moschee ist auch als »Neuköllner Begegnungsstätte« bekannt. Regelmäßig finden hier öffentliche Podiumsdiskussionen statt. Örtliche Politiker ließen sich hier in der Vergangenheit gerne sehen. Für seine Integrationsarbeit hat Imam Sabri vom Regierenden Bürgermeister Michael Müller 2015 den Verdienstorden des Landes Berlin erhalten.

Um so peinlicher war es, als im Juli Sabri und seine Moschee im neuesten Berliner Verfassungsschutzbericht auftauchten. Für die Verfassungsschützer ist die Moschee, in der in den letzten Jahren immer wieder auch radikale Prediger aufgetreten sind, ein Verbindungsglied zur Muslimbruderschaft. Ziel der panarabischen Bewegung ist ein islamischer Staat. Unter anderem ist aus ihr die Terrororganisation Hamas hervorgegangen. Ihre deutsche Filiale heißt IGD (Islamische Gemeinschaft in Deutschland). Die »Neuköllner Begegnungsstätte« hat ihre Moschee für wenig Geld von einer IGD-nahen Organisation gemietet, wie Recherchen des Fernsehsenders rbb ergaben.

 

Diskussion nach dem Thesenanschlag Abdel-Hakim Ourghis im Inneren der vom Verfassungsschutz beobachteten Dar-as-Salam-Moschee (»Neuköllner Begegnungsstätte«): Imam Mohamed Taha Sabri lädt Ourghi ein, seine Thesen bei einer Veranstaltung in der Moschee zu diskutieren.
Diskussion nach dem Thesenanschlag Abdel-Hakim Ourghis im Inneren der vom Verfassungsschutz beobachteten Dar-as-Salam-Moschee (»Neuköllner Begegnungsstätte«): Imam Mohamed Taha Sabri lädt Ourghi ein, seine Thesen bei einer Veranstaltung in der Moschee zu diskutieren.

Moschee in Neukölln

Wenige Meter entfernt von der Dar-as-Salam-Moschee schläft an diesem Samstagmorgen ein Obdachloser in einer Fotokabine. Eine Neuköllner Straßenkreuzung mit Halal-Supermärkten, türkischen Elektrohändlern und arabischen Restaurants. Dazwischen die Kneipe »Gießkanne«. In ihren Fenstern trauern Plastikblumen vor rauchvergilbten Stores früheren Tagen hinterher.

Direkt gegenüber der Moschee wirbt die ganz in Schwarz gehaltene »Islamische Boutique Hoor Al-Ayn« (Paradiesjungfrauen) mit arabisierten goldenen Buchstaben für »Gebetskleidung«. Traditionell-islamische Frauenkleidung wie »Abaya, Jilbab, Khimar« gibt es auch. »Hoor Al-Ayn« hat zudem einen schicken Online-Store. Dort gibt es für fünf Euro Schahada-Stirnbänder, die mit dem arabischen Glaubensbekenntnis des Islam bestickt sind. Kämpfer in Syrien oder palästinensische Selbstmord­attentäter tragen derlei Stirnbänder.

Der Burger-Brater direkt nebenan könnte dagegen auch in Berlin-Mitte stehen, wo die »elitären Hipster« (CDU-Politiker Jens Spahn) der Hauptstadt leben und Englisch sprechen. Außen am »Musty Burger«-Lokal hängt ein »fritz-kola«-Schild. Auf die Burger kommt kein Speck vom Schwein, sondern »Beef Bacon«.

Ein ganz anderes Gesicht als in Neukölln zeigt Berlin im Regierungsviertel, wo Abdel-Hakim Ourghi am Vortag vor Presseleuten sein Buch vorstellt. Der Saal im Gebäude der Bundespressekonferenz am Schiffbauerdamm ist rappelvoll. Durch die Fenster ist die Kuppel des Reichstags am anderen Spreeufer zu sehen. Moderiert von der jüdischen Rundfunk-Journalistin Shelly Kupferberg diskutiert Ourghi mit dem prominenten Islamkritiker Hamed Abdel-Samad seine Thesen und die Frage, ob der Islam überhaupt theologisch reformierbar sei.

 

Eingang D, 3. Stock: In der evangelischen Johanniskirche in Moabit hat im Sommer die neue liberale Ibn Rushd–Goethe Moschee Obdach gefunden. Islamreformer Ourghi war einer der Mitbegründer. Imamin ist die Frauenrechtlerin Seyran Ates. Sie braucht nach Todesdrohungen Personenschutz.

