Wie kann ein liebender Gott Leid zulassen? Der Schwabacher Theologe, Krankenhausseelsorger und Autor Cesare Kaiser widmet sich alten Frage in seinem Buch "Der liebe Gott und die böse Welt". Im Interview spricht er über Zweifel, Hoffnung und die Kraft von Beziehung im Angesicht von Schmerz.
Herr Kaiser, was hat Sie zum Autor gemacht?
Cesare Kaiser: Angefangen hat alles mit einem Buch über Jesus, das ich geschrieben hatte – ein modernes, historisch-kritisches Leben Jesu. Ich wollte damit vieles erklären, was Theologen wissen, aber der "normale" Kirchgänger nicht unbedingt erzählt bekommt. Dieses Manuskript wurde nie veröffentlicht, unter anderem wegen der beigefügten Illustrationen. Der Lektor meinte damals: "Schreiben Sie doch etwas anderes." Und so entstand das neue Buch über die Theodizee. Schreiben ist für mich eine Art theologisches Nachdenken, das ich mit anderen teilen möchte. Und es entstanden gleich weitere Ideen: Ein historisierender Roman über Lazarus liegt fertig in der Schublade.
Warum beschäftigen Sie sich mit der Theodizee-Frage?
Weil man an dieser Frage einfach nicht vorbeikommt, wenn man ernsthaft über Gott und die Welt nachdenken möchte. Seit Jahrtausenden ringen Menschen damit, ob Gottes Gerechtigkeit mit der Realität des Leidens vereinbar ist. Als Theologe steht man mitten in dieser Tradition. Aber bei mir kommt noch etwas hinzu: In meiner Arbeit als Krankenhauspfarrer stoße ich täglich auf diese Frage. Menschen, die plötzlich schwer krank sind, fragen ganz instinktiv: "Warum ich? Habe ich etwas falsch gemacht? Ist das eine Strafe?" Diese unmittelbare Mischung aus Angst, Schuld, Suche und Hoffnung – das geht einem nahe. Und ich habe gemerkt: Es braucht eine Sprache, die weder beschönigt noch in alte Muster flüchtet. Also habe ich mich an diese jahrtausendealte Frage noch einmal ganz persönlich herangewagt.
Sie schreiben im Buch, dass Sie die Theodizee-Frage nicht lösen wollen. Was ist dann Ihr Ziel?
Eine Lösung im strengen Sinn gibt es nicht. Und wer behauptet, sie gefunden zu haben, macht sich etwas vor. Mir geht es darum, den Menschen eine Haltung zu ermöglichen – eine gelöstere, freiere, ehrlichere Art, mit der Frage umzugehen. Ich versuche zu zeigen, dass man Gott fragen darf. Dass Zweifel nicht das Gegenteil von Glauben sind. Jesus selbst hat am Kreuz "Mein Gott, warum hast du mich verlassen?" geschrien. Wenn er das darf, warum sollten wir nicht fragen dürfen? Ich möchte also keine theoretische Antwort geben, sondern eine praktische: Wie halte ich das Spannungsfeld zwischen meinem Glauben und erlebtem Leid aus?
Wie prägt Ihre Arbeit als Krankenhausseelsorger Ihren Blick auf das Leid?
Als Krankenhausseelsorger begegne ich Menschen, die aus dem Nichts heraus schwer krank geworden sind. Viele suchen verzweifelt nach einem Zusammenhang. Manche denken sofort an Schuld: "Habe ich Gott verärgert?" Dabei ist das Bild einer göttlichen Strafe tief in uns verankert – aber es ist im Grunde falsch. Ich erlebe, wie wichtig es ist, den Menschen zu sagen: Krankheit ist kein Urteil Gottes. Hinter dem Leid steht keine göttliche Pädagogik. Diese Begegnungen haben mich gelehrt, behutsamer zu denken und vorsichtig mit einfachen Antworten zu sein.
Sie sprechen im Buch viel über "Beziehung". Warum ist das für Ihre Theologie so zentral?
