Seit einigen Wochen kreist die Berliner Gerüchteküche um einen Mann, der in Düsseldorf sitzt. Hendrik Wüst, Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen von der CDU, soll Kanzlerambitionen haben – er selbst nennt das gegenüber der Nachrichtenagentur dpa "einfach Quatsch." Aber wer solche Gerüchte mit zwei Wörtern abtut und damit nicht kleiner, sondern größer wirkt, der hat offensichtlich etwas, das der politische Betrieb gerade dringend sucht.

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) durchlebt in den Beliebtheitswerten derzeit einen historischen Sinkflug, während Wüst sich auf Rang zwei oder drei der populärsten Politiker eingependelt hat – im wechselnden Wettbewerb mit Cem Özdemir, dem Grünen-Ministerpräsidenten aus Baden-Württemberg. Wer so weit oben steht, hat etwas richtig gemacht – oder zumindest etwas anders. Bei Wüst ist es vermutlich beides.

Ruhig, bodenständig, nahbar – was Wüsts Stil von anderen Christdemokraten trennt

Wüst verbindet, was politischen Figuren gerade so auffällig fehlt: Er wirkt ruhig, bodenständig und nahbar – man sieht ihn mit seiner Frau, den Kinderwagen schiebend, ohne dabei den Eindruck zu gewinnen, hier inszeniert sich jemand als "Familienvater". Er spricht in klaren, einfachen Sätzen, und wirkt in sich ruhend.

Und dann ist da noch etwas, das im modernen Christdemokratismus selten so offen gelebt wird: ein Verhältnis zum Glauben, das nicht an Machtkalkulationen gekoppelt ist, sondern als Ressource erscheint: für Zusammenhalt, Solidarität und Vertrauen. In einer Partei, die mit ihrem C traditionell mehr kämpft als ziert, ist das keine Selbstverständlichkeit. 

Glaube und Religion scheinen für den studierten Juristen der Grundstein seiner politischen Haltung zu sein. Im Interview mit dem Medienmagazin "Pro" sagte Wüst:

"Der Mensch ist Ebenbild Gottes. Das ist Grundlage unserer Politik als Christdemokraten."

Dieses Fundament helfe ihm, "Politik zu machen, die den Menschen mit seinen Bedürfnissen immer wieder in den Mittelpunkt rückt." In dem Sammelband "Hat die Rede von Gott noch Zukunft?", in dem 111 Persönlichkeiten aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen zu Wort kommen, schreibt er, das Gute im Glauben könne Gemeinsamkeit und Zusammenhalt stiften, Konflikte überwinden und Menschen zusammenführen.

Stärke durch Demut: Fehler einzugestehen als politische Haltung

Damit verbindet sich für Wüst auch eine Haltung der Demut. Er wisse, dass ihm die Orientierung am Menschen nicht immer gelingen könne – und das Wissen um die eigene Fehlbarkeit bedeute für ihn, "Mut zu haben, Fehler zuzugeben und einzugestehen, dass man seine Position revidieren muss", heißt es weiter im Buch. Es ist eine Selbstbeschreibung, die in der politischen Kultur der Gegenwart ungewöhnlich klingt– zuletzt hat Robert Habeck (Grüne) diese Sprache der Verletzlichkeit vielleicht noch geprägt, aber dafür mehr Spott geerntet hat als Anerkennung.

Seinen Ursprung hat das im katholisch geprägten Münsterland, wo Wüst aufgewachsen und christlich erzogen worden ist – ein "bodenständiges Wertefundament", wie er es gegenüber der Katholischen Nachrichtenagentur (kna) nannte, das er nie als Entscheidung erlebt hat, sondern als Selbstverständlichkeit.

Entscheidend für seine Glaubenssprache aber wurde etwas anderes: der frühe Tod seiner Mutter. Wüst war 19 Jahre alt, als sie starb, und er berichtet, dass ihm der Glaube in dieser Ausnahmesituation Halt gegeben habe, dass Geistliche ihn in der Trauerzeit tatsächlich getröstet hätten. Damit erlebte er früh, was Seelsorge für einen Menschen leisten kann.

Glaube scheint für Wüst weniger Bekenntnis als biografische Deutungsfolie zu sein, eine politische Herkunftserzählung, die er nicht zur Schau stellt, aber auch nicht verbirgt.

"Für mich ist der Glaube Teil meines Alltags geworden", sagt er, "nicht frömmelnd, aber irgendwo da."

Mehr als Kulisse: Warum Wüst die Kirchen als gesellschaftliche Infrastruktur verteidigt

Dazu gehört, dass Wüst die Kirchen ausdrücklich als gesellschaftliche Infrastruktur begreift – nicht als Kulisse, sondern als tragendes Element des Gemeinwesens. Beim Katholikentag in Würzburg im Mai 2026 betonte er ihre Rolle erneut mit einer Deutlichkeit: für den interreligiösen Dialog, die Wertevermittlung in Kindergärten und Schulen und ihre zivilgesellschaftliche Verankerung.

Er äußerte außerdem sein Bedauern darüber, dass sich viele Menschen von den Kirchen abwenden, und nannte dabei das durch Missbrauchsfälle erschütterte Vertrauen ohne Beschönigung. Zugleich verteidigte er das Recht der Kirchen, sich politisch zu äußern und Widerspruch zu formulieren. Konkret wurde dies in seiner Warnung vor der Verharmlosung der AfD. 

Wüsts christliches Vokabular ist allerdings nicht immer konfliktfrei. Während der Coronapandemie lud es sich politisch auf und drohte geradezu, in eine Disziplinierungssprache zu kippen, die mit dem versöhnlichen Ton nicht mehr viel gemeinsam hatte. In der ARD-Talkshow "Anne Will" im Jahr 2022 stemmte er sich gegen die Ungeimpften mit dem Argument der Solidarität:

"Jetzt kümmern wir uns um die Ungeimpften und führen eine Impfpflicht ein – und wer da nicht mitzieht, der muss damit rechnen, dass er ein Bußgeld bezahlen muss, weil er seiner Impfpflicht nicht nachkommt."

Auf Twitter verdichtete er den Gedanken noch knapper: "Menschen dürfen ihre individuelle Freiheit nicht über die Freiheit der Allgemeinheit stellen." Was wie Nächstenliebe klang, hatte eher die Struktur eines Ordnungsrufs – und Wüst blieb trotz heftiger Kritik dabei. Er wiederholte seine Haltung zur Impfpflicht, bekräftigte sie, ohne zurückzurudern. Keine Reuebekundungen, keine taktischen Kurskorrektur. Stattdessen Konsistenz – was zeigt, dass Wüsts viel beschworene Demut offenbar nicht Nachgeben meint, sondern Klarheit über die eigene Position.

Konsistenz als Kapital: Was Wüsts Wahlsieg 2022 über seinen Politikstil verrät

Und diese Haltung wurde belohnt. Bei den Landtagswahlen 2022 gewann er mit der CDU deutlich. Dieses Ergebnis kann auch als Abstimmung über seinen Stil gelesen werden: ein Politiker, der sagt, was er meint, und meint, was er sagt, auch wenn es unbequem ist, und der sich dabei offen auf seine christlichen Werte bezieht und ohne sie als Legitimationsfolie zu benutzen.

Glaube scheint für Wüst also vor allem eines zu sein: Ressource, Wertefundament, politische Orientierungsmaßgabe. Etwas, das sich im Ernstfall bewähren muss. Ob das immer gelingt, ist eine andere Frage. Aber dass er es ernsthaft versucht, daran lässt er wenig Zweifel.