Ich sitze in der hölzernen Kirchenbank, das Gesangbuch vor mir auf der Ablage. Leises Gemurmel streift durch die Reihen und hallt von den hohen Mauern der Kirche wider. Es riecht nach Kerzenwachs, Stein und Holz – dieser typische Kirchengeruch. Im Altarraum steht der Kantatenchor aufgereiht.
Sobald der Kantor die Hände hebt, wird es für einen Moment ganz still. Dann setzen Orgel und Chor wuchtig und geschwollen ein und erfüllen das ganze Kirchenschiff mit Musik.
Glaube als Gegenbewegung: Warum Aufhören radikaler ist als Optimieren
Wenn mich jemand fragt, was Glaube für mich bedeutet, dann bediene ich mich gerne der Worte des Soziologen Hartmut Rosa. Er sagt: "Glaube hat mit dem Aufhören zu tun.” Dabei ist Aufhören nicht nur im Sinne von Beenden gemeint, sondern auch im Sinne von Aufhorchen. Rosa beschreibt dieses Aufhören auch als Anrufbarkeit. Wenn ich mich auf den Glauben einlasse, dann lasse ich mich gewissermaßen rufen.
Dieses Innehalten, das Einlegen von Pausen und das Aufhorchen stehen im Gegensatz zu einer Lebensrealität, in der wir ständig gefordert sind, Leistung zu erbringen, zu wachsen und uns durch Taten zu beweisen. Unsere Welt ist heute stark von kapitalistischen Strukturen geprägt, die sich nicht nur in unserem Arbeitsumfeld niederschlagen, sondern bis zuletzt auch unsere Spiritualität durchdringen.
Moderne Formen der Spiritualität haben daher häufig mit Selbstoptimierung zu tun. Manifestation beispielsweise suggeriert: "Durch eine spirituelle Verbindung mit meinen eigenen Lebenszielen kann ich alles schaffen.” Das Problem bei diesen Formen kapitalistischer Spiritualität ist, dass ein Bild vom Individuum als eigenverantwortlichem Mittelpunkt des Lebens gezeichnet wird.
Der christliche Glaube hingegen führt weg von Selbstoptimierung und Leistungserbringung. In einem Gefüge aus Gott, meinen Nächsten und mir darf ich vertrauen, loslassen und einfach sein.
Kirchenmusik erleben: Wie Orgel und Chor echte Resonanz erzeugen
Kirchen können Orte sein, an denen wir dieses Angerufenwerden besonders stark spüren und uns dann auch darauf einlassen, aufzuhören. Das merke ich immer wieder, wenn ich einen Gottesdienst besuche. Und das hängt für mich auch maßgeblich mit der Kirchenmusik zusammen.
Wenn die Orgel einsetzt und der Chor zu singen beginnt, bekomme ich Gänsehaut. Diese Tiefe und Stimmung der Musik in einer Kirche ist für mich mit nichts vergleichbar.
Zwischen Erneuerung und Verlust: Verliert Kirche ihre eigene Stärke?
Umso unverständlicher erscheint es mir, Pop-Gottesdienste und Worship-Songs als Möglichkeit zu betrachten, Menschen wieder für die Kirche zu begeistern. Natürlich muss Kirche mit der Zeit gehen und Angebote schaffen, die für junge Menschen interessant sind. Ich frage mich jedoch, wie viel des alten Ritus dabei aufgegeben werden darf und sollte, um die Spiritualität nicht auszuhöhlen.
Vor allem die Orgel sollte wieder als absoluter Showstopper wahrgenommen werden. Popsongs kann ich überall hören, aber eine große Orgel, die für jede Kirche eigens abgestimmt und eingebaut wurde, ist doch etwas ganz Besonderes.
Sich auf das zu besinnen, was bereits wirklich gut gelingt, scheint mir manchmal der bessere Rat als die Flucht nach vorn zu ergreifen. Und Spiritualität durch Klang und Tonalität schaffen, zum Innehalten aufrufen mit Orgel und Chor – das kann Kirche!