Weil der Glaube kein Kopfsport ist. Er ist Beziehung. Gott wird in der Tradition als Beziehung gedacht: Vater, Sohn, Heiliger Geist. Das heißt, Beziehung ist etwas Göttliches. Und wir Menschen sind ebenfalls Beziehungswesen – ganz existenziell. Wir kommen durch Beziehungen zur Welt, wir überleben nur durch sie. Wenn Gott also eine Beziehung zu uns eingeht, tut er das nicht aus Notwendigkeit – er hat ja bereits Beziehung in sich. Er tut es, weil Beziehung sein Wesen ist. Doch jede echte Beziehung birgt Risiken: Freiheit, Missverständnis, Konflikt. Ohne diese Elemente wäre sie nicht lebendig. Das ist für mich ein Schlüssel zum Verständnis der Welt.
Es gibt Menschen Ihrer Meinung nach Kraft, trotzdem an Gott festzuhalten?
Die Hoffnung. Nicht im Sinne von: "Alles wird gut." Sondern im Sinne von: "Ich bin nicht allein, selbst wenn nicht alles gut wird." Der berühmte Psalm "Der Herr ist mein Hirte", den so viele Menschen lieben, hat eine dunkle Mitte: "Und ob ich schon wanderte im finstern Tal…" Ich glaube, genau dieser Satz trifft uns ins Herz. Er sagt: Das Tal gehört dazu. Die Dunkelheit bedeutet nicht, dass Gott fern ist. Das ist für viele ein ungeheurer Trost.
Sie schreiben, dass auch das Negative seinen Ursprung in Gott haben müsse. Warum war Ihnen das wichtig?
Weil beim Monotheismus nun einmal alles von Gott kommt – oder gar nichts. Wenn ich das Böse auf einen Teufel outsourcen würde, hätte ich im Grunde zwei Götter. Ich nehme Gott ernst als den einen Schöpfer. Und ich halte es für ehrlicher, auch das Dunkle dem großen Zusammenhang zuzuordnen – ohne zu behaupten, ich könne es erklären.
Ein großes Thema im Buch ist die Gerechtigkeit. Warum?
Weil Gerechtigkeit kein objektiver Maßstab ist, so sehr wir uns das wünschen. Was für mich gerecht erscheint, kann für andere ungerecht sein. Schon bei eigenen Kindern merkt man: Gleichbehandlung ist nicht automatisch Gerechtigkeit. Manchmal ist gerade eine unterschiedliche Behandlung gerecht. Viele Menschen sagen: "Ich kann nicht an Gott glauben, dazu ist mir die Welt zu ungerecht." Aber ich glaube, wir überschätzen dabei unser eigenes Urteilsvermögen. Gerechtigkeit ist komplexer und subjektiver, als wir denken. Das zu erkennen, kann erleichtern.
Sie sprechen im Buch offen über Ihre Multiple Sklerose. Wie hat diese Erkrankung Ihre Sicht auf Gott verändert?
Zunächst einmal: Ich habe die Diagnose relativ spät bekommen, mit Mitte dreißig. Bei MS weiß niemand so recht, woher sie kommt. Das erleichterte es mir, diese Krankheit anzunehmen, da ich mir keine Vorwürfe machen musste. Hätte man mir damals gesagt, ich hätte Lungenkrebs vom Rauchen, hätte ich viel stärker gehadert, weil ich dann gedacht hätte: "Selbst verschuldet." Und ich glaube nicht an einen Gott, der Krankheit als Strafe verteilt: MS ist für mich keine "Bestrafung von oben" für schlechtes Predigen oder so. Das hilft mir, nicht zu verzweifeln. Die Krankheit ist meine Herausforderung, aber sie ist kein göttliches Urteil. Diese Überzeugung macht mich gelassener – und vielleicht auch freier im Denken.
Wie gehen Sie in Ihren Predigten mit Ihrer Krankheit und der Theodizee um?
Ich thematisiere meine Krankheit selten direkt. Die Menschen sehen ohnehin, dass ich nicht der Mobilste bin. Aber ich versuche, in Predigten ehrlich zu bleiben. Wenn ein Thema wie Karfreitag oder Leid aufkommt, sage ich, wie ich es theologisch sehe – nicht als Beispiel, sondern als Mensch, der glaubt und zweifelt und weiterfragt. Ich glaube, die Gemeinde spürt, dass ich nicht aus theoretischer Distanz spreche.