Podiumsdiskussion mit Abdel-Samad und Seyran Ates

Der Deutsch-Ägypter Abdel-Samad zweifelt daran. Initiativen von Reformmuslimen wie dem Münsteraner Islamwissenschaftler Mouhanad Korchide oder Abdel-Hakim Ourghi findet er trotzdem gut. Wenn überhaupt müssten die Impulse für einen aufgeklärten Islam aus der Freiheit des Westens kommen, sagt Abdel-Samad. »Es ist aber sehr traurig, dass viele Muslime auf die Gedanken der Reformer entweder mit Drohungen, Beleidigung oder Verschwörungstheorien reagieren.«

Auch Seyran Ates ist gekommen. Gemeinsam mit der Berliner Anwältin, Frauenrechtlerin und Autorin hat Ourghi im Juni die liberale Ibn Rushd-Goethe Moschee gegründet. Seyran Ates ist dort als Imamin tätig. Weil sich Ourghi im Bahnchaos verspätet, das der Sturm »Xavier« angerichtet hat, springt sie anfangs auf dem Podium ein. Und unterstreicht dort das humanistische Anliegen der Islamreformer: »Keine Religion darf über den Menschenrechten stehen.«

Ourghi, Abdel-Samad, Seyran Ates – sie alle beklagen, dass Bundesregierung, Politik, Kirchen und der Mainstream der Gesellschaft bei den Muslimen auf die nach ihrer Ansicht falschen Partner setzen. Islamverbände wie Ditib oder der Zentralrat der Muslime in Deutschland stünden für einen konservativen Islam.

 

Abendgebet in der Berliner »Ibn Rushd-Goethe«-Moschee. Christian Christian Awhan Hermann - hier im Gespräch mit jungen Besuchern und Moscheemitgliedern - ist homosexuell und Ende August zum Islam konvertiert. Die Moschee befindet sich in Räumen der evangelischen Johanniskirche Moabit.
Abendgebet in der Berliner »Ibn Rushd-Goethe«-Moschee. Christian Christian Awhan Hermann - hier im Gespräch mit jungen Besuchern und Moscheemitgliedern - ist homosexuell und Ende August zum Islam konvertiert. Die Moschee befindet sich in Räumen der evangelischen Johanniskirche Moabit.

 

Man mache einen Fehler, wenn man versuche, das Staat-Kirche-Verhältnis auf den Islam zu übertragen. »Verbände wie Ditib sind keine Glaubensgemeinschaften, sondern Kulturvereine«, sagt Ourghi. Sie folgten einer nationalen, ethnischen und politischen Agenda und seien meist aus dem Ausland gesteuert. »Der Staat braucht muslimische Ansprechpartner. Aber dabei kommt es nicht auf die Zahl der Menschen an, sondern auf die Werte, die jemand vertritt«, betont der Islamwissenschaftler.

Es gebe bei manchen in der Kirche die falsche Dankbarkeit, dass der wachsende Einfluss der Muslime »die Religion« zurück in den öffentlichen Diskurs geholt habe, sagt Ourghi später. »Als ob Gott in Europa ohne den Islam verloren wäre!« Vielleicht erhoffen sich manche Kirchenvertreter so im Stillen auch eine Stabilisierung des bisherigen Staat-Kirche-Verhältnisses (also der Kirchensteuer).

Evangelische St. Johanniskirche in Moabit

Die evangelische St. Johanniskirche in Moabit ist ein imposanter Backsteinbau. Über »Eingang D« hinten rechts an der Kirche geht es nicht nur zum Konfirmanden- und zum Jugendraum, sondern auch zur mit weichem weißen Teppich ausgelegten Ibn Rushd-Goethe Moschee im dritten Stock.

Unten in der Kirche ist gerade Kindergottesdienstnacht mit Kirchenübernachtung zum Erntedankfest. Mit den neuen Nachbarn in der Kirche komme man gut aus, sagt ­Teamerin Agnes, nur am Anfang sei die Kommunikation nicht ganz optimal gewesen. Die Sache mit dem Personenschutz für Frau Ates – also, das habe doch viele Eltern des evangelischen Kindergartens verunsichert. Die Angst vor einem Anschlag ist unangenehm nahe gerückt.

 

Unten in der Kirche ist Kindergottesdienst mit Kirchenübernachtung zum Erntedankfest, oben in der »Ibn Rushd-Goethe«-Moschee ruft eine Vorbeterin zum Abendgebet.

Ourghi präsentiert Buch mit 40 Thesen

Am Abend nach dem »Thesenanschlag« stellt Abdel-Hakim Ourghi in einem Gemeinderaum der Moschee sein Buch vor – vor deutlich weniger Menschen als am Vortag. Den ganzen Tag hat er Predigten in der Moschee gehalten, drei Hochzeiten gab es, zwei von ihnen interreligiös. Dann ruft eine Vorbeterin mit blondem Haar, schwarzem Kopftuch und wunderschöner Stimme zum Abendgebet.

Rund ein Drittel der Mitglieder und Beter in der Ibn Rushd-Goethe Moschee seien Konvertiten, zwei Drittel »originale« Muslime – Sunniten, Schiiten oder Aleviten –, sagt Seyran Ates. Die Moschee ist offen für alle – auch für Homosexuelle wie Christian Awhan Hermann, der Ende August konvertiert ist. Seine Geschichte, die er gerne erzählt, geht derzeit durch die Berliner Medien.

Ourghi ist vom hohen Konvertiten-Anteil der Moschee weniger begeistert, als man denken könnte. Er würde lieber stärker in die traditionellen muslimischen Gemeinschaften hinein wirken. Vielleicht hält sich seine Begeisterung auch deswegen in Grenzen, weil sich – wie in anderen Konfessionen auch – Konvertiten oft etwas schwertun mit der Toleranz in Glaubensfragen, die dem Freiburger Religionspädagogen und Islamwissenschaftler so am Herzen liegen. Konvertiten haben ja ihre neue »wahre Wahrheit« gerade erst gefunden.

Für eine Reform des Islam setzt Ourghi besonders auf die Musliminnen. Der traditionelle Islam habe die Frauen nicht zu freien Menschen gemacht, sondern zu Sklavinnen: »Viele Frauen tragen das Kopftuch, weil sie von ihren Männern, Familien oder Moscheeverbänden unter Druck gesetzt werden. Die Frauen des Islam müssen sich erheben, ihre Freiheit beanspruchen und leben, denn ihre Peiniger werden sie nicht befreien«, sagt Ourghi. Das Kopftuch sei »keine religiöse Vorschrift, sondern ein historisches Produkt der männlichen Herrschaft«. Und »nicht der Koran, sondern die männliche Herrschaft des konservativen Islam verbietet den Frauen, als Imaminnen tätig zu sein«.

 

Auch im Gemeindesaal der »Ibn Rushd-Goethe«-Moschee stellt Abdel-Hakim Ourghi seine 40 Thesen zu einem friedfertigen, humanistischen Islam vor
Auch im Gemeindesaal der »Ibn Rushd-Goethe«-Moschee stellt Abdel-Hakim Ourghi seine 40 Thesen zu einem friedfertigen, humanistischen Islam vor.

 

Weil die islamischen Gelehrten wissen, dass sie durch eine Reform des Islam entmachtet werden, scheuten sie nicht davor, aufgeklärte Muslime durch Rechtsgutachten und den Vorwurf der Islamophobie zum Schweigen zu bringen, so Ourghi. Er weiß, wovon er spricht. Direkt nach der Gründung der Moschee wandte sich die Fatwa-Behörde in Ägypten und die türkische Religionsbehörde Diyanet in Rechtsgutachten gegen die liberale Neugründung und kritisierte unter anderem, dass Frauen und Männer in einem Raum beten. Manche verstehen eine solche Fatwa als Lizenz zum Töten.

»Niemand hat das Recht, andere zu Ungläubigen zu erklären«, schreibt Ourghi. Aber seine Angst beim »Thesenanschlag« ist begründet. Hamed Abdel-Samad und Seyran Ates werden massiv bedroht. Sie können sich in der Öffentlichkeit nicht mehr frei bewegen. Wo immer sie sind, immer sind auch mehrere Personenschützer dabei.

Es ist ein Skandal: In einem Land, das zu Recht stolz auf sein Grundgesetz ist, müssen Menschen, die ihr Recht auf freie Meinungsäußerung ausüben, für die Freiheit und die Menschenrechte eintreten, eben deswegen um ihr Leben fürchten. Mit dem eigenen Verlust an Freiheit bezahlen sie einen hohen Preis – jeden Tag. »Je mehr mich die Leute bedrohen, umso größer meine Zuversicht«: Das Luther-Zitat, das Abdel-Hakim Ourghi seinem Buch vorangestellt hat, klingt auch ein wenig wie mutmachendes Pfeifen im Wald.

These: Gott hat den Menschen befreit

»Gott hat den Menschen zur Freiheit befreit«, diese Ourghi-These klingt fast wörtlich wie das, was Paulus in Galater 5,1 schreibt. Der gebürtige Algerier verfolgt nicht nur die islamisch-theologischen Diskurse in der arabischen und französischsprachigen Welt, er greift auch begeistert Gedanken der evangelischen Theologie auf. Beonders Gerhard Ebeling (1912-2001) habe ihn inspiriert, sagt er.

 

Schild an der evangelischen St. Johanniskirche am Tiergarten in Berlin-Moabit
Die Erben der Reformation beherbergen die Moschee der Reformmuslime: In der evangelischen Johanniskirche in Moabit hat im Sommer die neue liberale Ibn Rushd–Goethe Moschee Obdach gefunden. Islamreformer Ourghi war einer der Mitbegründer. Imamin ist die Frauenrechtlerin Seyran Ates.

 

Gott sei kein strafender Tyrann, »er ist die Liebe, gnädig und barmherzig«, sagt Ourghi, er warte sehnsüchtig auf die Menschen. Jeder Gläubige könne den Koran selbst lesen, verstehen und interpretieren, um zu Gott zu kommen: »Es gibt im Islam keine vermittelnde Instanz zwischen Gott und den Menschen, und eine solche ist auch nicht nötig.«

Das klingt zwar fast wie das lutherische »Priestertum aller Getauften«, aber ein »Luther des Islam« will Ourghi nicht sein. Er habe Respekt vor Luthers Werk als Reformer, und er wünscht sich auch selbst eine Reform des Islam. Doch der historische Kontext steht gewissermaßen auf dem Kopf: Wo Luther im Kampf gegen die Macht der Kirche eine Rückkehr zu den Wurzeln propagierte, ist eben dies im Islam hoch problematisch: Die ultrakonservativen Salafisten streben ja die Rückbesinnung auf die »Altvorderen« (arabisch Salaf = Vorfahre, Vorgänger) an. Jede Reformation und Anpassung an die Moderne ist für sie nichts anderes als Deformation und Degenerierung.

Warum gerade 40 Thesen? Die 40 sei eine symbolisch aufgeladene Zahl, sagt Ourghi. In Judentum, Christentum und Islam steht sie für Prüfung und Bewährung. 40 Jahre dauert die Wüstenwanderung Israels, 40 Tage ist Mose auf dem Sinai. 40 Tage lang fastet Jesus in der Wüste, 40 Tage lang lehrt der auferstandene Christus die Jünger vor der Himmelfahrt. Als Mohammed 40 Jahre alt ist, erscheint ihm der Erzengel Gabriel und er empfängt die Offenbarung. Die 40 gilt im Islam daher als das Alter religiöser Mündigkeit.

Kritik von Pfarrer Martin Gerber

Keine Drohung, aber scharfe Kritik schlägt Ourghi anderntags von evangelischen Theologen entgegen.

Pfarrer Martin Germer von der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche kritisiert Ourghis »Thesenanschlag«  in einem »Offenen Brief« als »reine Publicity-Aktion« und »provokativ angelegte Selbstinszenierung«. Gäbe es eine ähnliche Aktion an seiner Kirche, würde er das Hausrecht geltend machen, schreibt Germer. Weitere Kirchenvertreter fordern Ourghi öffentlich zum Dialog mit der Moscheegemeinde auf oder bestreiten, dass man Parallelen zwischen den »Thesenanschlägen« Ourghis und Luthers ziehen könne.

 

Der Freiburger Islamwissenschaftler und Religionspädagoge Abdel-Hakim Ourghi beim Gebet in der Berliner Dar-as-Salam-Moschee (Neuköllner Begegnungsstätte).
Der Freiburger Islamwissenschaftler und Religionspädagoge Abdel-Hakim Ourghi beim Gebet in der Berliner Dar-as-Salam-Moschee (Neuköllner Begegnungsstätte).

 

Ourghi wundert sich auf Facebook über die evangelischen Interventionen: »Über ein gemeinsames Abendmahl zwischen Protestanten und Katholiken würde ich mich als Muslim niemals äußern. Das geht mich überhaupt nichts an«, schrieb er. Die Muslime bräuchten keine Priester und Pfarrer als Anwälte. »Pfarrer Germer sollte lieber dafür sorgen, dass seine Schäfchen in der Kirche bleiben.« Manche Nachkommen der deutschen Aufklärung erwiesen sich geradezu als Gegner der Aufklärung der Muslime, schreibt der Islamwissenschaftler.

Auch Abdel-Samad hat festgestellt, dass das Interesse an einer grundlegenden Reform des Islam in der islamischen Welt größer ist als in Deutschland. »Freiheit insgesamt ist nicht so sexy, wie man denkt. Freiheit hat einen hohen Preis«, sagt er bei der Buchvorstellung. Die Angst vor Uneindeutigkeit sei gestiegen, der Kurs einfacher Antworten auch. Es seien heute ungünstige Zeiten für muslimische Aufklärer und Reformer: »Martin Luther hatte bei seiner Reformation das Glück, dass einige Fürsten ihn unterstützten und schützten«, sagt Abdel-Samad. »Eigentlich sollte der Westen unsere Fürsten sein. Aber in Deutschland hält man sich lieber an die konservativen Islamverbände.«

 

BUCHTIPP

Abdel-Hakim Ourghi: »Reform des Islam – 40 Thesen«. Claudius Verlag München, 2017. ISBN 978-3-532-62802-7

40 Islam-Reform-Thesen

Abdel-Hakim Ourghi: »Reform des Islam – 40 Thesen«. Claudius Verlag München, 2017. ISBN 978-3-532-62802-7. 18 Euro.

Bestellmöglichkeit: shop.claudius.de/­reform-des-islam

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